Peter GAIDA


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„Der Schweiß der Eingeborenen“.

Indigene Arbeitsdienste im französischen Kolonialreich 1900-1946

 

1. Zwangsarbeit in den europäischen Kolonien

2. Im Visier der IAO: das französische Kolonialreich

3. Die Konvention gegen die Zwangsarbeit

4.. Frankreichs Antwort : der Service public obligatoire (1930)

5. Die Portage in Oubangui-Chari (1900-1930)

6. Der SMOTIG auf Madagaskar (1927-1937)

7. Das Office du Niger im Mali (1934-1960)

8. Die Eisenbahnlinie Brazzaville-Océan (1921-1934)

 

 

 

Sklaverei und Kolonialherrschaft sind Themen, die die Geschichtswissenschaft seit geraumer Zeit intensiv beschäftigen. Besonders in Frankreich ist ein halbes Jahrhundert nach der Dekolonisation eine Diskussion darüber entfacht, wie diese koloniale Vergangenheit zu bewerten ist. Auslöser war eine Gesetzesinitiative der konservativen Regierung unter Präsident Jacques Chirac, die eine „positive Rolle der französischen Präsenz in Übersee“ festschreiben wollte und unter Historikern aber auch in den ehemaligen Kolonien auf heftigen Widerstand stieß[1]. Die folgende Studie möchte einen Beitrag zu dieser Diskussion leisten, indem sie ein wesentliches Element der französischen Kolonialherrschaft skizziert, das bislang nicht zuhängend dargestellt worden ist: die Zwangsarbeit der indigenen Völker.

 

Im 20. Jahrhundert wurden Millionen Menschen Opfer von Zwangsarbeit. Wie in keinem anderen Jahrhundert haben totalitäre Systeme wie das Dritte Reich, die Sowjetunion oder die Volksrepublik China Zwangsarbeit benutzt, um Regimegegner auszubeuten, umzuerziehen oder zu vernichten. Unüberschaubar ist die Literatur zur Zwangsarbeit im Dritten Reich, der 12 Millionen Kriegsgefangene, Zivilarbeiter und KZ-Häftlinge zum Opfer fielen: 1935 erließ das NS-Regime den Reichsarbeitsdienst, 1938 einen Arbeitsdienst für Juden, und 1942 den Reichseinsatz für Millionen russische, polnische und französische Zwangsarbeiter. Auch in der Sowjetunion war Zwangsarbeit ein zentrales Element der Repression: bis 1960 wurden Millionen politischer Häftlinge im Gulag Opfer von Internierung, Ausbeutung und Vernichtung. Und in China sind Zwangsarbeitslager (Laogai) noch im 21. Jahrhundert noch fester Bestandteil des staatlichen Justizsystems[

 

Die ersten Arbeitslager für Zivilisten entstehen in Europa bereits im Ersten Weltkrieg. In der Zwischenkriegszeit erlässt die Sowjetunion einen generellen Arbeitsdienst für alle Sowjetbürger. Zwei Jahre später führt auch Bulgarien einen Arbeitsdienst ein. Das Franco-Regime interniert politische Gegner bis in die sechziger Jahre in Arbeitslagern, und 1940 erlässt das Vichy-Regime einen Arbeitsdienst für Ausländer. Rumänien, Bulgarien und Ungarn erlassen im Zweiten Weltkrieg Arbeitsdienste für Juden, den in Ungarn viele nicht überleben. In Asien unter japanischer Besatzung werden Tausende Kriegsgefangene Opfer von Zwangsarbeit oder Zwangsprostitution, und wenig erforscht bleibt bislang der Arbeitseinsatz der Kolonialvölker im Zweiten Weltkrieg[3].

 

 

1. Zwangsarbeit in den europäischen Kolonie

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Völkerbund auf ein Phänomen aufmerksam, das in allen europäischen Kolonien eine gängige Praxis war: die Zwangsarbeit der indigenen Völker. Nach der Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert gingen alle europäischen Kolonialmächte dazu über, den Arbeitskräftebedarf in ihren Kolonien durch die Einführung systematischer Zwangsarbeit zu decken. 1920 beauftragte der Völkerbund die Internationale Arbeitsorganisation (AIO), eine Studie zur Zwangsarbeit in den Kolonien zu verfassen. Ergebnis dieser Studie ist eine umfangreiche Dokumentation über die Praktiken des Arbeitsdienstes in den europäischen Kolonien[4

 

Die ersten, die auf die Zwangsarbeit der indigenen Völker in den französischen Kolonien hinwiesen, waren Journalisten und Schriftsteller. 1925 bereist der Schriftsteller André Gide den Kongo und veröffentlicht ein Buch, das die Arbeitsbedingungen der Eingeborenen beim Eisenbahnbau anprangert: „Die Eisenbahn Brazzaville-Ozean ist ein schreck-licher Verbraucher menschlichen Lebens. Der stark bevölkerte Landkreis um das Fort Ara-chambault (im Norden des franz. Kongo) in Französisch-Äquatorialafrika muss am meisten eingeborene Arbeiter liefern. Die ersten Kontingente mussten viel leiden, sowohl während des Transports als auch auf den Baustellen, wo die Unterbringung und vor allem die Ernährung nicht zufriedenstellend geplant worden sind. Die Sterberate übertrifft die schlimmsten Erwartungen. Wie viele neue Tote braucht die Kolonie noch für ihren zukünftigen Wohlstand?[5].

 

Auch der Journalist Albert Londres bereist ein Jahr lang die französischen Kolonien in Westafrika und prangert die Zustände an, da statt Maschinen der „Bananenmotor“, also die Arbeitskraft der Eingeborenen, für den Aufbau der Kolonien benutzt wird: „Der Neger muss gerettet werden. Um die Neger zu retten, braucht man Geld. Der Benzinmotor muss den Bananenmotor ersetzen. Die Trägerdienste dezimieren Afrika. Im Zeitalter des Automobils wird ein Kontinent entvölkert weil es billiger ist sich der Menschen zu bedienen statt der Maschinen. Das ist keine Wirtschaft mehr, das ist Dummheit. Zwei Millionen Schwarze in Westafrika, hunderttausende in Äquatorialafrika haben den französischen Boden verlassen. Die Gründe sind bekannt. Die Schwarzen sind vor unseren Arbeitsmethoden geflüchtet[6]“. Diese Berichte sorgen für öffentliches Aufsehen und schüren eine internationale Diskussion über die indigene Zwangsarbeit in den Kolonien.

 

Den Journalisten folgt die Wissenschaft. Ende der zwanziger Jahre entstehen zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, die sich mit der Zwangsarbeit in den Kolonien beschäftigen. Diese wissenschaftlichen Arbeiten dienen oft dazu, die Diskussion innerhalb der IAO zu beeinflussen, ein Verbot zu verhindern oder aber für die Kolonialmächte, die auf Zwangsarbeit angewiesen waren, abzufedern. Oft nehmen die Autoren an der internationalen Diskussion teil oder sind Delegierte des IAO. Um sich ein Bild zu machen, unternimmt die IAO Ende der zwanziger Jahre eine Befragung ihrer Mitgliedsstaaten vor, die sich zur Zwangsarbeit in den Kolonien erklären müssen. Dieser Fragebogen erlaubt es sich ein Bild der Gesetzgebung zur Zwangsarbeit der wichtigsten Kolonialmächte zu machen

 

Im Britischen Kolonialreich ist in den zwanziger Jahren die Zwangsarbeit nur in wenigen Kolonien erlaubt und streng reglementiert. In Kenia ist der Rückgriff auf einen Arbeitsdienst zwar gesetzlich erlaubt, wird jedoch 1921 vom Gouverneur als nicht notwendig empfunden, da die Kolonie über genügend freie Arbeiter verfügt. Lediglich 1925 werden 13 000 Zwangsarbeiter zum Bau einer Eisenbahnlinie in Kenia herangezogen, die wie freie Arbeiter bezahlt und schnell ersetzt werden. In einem Briefwechsel zwischen dem Ministerium und dem Gouverneur kommt zum Ausdruck, das „prinzipiell die freie Arbeit der unproduktiven Zwangsarbeit vorzuziehen ist“. Ausnahmen dieser Praktik sind nur für den Transport, bei Hungersnöten und für Kriminelle vorgesehen.

 

In Rhodesien sind die Zwangsarbeit und der Zwangsanbau von Kulturen gänzlich verboten. Im Nyassaland (heute Malawi) können die Eingeborenen für die Instandsetzung der Infrastruktur herangezogen werden, und auf den Seychellen müssen die Landwirte einen Teil ihrer Äcker für den Anbau der wichtigsten Nahrungsmittel reservieren. In Tangayika (Tansania) wurden 1927 rund 40 000 Eingeborene zur Zwangsarbeit herangezogen, davon 33 000 für den Transport. Auch in Ouganda, in Sansibar, in den britischen Teilen Togos und Kameruns sowie in der Goldküste können Zwangsarbeiter für zwei Monate im Jahr verpflichtet werden und erhalten einen geringfügig niedrigeren Lohn als freie Arbeiter. In Nigeria hat die britische Kolonialverwaltung das Recht, für den Bau der Eisenbahn massiv Zwangsarbeiter heranzuziehen, und 1925 verpflichtet sie 13 000 Mann, von denen 300 an Meningitis sterben. In Südwestafrika ist die Zwangsarbeit gänzlich verboten, im Irak verbietet ein Gesetz vom 23. März 1923 die Zwangsarbeit, und für Indien verfügt die AIO über keinerlei Informationen. Insgesamt stellt die IAO fest, dass die Zwangsarbeit im britischen Empire in den zwanziger Jahren im Begriff ist von freier Arbeit ersetzt zu werden und nur noch in Ausnahmefällen (Hungersnöte, Waldbrände, Schädlingsbekämpfung) erlaubt ist[7].

Auch die Niederlande greifen in Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien, systematisch auf Zwangsarbeit zurück, dem so genannten Heerendienst. 1925 bekommt die Kolonie eine eigene Verfassung, die im ihrem Artikel 46 auch „individuelle Dienste der Eingeborenen“ vorsieht. Obwohl generell freie Arbeiter eingesetzt werden sollen, werden auf den Inseln Java und Madura Zwangsarbeiter bei Bewässerungsprojekten eingesetzt. Die Arbeiter erhalten einen Lohn für eine tägliche Arbeitszeit von zehn Stunden. In der Regel werden die Arbeiter für dreißig Tage pro Jahr dienstverpflichtet. Während auf den großen Inseln meist genügend freie Arbeiter zur Verfügung stehen, wird in den entlegenen Provinzen für den Straßenbau auch unbezahlte Zwangsarbeit abverlangt, in Form einer Steuer, die streng reglementiert und kontrolliert wird. Eine holländische Statistik für 1926 zeigt auf, das von 1,4 Millionen Personen, die zur Zwangsarbeit in Niederländisch-Indien verpflichtet waren, rund 800 000 Personen durchschnittlich 19 Tage herangezogen wurden und insgesamt 14 Millionen Arbeitsstunden in einem Jahr geleistet haben, davon ein Großteil auf der Insel Bali. Rund 600 000 Personen konnten sich für drei Millionen Florins von der Arbeitspflicht freikaufen[8].

 

Anders verhält es sich im portugieschen Kolonialreich, wo eine generelle Arbeitspflicht für Eingeborene herrscht. Ein Dekret vom 14. Oktober 1914 legt fest, dass „jeder taugliche Eingeborene  der portugiesischen Kolonien die moralische und rechtliche Verpflichtung hat, sich zu unterhalten und seine soziale Situation durch Arbeit zu verbessern“. „Diese Gesetzgebung“, so einem Schreiben der portugiesischen Regierung an der Völkerbund, „wird von zwei Prinzipien geleitet: der Arbeitsfreiheit und dem Kampf gegen den Müßiggang“. Das Dekret legt fest, dass jeder Eingeborene ohne finanzielle Mittel, Beruf oder Wohnsitz nach Verurteilung zur Arbeit von drei bis zwölf Monaten gezwungen werden kann. Wer den Arbeitsdienst nicht nachkommt, kann zur Strafarbeit verurteilt werden. Der Vertreter Portugals bei der IAO fügt hinzu, dass „dieser Arbeitsdienst auch finanziell abgegolten werden kann, wie das in Portugal auch der Fall ist“. 1926 erhalten die Eingeborenen in Angola und in Mozambique das Recht, das Urteil zur Zwangsarbeit anzufechten, aber bei Arbeitsverweigerung droht ihnen zwei Monate Haft[9].

 

Auch in anderen Kolonien wie im Deutschen Kolonialreich wurde von den indigenen Völkern Zwangsarbeit abverlangt. In Deutsch-Südwestafrika z. B. schufen die Kolonialbehörden 1905 auf der Haifischinsel in der Lüderitzbucht ein Konzentrationslager, in dem die internierten Hereo und Nama Zwangsarbeit leisten mussten. Die schlechte Ernährung und die harte Arbeit beim Straßenbau führen dazu, dass bis 1907 schätzungsweise 3 000 Menschen umkommen[10].

 

Weitaus bekannter ist jedoch die Zwangsarbeit im Freistaat Kongo. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist der Kongo im Privatbesitz des belgischen Koenigs Léopold II., der das Land zur Kautschukgewinnung brutal ausbeutet. 1908 sorgten Berichte über die menschenunwürdigen Ausbeutungspraktiken („Kongogräuel“) international für Aufsehen und zwingen Leopold zum Verkauf des Freistaates an den belgischen Staat. Im November 1908 erfolgt die Umwandlung des Freistaates in die staatliche Kolonie Belgisch-Kongo. Zwischen 1880 und 1920 halbiert sich die Bevölkerung des Kongo, von rund 20 Millionen Einwohnern starben über 10 Millionen durch Gewaltverbrechen, Hunger, Krankheiten und Zwangsarbeit[11]. Als sich die IAO in den zwanziger Jahren mit der belgischen Kolonie befasst, ist noch ein Dekret vom 16. Februar 1910 in Kraft, dass die militärische Dienstverpflichtung von Eingeborenen bis zu zwei Jahren vorsieht.  Die IAO stellt fest, dass die belgische Regierung nur selten Gebrauch von dieser Gesetzgebung macht. Anders verhält es sich bei Trägerdiensten, für die Rekrutierungen von 25 Tagen pro Jahr möglich sind. Auch ist eine Dienstverpflichtung von 60 Tagen bei Ausnahmesituation vorgesehen, und auch der Zwangsanbau ist im Belgisch-Kongo weiterhin legal. Ein Gesetz vom 30. November 1918 sieht vor, das Steuern auch mit Arbeit vergolten werden können, für Bau- und Wartungsarbeiten von Strassen und Kanälen, öffentliche Gebäude und staatliche Unternehmen. Ein Zusatz legt bei Arbeitsverweigerung eine Strafe von 200 Francs oder eine Woche Strafarbeit fest[12].

 

2. Im Visier der IAO: das französische Kolonialreich

 

Frankreich verfügte ein Jahrhundert lang über das zweitgrößte Kolonialreich der Welt. Mit der Kolonialisierung Algeriens 1830 bis seiner Unabhängigkeit 1962 baute Frankreich ein Kolonialreich auf, das hundert Millionen Menschen vor allem im Maghreb, in Schwarzafrika, auf Madagaskar und in Indochina umfasste. Schaut man in die neuere französische Literatur zu den Kolonien, z. B. in den Dictionnaire de la colonisation francaise oder ins Livre noir du colonialisme, so sucht man vergebens einen Artikel zur Zwangsarbeit. Und auch die gängigen Standardwerke zu diesem Thema erwähnen nur kurz die Frage der indigenen Arbeit, vor allem im Zusammenhang mit dem Bau der Eisenbahnlinie Kongo-Ozean. Auch der kongolesische Historiker Elikia M’Bokolo stellt in einem Interview fest, dass die Auswirkungen der Zwangsarbeit im kolonialen Afrika nur schwer einzuschätzen sind[13].

 

Das Hauptaugenmerk lag bislang auf der Frage - wie sie von dem kürzlich verstorbenen französischen Historiker Jacques Marseille erstmals formuliert wurde – in wieweit die Kolonien zu Frankreichs Reichtum beigetragen haben. Während der Faktor Kapital in der französischen Forschung zum Kolonialismus große Beachtung  fand, blieb der Faktor Arbeit bislang unberücksichtigt. Der schweizer Wirtschaftshistoriker Bouda Etemad stellt fest, dass die Arbeitskosten in den Kolonien bei der wirtschaftlichen Analyse des europäischen Kolonialismus bislang keine Rolle spielten, aber dass das in die Kolonialreiche investierte Kapital in der Zwischenkriegszeit höhere Profite brachte als z. B. auf den europäischen Märkten. Nach einem Gespräch mit ihm kamen wir zu dem Schluss, dass für eine vollständige Bilanz des französischen Kolonialismus neben dem investierten Kapitals auch eine Untersuchung der indigenen Arbeit unerlässlich bleibt[14].

 

Die französische Kolonisation beginnt - wie bei anderen Kolonialmächten auch – mit dem „stillen Handel“, den der malesische Erzähler Amadou Hampaté Bâ wie folgt beschreibt: „Vor den großen Entdeckungen stand die Zeit des „stillen Handels“, als die Europäer mit ihren Booten an den afrikanischen Küsten landeten und ihre waren auf dem strand deponierten, Feuer anzündeten und zu den Booten zurückkehrten. Die Afrikaner sahen das Feuer und kamen aus den Wäldern, nahmen die waren der Europäer und legten ihre Schätze auf den strand. Wir kennen diese Periode aus den legenden: die Küstenbevölkerung sah die Europäer als „Kinder des Wassers“, begleitet von den geistern des Ozeans“. Nach den Entdeckungen durch Abenteurer wie Brazza und Stanley  kommt die Periode der Eroberungen, um Handelskontore zu errichten, und Ende des 19. Jahrhunderts beginnt die militärische Besatzung. Amadou Hampaté Bâ, der diese Periode im Mali miterlebt hat, beschreibt die Militärkommandeure als „strenge aber gerechte Idealisten, die ihr Wort hielten, nie plünderten und deren Truppen zuweilen unsere Verbündete im Kampf gegen verfeindete Stämme wurden“: „Zur dieser Zeit“, so Hampaté Bâ „wussten die Afrikaner noch nicht was sie erwartet.“

 

Um die Jahrhundertwende werden zivile Verwaltungen eingerichtet, mit einem von Paris gelenkten Generalgouverneur, seinen Regionalgouverneuren und den „Kreiskommandanten“ (Commandant du cercle), die die Befehle vor Ort ausführten. Die afrikanischen Häuptlinge werden verdrängt oder zu Kantonvorstehern ernannt, um nach einer kurzen Ausbildung der Kolonialmacht „als treue Diener Frankreichs“ zur Verfügung zu stehen. Schließlich folgt - so Hampaté Bâ - die „Herrschaft der Handelskammern“, und die daraus resultierende wirtschaftliche Ausbeutung der Kolonien, mit einer Regulierung des Marktes, dem Zwangsanbau bestimmter Kulturen und dem Arbeitsdienst für private und öffentliche Großprojekte. Hampaté Bâ, damals junger Kolonialbeamter im Obervolta, schreibt in seinen Memoiren zu den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und seinen afrikanischen Kolonien: „Je nach industriellem Bedarf des Mutterlandes leitete der Kolonialminister auf Verlangen der Handelskammern die Bestellungen an die Generalgouverneure weiter. Die Gouverneure verteilten die Bestellungen auf die Landkreise, und die Kantonsvorsteher bekamen den Auftrag, die notwendigen Mengen Erdnuss, Baumwolle, Kapok (Pflanzendaunen) oder Latex einzutreiben. Die Bauern mussten die bestellten Mengen liefern, auch wenn sie dadurch ihre eigenen Felder stark vernachlässigten[15].“

 

Ideologisch war die Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels - wie in anderen Kolonialreichen auch – die vorgeschobene Motivation Frankreichs, um in seinen Besitzungen eine „zivilisatorische Mission“ durchzuführen, die nach der Befreiung der Sklaven und der „Befriedigung“ (pacification) der in Besitz genommen Gebiete vor allem die Einführung einer exportorientierten Markt- und Geldwirtschaft zum Gegenstand hatte. Doch dieser erzwungene Übergang zum Kapitalismus erforderte die Errichtung von Infrastrukturen, die erst eine profitable Ausbeutung der Kolonien ermöglichten. Im Gegensatz zu Französisch-Algerien oder Indochina, wo privates Kapital und staatliche Lenkung bereits Ende des 19. Jahrhunderts funktionierende Volkswirtschaften vorfanden oder ausbauten, mussten in Madagaskar, Äquatorial- und Westafrika die französischen Kolonialverwaltungen auf verschiedene Formen von Zwangsarbeit zurückgreifen, um in sich selbst versorgenden Gesellschaften über die notwendigen Arbeitskräfte verfügen zu können.

 

Erste Ansätze dazu finden sich im Senegal mit der Errichtung von „Dörfern der Freiheit“ (villages de liberté), die zwischen 1853 und 1910 entlaufene Sklaven aufnahmen und sie im Gegenzug zu Arbeitsleistungen heranzogen. Doch der wachsende Bedarf an Arbeitskräften war mit diesen Mitteln nicht zu lösen, so dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts paradoxerweise die Dritte Republik die Kopfsteuer (taille) und den Arbeitsdienst (corvée) in ihren Kolonien einführte, die nach der Französischen Revolution 1789 auf dem europäischen Kontinent verschwunden waren. Da die Nachfrage an freier Arbeit im französischen West- und Äquatorialafrika zu gering war oder wie in Madagaskar koloniale Vorhaben auf Widerstand stießen, schufen die Kolonialverwaltungen per Gesetz mehrere Möglichkeiten, die Eingeborenen zur Arbeit heranzuziehen, die ein halbes Jahrhundert ein wesentliches Merkmal der französischen Kolonialherrschaft in Afrika bleiben sollten.

 

Die Finanzierung der Kolonien erfolgt über eine „Kopfsteuer“ (impot de capitation), die bereits 1860 erstmals im Senegal eingeführt wird. Diese Kopfsteuer trifft alle Erwachsenen ohne Unterschied des Geschlechts, bis auf Mütter von Großfamilien und ab 1938 auch ehemalige Kolonialsoldaten. Der Steuersatz variiert je nach Kolonie oder Landkreis, angepasst an die wirtschaftliche Kraft der Region. Diese Flexibilität erlaubt es auf wirtschaftliche Krisen zu reagieren, vor allem Hungerskrisen, die die ländliche Bevölkerung in die Städte treibt und wo sie mit eine höhere Steuer zu zahlen haben. Im Gabun z. B. variiert die Steuer zwischen zwei und zwanzig Francs, in Libreville aber belief sie sich mit 28 Francs so hoch wie ein Monatsverdienst. Die Erfassung der Steuerpflichtigen erfolgt durch regelmassige Volkszählungen, die jedoch manipuliert oder durch Migration erschwert werden. Amadou Fall stellt fest, dass auch Verstorbene, Kinder oder Durchreisende in den Listen erfasst werden, so dass die tatsächliche Steuerlast höher ausfällt. Insgesamt führt die Einführung der Kopfsteuer zur Verstärkung der Geldwirtschaft und zur Entwicklung einer Arbeitsmigration: Stämme wie die Mossi im Obervolta, die Bambara im Sudan oder die Peulhs in Guinea emigrieren in den Senegal oder in die Elfenbeinküste, um durch Lohnarbeit ihre Familien von der Steuerlast zu befreien. Die Kopfsteuer, stellt Amadou Fall fest, deckt bis in die dreißiger Jahre gut die Hälfte des Haushalts der Kolonialverwaltungen im Sudan oder in Guinea.

 

Die rechtliche Grundlage der französischen Herrschaft in den Kolonien ist ein Gesetzestext, der zwischen französischen Bürgern (citoyens) und französischen Untertanen (sujets) unterscheidet, das „Eingeborenengesetz“ (Code d’Indigénat). Der französische Historiker Olivier Le Cour Grandmaison, der ein kontroverses Buch über die französische Kolonialpolitik in Algerien geschrieben hat, behauptet, dass die Dritte Republik einen „Staatsrassismus“ in den Kolonien betrieben hat, der in dem „diskriminierenden Eingeborenengesetz zum Ausdruck kommt[16]“. Le Cour Grandmaison ist einer der wenigen Historiker, der sich mit den Eingeborenengesetzen beschäftigt hat. Der Code de l’Indigènat ist eine Verordnung mit Verboten für die indigene Bevölkerung, der erstmals im Februar 1875 in Algerien in Kraft tritt und um die Jahrhundertwende in allen französischen Kolonien zur Anwendung kommt. Die Verordnung beinhaltet 27 Verbote, die alle Lebensbereiche der Eingeborenen betreffen und bei Nichtbeachtung strafrechtlich geahndet werden, meistens in Form der Peitsche, wodurch sie auch den Namen „Schlagstockgesetz“ bekommt.

 

Bestraft werden die Nichtmeldung von Geburten, Todesfällen und Verbrechen; die Nichtbeachtung einer offiziellen Vorladung; Respektlosigkeit gegenüber Kolonialbeamten; Verweigerung von Informationen; illegaler Waffenbesitz; Beerdigung außerhalb des Friedhofs; Betteln außerhalb der Kommune; Versammlung, Hausbau oder Schlachtung ohne Genehmigung; Verlassen der Kommune ohne Genehmigung; Vernachlässigung der Steuerzahlungen; Verweigerung von Lebensmitteln oder Hilfskräften an die Kolonialbeamten; Verweigerung von Transportdiensten und Vernachlässigung des Arbeitsdienstes[17]. Diese Anordnung, für La Cour Grandmaison ein „juristisches Monster“, schafft die rechtliche Grundlage für einen systematischen Arbeitseinsatz der indigenen Völker im französischen Kolonialreich.

 

3. Die Konvention gegen die Zwangsarbeit

 

Prinzipiell lassen sich im französischen Kolonialreich vier Formen der Zwangsarbeit feststellen: die älteste Form ist der Trägerdienst (Portage), um Mensch und Material in Kolonien ohne Straßennetz zu transportieren. Eine zweite Form ist der Zwangsanbau (cultures obligatoires), um Hungersnöte zu vermeiden und neue Kulturen wie z. B. Baumwolle für den Export ins Mutterland anzubauen. Mit der Einführung von Steuern, wird die Kopfsteuer (impôt de capitation) eingeführt, die bei fehlenden finanziellen Mitteln in Form von Dienstleistungen (Prestations) abgearbeitet wird. Schließlich erfolgen auch Einberufungen (Requisitions) in die Armee, wobei die unbenötigten Rekruten in Arbeitskompanien (2e portion du contingent) einberufen werden, um der Kolonialverwaltung für öffentliche Projekte zur Verfügung zu stehen.

 

Der IAO-Bericht von 1929 stellt zur Frankreich fest, die „der Arbeitsdienst zurzeit in allen französischen Kolonien die Regel ist“. Hauptstreitpunkt zwischen Frankreich und der IAO sind die Prestations, die Frankreich nicht als Zwangsarbeit, sondern als eine steuerliche Maßnahme betrachtet. Die französischen Vertreter bringen zum Ausdruck, das die Prestationeine „provisorische“ Steuer ist, von der man sich freikaufen kann und dem Gemeinwohl der Kolonie zugute kommt: also kann die Prestation nicht als Zwangsarbeit betrachtet werden. Die Vertreter der IAO dagegen argumentieren, das ein Freikauf nur dazu führt, dass nicht genügend Arbeitskräfte vorhanden sind und somit auf Zwangsarbeit zurückgegriffen werden muss. Sind die Prestations aber eine reine Steuermaßnahme, sollte Frankreich auf die Arbeitsleistung verzichten und eine direkte Steuer einführen. Der französische Antrag, die Prestations außer acht zu lassen wird von der Kommission abgelehnt, und die Prestations werden als „unbezahlte Zwangsarbeit“ definiert[18].

 

Die Dauer der Prestations variiert im französischen Kolonialreich zwischen drei Tagen in Algerien und sechzehn Tagen in Indochina, wobei die IAO zweifelte, ob die Vorgaben auch immer eingehalten werden. In Algerien sind nach einem Dekret vom 15. Juni 1899 alle europäischen und indigenen Familienväter zu drei Tage Arbeitsdienst verpflichtet, wobei der Freikauf in Algerien die Regel ist. Der Arbeitseinsatz kommt in den zwanziger Jahren kaum noch vor, und 1925 spülen die Einnahmen aus dem Freikauf 33 Millionen in die Kassen der Kolonialverwaltung. Auch in Marokko und Tunesien ist der Freikauf üblich, für sieben Francs für drei Tage.

 

In Kamerun können alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren zu zehn Tagen Arbeit herangezogen werden, wenn sie sich nicht für zwei Francs freikaufen können. Im Gabun, Mittel-Kongo, Oubangui-Chari, Tschad legt ein Dekret vom 7. Januar 1925 das Mindestalter aus fünfzehn Jahre und den Satz für den Freikauf mit zwei bis vier Francs pro Tag fest. In Westafrika werden die Prestations auf 12 Tage pro Mann und Jahr festgesetzt, der Freikauf bleibt nur den Stadtbewohnern möglich. In Indochina wurde die corvée zu einer Steuer umgewandelt, aber die IAO verfügte 1929  über keinerlei Information zu den Prestations in Tonkin und Cochinchine. in Laos bestand ein Arbeitsdienst von 16 Tagen, in Kambodscha erfolgen ausschließlich Requisitionen. Lediglich in Annam wurde generell der Freikauf ermöglicht. Auf Madagaskar dagegen werden in den zwanziger Jahren keine Prestations mehr verlangt, dafür können alle wehrtauglichen Männer in Arbeitskompanien einberufen werden. Lediglich im Togo, so die IAO, wird angesichts des Überschusses an Arbeitskräften kein Arbeitsdienst verlangt[19].

 

Die Dienstverpflichtung (Requisition) für öffentliche Bauvorhaben ist im französischen Kolonialreich das zweite Mittel, um Arbeitskräfte zu verpflichten. Die IAO kommt zu dem Schluss, dass angesichts der mangelnden Gesetzeslage es im Ermessen der Gouverneure zu liegen scheint, wann und wie viel Arbeiter angeworben werden. In Kamerun arbeiten 6 000 Mann beim Bau von Eisenbahnlinien beschäftigt. in Französisch -Westafrika werden die Arbeiter für den Eisenbahnbau in Rahmen des Militärdienstes für drei Jahre verpflichtet. Auch auf Madagaskar erlaubt ein Dekret von 1926 die Dienstverpflichtung für öffentliche Arbeiten, die wie die IAO anmerkt, ein Novum darstellt.

 

Neben diesen Dienstverpflichtungen für öffentliche Arbeiten beschäftigt sich die IAO auch mit Rekrutierungen für private Unternehmen in den Kolonien. Die Historikerin Catherine Coquery-Vidrovitch hat sich mit den Konzessionen im Kongo beschäftigt und zeigt auf, dass die französische Regierung um die Jahrhundertwende riesige Gebiete als Konzessionen an private Firmen vergibt, um die Kolonie durch die Gewinnung von Kautschuk und Elfenbein wirtschaftlich aufzubauen. Die Anwerbung von Arbeitskräften wurde den Firmen überlassen, und um die Kosten zu senken, wurde auf eine Mechanisierung verzichtet. Die Arbeit erfolgt im Rahmen der „Kopfsteuer“, die die Steuerpflichtigen bei den Konzessionen abarbeiten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigen Inspektionsbereichte, dass die Steuereintreibung durch die Firmen zur Ausbeutung der lokalen Bevölkerungen geführt hat, und nach dem Ersten Weltkrieg übernimmt die Kolonialverwaltung wieder die Steuereintreibung[20]. 1929 stellt die IAO fest, dass die Zwangsarbeit für private Firmen im Kongo abgeschafft worden ist. Gleichzeitig kritisiert sie aber die Situation in Syrien und in Marokko, wo Großgrundbesitzer von ihren Pächtern für die franz. Kolonialverwaltung die Steuern eintreiben und sie zu öffentlichen Arbeiten heranziehen können, die oft privaten Zwecken dienen[21].

 

 

Drei Kolonialmächte ratifizieren die Konvention von 1930 nicht: Portugal, Belgien und Frankreich.

 

 

4.. Frankreichs Antwort : der Service public obligatoire (1930)

 

Die Verabschiedung der Konvention zur Abschaffung der Zwangsarbeit löst in Frankreich eine heftige Diskussion aus und veranlasst die Regierung dazu, die Zwangsarbeit in den Kolonien im August 1930 neu zu regeln.  Für die Kolonialpresse ist die Konvention ein Angriff auf die französische Souveränität. Für die Zeitung Dépêche Coloniale stellt sie eine Übertreibung dar, die dazu führt, dass Frankreich sich „nur noch von seinen Kolonien verabschieden kann“, während Nationen wie das Deutsche Reich die Frage der Zwangsarbeit gleichgültig lässt. Der Artikel kommt zu dem Schluss, dass „der französische Paternalismus in den Kolonien mit Zwangsarbeit nichts gemein hat“. Auch die Zeitung La Quinzaine coloniale stellt fest, dass die Zwangsarbeit durch den Bau von Strassen abgenommen hat und sich auf Kolonien begrenzt, die über keine Infrastrukturen verfügen und deswegen noch einen Arbeitsdienst benötigen. Der Artikel schließt mit der Frage, ob „unsere Kolonien nun vom Ausland kontrolliert werden sollen“. Lediglich die Annales coloniales unterstützen die Befürworter der Konvention, da „die Zwangsarbeit nur eine faule Ausrede ist, die den Fortschritt und die Zivilisation hemmt“. Insgesamt stellt die Konvention für die konservative Presse eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Frankreichs dar, die auf klare Ablehnung stößt[22].

 

Auch in der Regierung, vor allem im Kolonialministerium, kommt es zu heftigen Debatten zwischen den Befürwortern und den Gegnern von Zwangsarbeit. In mehreren Sitzungen diskutiert der Wirtschaftsrat des Kolonialministeriums die Frage und die franzosische Position. Hauptstreitpunkt wird die Frage, wie man die Eingeborenen in den armen Kolonien dazu bewegen kann, eine Lohnarbeit aufzunehmen, um so auf Zwangsarbeit verzichten zu können. Der ehemalige Gouverneur von Madagaskar Jean-Victor Augagneur stellt in einer Sitzung des kolonialen Wirtschaftsrates fest, dass nur neu geschaffene Bedürfnisse die Eingeborenen dazu bewegen werden, eine Lohnarbeit aufzunehmen. Gleichzeitig ist sich der Rat einig, dass vor allem in Äquatorialafrika (AEF) die Hungersnöte nur bekämpft werden können, wenn die Kolonialverwaltung auch weiterhin Zwangskulturen für die Lebensmittelversorgung aufrecht erhält. Befürworter der Zwangsarbeit wie das Mitglied der Kolonialpartei Du Vivier du Steel halten dagegen, dass ein Wachstum in den Kolonien nur mit einem wirtschaftlichen Überschuss erreicht werden kann, der in unterentwickelten und bevölkerungsarmen Kolonien die Zwangsarbeit notwendig macht. Zwang ist für ihn auch in europäischen Staaten vorhanden, etwa bei der Schulpflicht oder dem Militärdienst, und es wäre „unmenschlich unsere Untertanen am Hunger sterben zu lassen, da es unsere Pflicht ist, sie Schritt für Schritt an die Zivilisation heranzuführen“.[23]

 

Der Gouverneur Augagneur verfasst einen Bericht über die Situation in Äquatorialafrika, wo er auf die Probleme aufmerksam macht. Das Territorium ist das am wenigsten besiedelte Gebiet des französischen Kolonialreichs, wo dem Arbeitsdienst 1921 nur 600 000 Männer zur Verfügung standen. Um die Bevölkerungszahl zu erhöhen, befürwortet der Bericht den Zwangsanbau, um durch eine konstante Ernährung die Geburtenrate zu erhöhen. Der Transport von Arbeitskräften in andere Regionen - wie beim Bau der Eisenbahn Kongo-Ozean - sieht er jedoch als ein Problem, das ohne die notwendigen Vorkehrungen „ zu einer Todesrate von 48 Prozent geführt hat“. Generell fordert er die Abschaffung unnötiger Maßnahmen wie die Umsiedlung von Arbeitern und die kontraproduktive Anwerbung von Kolonialsoldaten. Sein Bericht schließt mit der Forderung, die Gesetzgebung zur Zwangsarbeit in den Kolonien neu zu überdenken[24].

 

1930 reagiert die französische Regierung auf die Konvention und die öffentliche Diskussion mit einer Neuregelung des Arbeitsdienstes in den Kolonien.  Am 21. August 1930 erlässt sie ein Dekret, das den Arbeitsdienst in allen seinen Aspekten zu regeln versucht. Wie der Kolonialminister Francois Pietri in seinem Bericht an den Präsidenten feststellt, „ist es der formelle Wunsch Frankreichs, das die Konvention unterstützt, diese Form der Arbeit progressiv zu untersagen, aber die temporären Requisitionen werden aufrecht erhalten“. Die Konvention stellt für den Minister die souveränen rechte Frankreichs in Frage, und für ihn wäre „eine Absichtserklärung einer detaillierten Regelung vorzuziehen“. Obwohl Frankreich dem „Liberalismus seiner kolonialen Tradition treu bleibt“, ist in den kolonialen Territorien „der Arbeitsdienst für gewisse Zeit noch unerlässlich“. Für den Kolonialminister sind diese Zwangsarbeiten „praktische Anwendungen, durch die die Eingeborenen besser für den Fortschritt vorbereitet werden, den die Zivilisation von ihnen verlangt“.

 

Das Dekret vom 21. August 1930 erteilt den Generalgouverneuren die Möglichkeit, in den Kolonien auf einen Arbeitsdienst zurückzugreifen, „in Erwartung einer vollständigen Abschaffung dieser Form von Arbeit“. Der zweite Artikel definiert den öffentlichen Arbeitsdienst als „Dienst oder Arbeit, die von einen Individuum gegen seinen Willen abverlangt wird“. Ein Rückgriff auf den Arbeitsdienst ist generell nur zulässig, wenn nicht genügend freiwillige Arbeiter gefunden werden. Davon unberührt bleiben die Abarbeitung einer Steuerlast (Prestation) und der militärische Arbeitsdienst (2e portion du contingent). Ausgenommen bleibt auch der Fall höherer Gewalt, wie der Verteidigungszustand oder Katastrophen. Zuständig für die Rekrutierung sind die Gouverneure, die aufgefordert werden, in ihren Kolonien eine entsprechende Gesetzgebung einzuleiten. Auch der Zwangsanbau soll allein durch die Gouverneure und nur im Rahmen der Vermeidung von Hungersnöten erfolgen. Alle früheren Erlasse werden ungültig, und der Staatspräsident Gaston Doumergue beauftragt den Kolonialminister mit der Ausführung des Dekrets[25].

 

Eine Umsetzung des Dekrets findet vor allem in Französisch-Westafrika statt. Am 18. Februar 1933 erlässt der Gouverneur Brevie in Dakar eine Weisung, die eine neue Kolonialbehörde schafft, den „Service de la main-d’oeuvre publique obligatoire“, der den Arbeitsdienst in AOF zentral leiten soll. Ein Jahresplan öffentlicher Vorhaben wird eingeführt, und die Anwerbungen werden vor Ort von einer Kommission geleitet, die das Alter und die Arbeitsfähigkeit der Rekrutierten überwachen soll. Vom Arbeitsdienst ausgenommen bleiben indigene Soldaten, Angestellte und Dorfvorsteher. Auch Schüler, Händler und „jeder Eingeborene, der sechs Monate Arbeitsdienst in den letzten fünf Jahren nachweisen kann“, sind vom Dienst befreit. Der zu leistende Zeitraum wird auf sechs Monate pro Jahr begrenzt, bei neun Stunden täglich, zwei Stunden Pause und einem freien Sonntag zur Hygiene und Erholung. Der Mindestlohn wird vor Ort entschieden, und Vorschüsse, Abzüge sowie Rücklagen (pécule) die die Behörde vornimmt, werden in einem Lohnheft festgehalten. Neben der Lohnzahlung verpflichtet sich die Kolonialverwaltung die Arbeiter sowie ihre Familien zu ernähren und zu beherbergen. Die Arbeiterlager sollen mit sanitären Anlagen und Krankenstationen ausgestattet werden, im Krankheitsfall erfolgt eine Lohnfortzahlung[26]. Auch die Portage in AOF wird reglementiert: Nur wenn keine Strassen oder Lastentiere verfügbar sind, können Männer für Trägerdienste verpflichtet werden. Eine Ausnahme stellen ältere Kolonialbeamte sowie deren Frauen und Kinder dar, die auf Wunsch weiterhin in einer Hängematte getragen werden können. Der tägliche Marsch wird auf sechs Stunden und 25 kg pro Träger begrenzt. Der Lohn richtet sich nach der zurückgelegten Entfernung, die zwei Verwaltungskreise nicht überschreiten darf, und im Todesfall bekommt die Familie eine Entschädigung[27].

 

3. Die Portage in Oubangui-Chari (1900-1930)

 

Die Portage im kolonialen Afrika ist kaum erforscht, obwohl es in Schwarzafrika immer Lastenträger gegeben hat. Zu Beginn der Kolonisation gewinnt die Portage aber bis dahin unbekannte Ausmaße, um die isolierten europäischen Posten im afrikanischen Dschungel mit Lebensmittel und vor allem mit Munition zu versorgen. Zunächst folgen die europäischen Expeditionen den Flussläufen, doch um sie zu erreichen, sind die Europäer auf Lastenträger angewiesen. Die Kolonialverwaltung behielt das Recht vor, die Eingeborenen als Lastenträger (Portage) heranzuziehen, um bei der Erforschung Afrikas Mensch und Material zu transportieren. Um Flussläufen zu folgen, wurde die Portage auf den Transport zu Wasser (pagayage) ausgedehnt, um so immer über genügend Ruderer zu verfügen. Für die französischen Kolonien waren die Lastenträger zu Beginn der Kolonisation von strategischer Bedeutung, um die eroberten Territorien miteinander zu verbinden und zu versorgen.

 

Der französische Historiker Pierre Mollion hat die Portage in Oubangui-Chari untersucht, der heutigen Zentralfrikanischen Republik[28]. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt es die Verbindung zwischen der Küste in Französisch-Kongo und dem Tschad im Hinterland herzustellen. Im Westen von Deutsch-Kamerun und im Osten vom Belgisch-Kongo begrenzt, konnte die Verbindung zwischen Brazzaville und dem Tschadsee nur mit Lastenträgern aufrechterhalten werden, die die Flussschifffahrt ergänzten. Die Verbindung von der Küste (Luango) bis Brazzaville im Französisch-Kongo begann zunächst über Land, ab1898 benutzte die Kolonialverwaltung die belgische Eisenbahnstrecke Matadi-Léopoldville. Danach wurden die Waren ins gegenüberliegende Brazzaville transportiert, und von dort aus über den Oubangui-Fluss bis nach Bangui, der heutigen Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. In Bangui begann ein 150 Kilometer langer Militärpfad bis zum Fort Archambault am Chari-Fluss, wo der Wassertransport bis zum Fort Lamy (heute N’Djamena) wieder aufgenommen werden konnte. Bis zum Bau von Strassen um 1930 war diese Trasse die einzige Verbindung des Tschads mit der Küste[29]

 

Die Träger wurden in der Regel zwangsverpflichtet, Freiwillige waren eher die Ausnahme.  Die unliebsame Portage führte zu Flucht der Bevölkerung, so dass die Kolonialverwaltung auf Zwangsrekrutierungen angewiesen war, die zuweilen zu Terroraktionen ausarteten. Auf der 150 Kilometer langen Strecke zwischen den Oubangui und dem Chari lebte der Stamm derMandjas, der allein zwischen 1900 und 1902 über 60 000 Träger stellen musste, im Monat durchschnittlich 3 500 Mann. Meistens sind die Anwohner entlang des Pfades betroffen, Bauern, die in der Regel acht Tage, an denen ihre Felder nicht bestellt wurden, Zwangsarbeit leisten mussten. Dazu kommen die Pflege der Wege und die Steuereintreibungen. In der Süd-Nord-Route wurden jedes Jahr 360 Tonnen Verpflegung und Munition transportiert, und auf dem Rückweg Körbe mit Kautschuk bis nach Brazzaville. Im Ersten Weltkrieg steigt der Bedarf an Trägern für die französische Armee, die im Kamerun Krieg gegen das Deutsche Reich führt. Die Träger werden für mehrere Monate rekrutiert und kommen oft nicht zurück.

 

Ab 1910 wurde die Portage reglementiert: das Gewicht wurde auf 30 kg begrenzt, und für den Passagiertransport wurden nun vier Träger erforderlich. Die Transporte wurden bewacht, um die Träger zu kontrollieren und gleichzeitig zu beschützen: zuweilen wurden flüchtige Träger von Kannibalenstämmen getoetet. Die Ernährung bleibt ein Hauptproblem, die Arbeiter müssen sich selbst verpflegen und Erschöpfung und Hunger fordern ihre Opfer. Ab 1912 errichtet die Kolonialverwaltung eine Transporttruppe für die Verpflegung, auch wird eine Entschädigung von 0,10 Francs pro Träger an den Dorfvorsteher gezahlt. Nach Versuchen die Träger durch Lastentiere zu ersetzen, sinkt die Zahl der Zwangsrekrutierungen schließlich mit dem Ausbau von Strassen in Französisch-Äquatorialafrika. Ab 1918 erhalten die Träger einen Lohn von 1,20 Francs pro Tag, und ab 1923 benutzt nur noch die Armee Träger. Die Portageerfolgt danach auf freiwilliger Basis und wird zu einer lukrativen Lohnarbeit, um der Feldarbeit zu entgehen und so die ersten Ansätze einer Geldwirtschaft in der Region zu schaffen.

 

Die Zwangsarbeit im Transport hat erhebliche Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung. Von 1900 bis 1920 ist der Widerstand gegen die Zwangsrekrutierungen erheblich: die Träger flüchten, die Anwerber treffen in den Dörfern mit Pfeilen auf heftigen Widerstand. Manche Kolonialbeamte werden gefangen und getötet. 1907 beginnt die Kolonialmacht die Träger zu registrieren, und bei Flucht vor der Rekrutierung werden die Frauen und Kinder als Geiseln genommen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden systematisch „Geisel-Dörfer“ geschaffen, in denen die Frauen und Kinder festgehalten werden, bis die flüchtigen Männer zum Arbeitsdienst auf dem Dschungel kommen. Andere Folgen der Portage sind die Entvölkerung ganzer Dörfer, die in den belgischen Teil des Kongo flüchten ; eine steigende Todesrate, weil die Felder nicht mehr bestellt werden ; Krankheiten wie die Schlafkrankheit und Pocken, die die Träger auf ihren Wegen verbreiten und eine sinkende Produktion von Kautschuk. Pierre Mollion schließt mit der Feststellung, das die Bilanz der Portage in Oubangui-Chari negativ bleibt: „Politische Instabilität, Revolten und Repressionen, Entvölkerung, Ernteausfälle. Die Kolonialverwaltung forderte und wartete vergeblich auf den Bau einer Eisenbahnstrecke, die Leid und Menschenleben verschont hätte“.[30]

 

Die Portage in Äquatorialafrika beschreibt auch der Kolonialbeamte Georges Toqué, der mit 22 Jahren die Leitung eines Stützpunktes in Französisch-Kongo übertragen bekommt. Sein Fall wird bekannt, weil er nach Kämpfen mit dem Mandjia-Stamm einen Häuptling mit Dynamit im Anus exekutieren lässt und damit einen politischen Skandal auslöst, der die Presse und sogar das Parlament in Paris beschäftigt. Eine Mission unter der Leitung von Brazza stellt seine Schuld fest und verurteilt ihn zu vier Jahren Haft. Toqué schreibt über seine Erfahrungen ein Buch, in dem er die ständigen Militärmissionen zur Sicherung der Transportwege und zur Steuereintreibung in dieser Region beschreibt. Bewaffnete Auseinandersetzungen und zerstörte Dörfer, Geiselnahmen und Strafen sind an der Tagesordnung, wie die Peitsche, das Gefängnis, die Deportation oder die Todesstrafe[31]. Zur Portage schreibt er: « Die Weißen brachten diese furchtbare Qual der Portage mit, die zerstört, tötet und dezimiert ; furchtbares Leid, dass den Menschen vom Heim wegreißt, um ihn auf den Pfaden zu schleifen und unter dem Gewicht der Last zu erdrücken. Die Toten wurden nicht mehr gezählt, die Dörfer wurden furchtbare Massengräber (…). Diese Last war von tausend Schmerzen begleitet, die den Tod brachten: Hunger, Krankheit, Gefangenschaft. Und dieses Martyrium ging immer weiter, trotz der Versprechen der Weißen, die sich ohne Zweifel über diese Unglücklichen lustig machten. Die Weißen litten auch an der Situation, über die sie sich im Klaren waren. Sie waren angewidert von diesem ihnen aufgezwungenen Beruf, Beruf für Grobschlächtige ohne Seele, für Banditen und Henker!“[32]

 

 

5. Der SMOTIG auf Madagaskar (1927-1937)

 

Die Portage bleibt jedoch nur ein schlechter Ersatz fehlender Transportwege, die in den meisten afrikanischen Kolonien Frankreichs nicht vorhanden sind und so eine wirtschaftliche Ausbeutung hemmen. Im Zuge der französischen Politik einer „mise en valeurs des colonies“, wie sie der Kolonialminister Albert Sarraut propagiert, ist der Generalgouverneur von Madagaskar Joseph Gallieni einer der ersten, der einen gesetzlichen Arbeitsdienst auf Madagaskar schafft, um Strassen und Eisenbahnlinien zu bauen. Pionier der Kolonisation mit langjährigen Erfahrungen in Afrika und Indochina, vertritt Gallieni die Ansicht, dass die Eingeborenen durch Steuern zwar „moralisiert“, aber erst durch die Eisenbahn „zivilisiert“ werden. Der französische Historiker Jean Frémigacci, dem wir nach einem Treffen im Kolonialarchiv wichtige Hinweise verdanken, hat den Bau der Eisenbahnen auf Madagaskar untersucht und die von Gallieni eingeführte Zwangsarbeit erstmals beschrieben[33]

 

Der Bau von Eisenbahnlinien auf Madagaskar beginnt um die Jahrhundertwende, und da sich keine privaten Investoren das Vorhaben finden, übernimmt der Staat den kreditfinanzierten Bau. Wie einst der Anbau von Zuckerrohr die Sklaverei auf der Insel einführte, schafft der Eisenbahnbau verschiedene Formen von Zwangsarbeit. Zwangsarbeit auf Madagaskar hat eine lange Tradition: als Frankreich 1896 die Insel annektiert, regiert das Königreich der Merinaden Grossteil der Insel, deren Macht auf Sklaverei und dem Frondienst (fanompoana) basiert. Nachdem die Franzosen die Insel militärisch besetzen wird die Sklaverei abgeschafft, und der Frondienst wird durch die Prestations ersetzt, die alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren für 50 Tage leisten müssen. Die Prestations liefert so die notwendigen Arbeiter auf die französischen Plantagen und für den Transport. Ende 1900 schafft der Gouverneur Gallieni diePrestations auf der Insel ab, um sie durch höhere Steuern zu ersetzen. Gleichzeitig glaubt er, durch höhere Löhne beim Eisenbahnbau eine „ökonomische und soziale Revolution“ auf der Insel auszulösen.

 

Doch die Arbeit beim Eisenbahnbau findet wenig Interesse auf der Insel, und nach erfolglosen Versuchen, italienische, chinesische und indische Arbeiter zu importieren, beschließt Gallieni 1902 die Dorfvorsteher zu Lieferungen von Arbeitern zu verpflichten. Bis zum Ersten Weltkrieg werden zwei Linien zwischen der Hauptstadt und den fruchtbaren Hochplateaus gebaut, zur gleichen Zeit erhöhen neue Graphitfunde den Arbeitskräftebedarf. Daraufhin wird 1916 diePrestation wieder eingeführt, und am 3. Juni 1926 schaffen die Kolonialbehörden per Dekret den Service de la main-d’œuvre pour les travaux d’intérêt général, (SMOTIG), einen Arbeitsdienst für eine Eisenbahnlinie im Südosten der Insel, der - wie Frémigacci feststellt - bis heute im Gedächtnis der Malagachen verankert ist[34].

 

Zehn Jahre lang, von 1927 bis 1937, leisten 50 000 Malagachen einen paramilitärischen Arbeitsdienst für die Kolonialverwaltung, zum Grossteil für die Eisenbahnlinie von Fianarantsoa bis Manakara an der Ostküste. Die Kolonialverwaltung will den SMOTIG zu einer Vitrine ihrer Sozialpolitik machen, während die lokale Presse eine Kampagne gegen diese „versteckte Form der Sklaverei“ führt. Die Arbeiter sind in Lagern untergebracht, in denen sie zunächst drei, dann zwei Jahre lang leben und arbeiten. Das Kolonialarchiv in Aix besitzt ausführliche Berichte der Verwaltung des SMOTIG, die einen Einblick in die Lager erlauben. Im August 1927 erhält die Verwaltung ihre ersten Arbeiter, die in fünf Sammellagern untergebracht werden. Nach den Sammellagern werden die Arbeiter auf die Baustellen verteilt: Ein Bericht vom April 1934 erwähnt 19 Arbeitslager mit 9 000 Arbeitern, von denen 15 % krank oder arbeitsbefreit ist. Der Bericht stellt auch in Bezug auf die europäischen Angestellten fest, dass einige nicht die nötige Qualifikation besitzen aber vom Ministerium der Kolonie auferlegt wurden. Die Arbeiter sind alle im Rahmen der Wehrpflicht zum SMOTIG einberufen worden, und nach einer medizinischen Untersuchung verbleiben sie zwei Jahre in ihrer Einheit. Nach Ableistung des SMOTIG erhalten sie hundert Francs, von denen ein Drittel für Kleidung und Unterbringung abgezogen werden. Vergehen oder Arbeitsverweigerung werden mit 30 Tagen Haft bestraft. Oft heiraten die Arbeiter vor Dienstantritt, und die Familien begleiten sie in die Lager. Die Lagerleitungen befürworten das, da die Ledigen öfter krank werden. Neben den Dienstverpflichteten beschäftigt der SMOTIG auch einige freie Arbeiter. Der Bericht schließt mit der Feststellung, dass die Eingeborenen jetzt „nicht mehr in die Faulheit zurückkehren können“, gleichzeitig bedauert er 20 Tote bei Unfällen und Krankheiten sowie einige „brutale Gruppenchefs, die bestraft werden mussten“.

 

Insgesamt ist der SMOTIG in den Augen der Kolonialverwaltung eine „exzellente Schule der körperlichen Ertüchtigung, der moralischen, hygienischen und beruflichen Erziehung sowie der sozialen Disziplin[35]. Jean Frémigacci dagegen stellt fest, dass der Modelcharakter des SMOTIG eine Illusion der Kolonialbehörden geblieben ist. Schlechte Betreuung, schlecht untergebracht und ernährt, aber gut medizinisch versorgt, war der „Bau der Eisenbahn mit humanen und sozialen Kosten verbunden, die zu der Revolte von 1947 führten (…), und darüber hinaus zu einer generellen Ablehnung der als Unterdrückung wahrgenommenen Modernisierung“[36].

 

1937 schafft die Regierung des Front populaire den SMOTIG ab, doch drei Jahre später führt das Vichy-Regime die Zwangsarbeit in Madagaskar wieder ein und baut sie - ideologisch verbrämt mit der Devise „Arbeit, Familie, Heimat“ - zu einem wirtschaftlichen Pfeiler der Insel aus. Der kanadische Historiker Eric Jennings zeigt auf, dass die Zwangsarbeit auf Madagaskar wahrend des Vichy-Regimes vor allem der lokalen Wirtschaft zugute kommt, während das Lebensniveau für die Bevölkerung erheblich sinkt. Allein 1941 leisten die Malagachen in mehreren Regionen rund 700 000 Stunden Zwangsarbeit, was bei zehn Tagen pro Arbeiter 70 000 Arbeiter betroffen hätte. Die Großgrundbesitzer und Industriellen bedanken sich in Briefen bei der Kolonialverwaltung, während der Gouverneur sich in Vichy über die fehlende juristische Grundlage beschwert. Auch für Jennings ist die Zwangsarbeit die Hauptursache für den wachsenden Widerstand der Malagachen, der 1947 in eine große Revolte mündet, die blutig niedergeschlagen wird[37].

 

 

7. Die 2e Portion du contingent in Französisch-Westafrika

 

Die bislang einzige große Studie zur Zwangsarbeit in Französisch-Westafrika hat der senegalesische Historiker Babacar Fall vorgelegt.

 

 Geleistete Arbeitstage („Prestations“) in AOF 1935[38]

 

AOF

1935

Elfenbeinküste

6 759 469

Sudan (Mali)

 4 526 721

Dahomey (Benin)

3 167 670

Guinea

2 704 523

Nigeria

2 386 870

Senegal

1 414 548

Mauretanien

225 700

Total

 

 

 

Das Vichy-Regime legt für 1942 den jährlichen Bedarf auf rund 400 000 Zwangsarbeitern in AOF fest, wobei der Grossteil für staatliche Projekte entfällt.

 

Jährlicher Zwangsarbeiterbedarf in AOF 1942[39]

 

Senegal

21 100

Sudan (Mali)

46 400

Guinea

26 200

Elfenbeinküste

50 000

Niger

23 000

Total

183 700

 

6. Das Office du Niger im Mali (1934-1960)

Gut erforscht ist die Zwangsarbeit im Mali im Rahmen eines französischen Großprojekts zur Bewässerung des Delta des Niger-Flusses. Das so genannte Office de Niger war der Versuch der französischen Kolonialmacht, ein in Westafrika einmaliges Bewässerungsprojekt zu realisieren, um das Niger-Delta zum Hauptlieferanten von Baumwolle für die französische Textilindustrie zu verwandeln. Eine Million Hektar Land sollte durch künstliche Bewasserung für den Baumwollanbau gewonnen werden, doch dazu mussten Deiche und Infrastrukturen geschaffen werden, die zahlreiche Arbeitskräfte benötigen.

Ende des 19. Jahrhunderts beginnen die ersten Studien zur Bewässerung des Niger-Deltas, und 1919 entsteht aus einem kolonialen Verein von Baumwollhändlern das Niger-Komitee, das erste topographische und hydrographische Studien betreibt. Das Projekt findet in Frankreich Unterstützung, wo man wie Großbritannien seine eigene Baumwollproduktion aufbauen und sich von Importen unabhängig machen will. 1924 unterstützt die Kolonialverwaltung von Französisch-Westafrika mehrere private Initiativen, die vorsehen rund eine Million Hektar für den Baumwoll- und Reisanbau zu bewässern.

Für die Rekrutierung von Arbeitskräften schafft die Kolonialverwaltung 1925 eine spezielle Dienststelle, den Service temporaire d’irrigation du Niger (STIN). Im Februar 1931 beschließt ein Gesetz den Bau eines Staudamms bei Marakala sowie mehrere Kanäle und verabschiedet dafür ein Budget von 1,5 Millionen Francs. Ein Jahr später wird das Office du Niger per Dekret vom 5. Januar 1932 eine staatliche Einrichtung mit eigenem Rechtsstatus und Budget. Ein Konsortium von Baufirmen, darunter wieder die Société de construction des Batignolles, beginnt mit den Arbeiten des 800 Meter langen Staudamms in Marakala, bei dem Tausende Zwangsarbeiter eingesetzt werden.

Der Staudamm wird erst 1945 beendet, und die angestrebte zu bewässernde Fläche wird auf 180 000 Hektar reduziert. 1950 beginnt die Bewässerung der Anbauflächen, zehn Jahre später geht das Projekt mit der Unabhängigkeit des Mali in afrikanischen Besitz über. Die bewässerten Anbauflächen bleiben mit 50 000 Hektar weit unter den monumentalen Erwartungen der einstigen Kolonialherren, und 1970 gibt die Regierung des Mali den unrentablen Baumwollanbau auf. Seitdem versucht der Mali diese Region mit dem Anbau von Reis zu einem Zentrum der nationalen Lebensmittelversorgung auszubauen[40].

 

Der malische Autor Amidu Magasa hat sich mit den Zwangsrekrutierungen für das Niger-Projekt beschäftigt und zahlreiche Zeitzeugen befragt[41].  Der STIN wird 1925 vom Generalgouverneur Barde geschaffen. Die Leitung dieser paramilitärischen Organisation wird Offizieren übertragen, die Arbeiter werden im Rahmen des Wehrdienstes rekrutiert. Die Zwangsrekrutierten kommen aus allen Kreisen des Sudans (heute Mali). Im Dezember 1925 nimmt der STIN seine Arbeit am Kanal von Sotuba mit zweitausend Zwangsarbeitern und zwanzig Offizieren auf. In der Folgezeit schafft der STIN in Segu die Infrastruktur für die weiteren Arbeiten des Projektes. Die Archive des STIN zeigen, dass die Arbeiten oft nur unter Schlägen ausgeführt wurden, und die Arbeiter sind ständig unterernährt[42]. Amidu Magasa ist es auch gelungen, Zeitzeugen zu befragen, die die verschiedenen Etappen der Zwangsarbeit beschreiben. Die Rekrutierung erfolgte im Rahmen des Ersatzwehrdienstes oder als Steuer. Die Männer wurden von den Feldern geholt, waren keine Männer da nahm man auch Frauen. Die Arbeit im Straßenbau erfolgte im Rhythmus der Trillerpfeife. Morgens und abends war Appell. Die Männer bauten die Strassen zunächst aus Erde, dann aus Schotter, den die Frauen ständig herantrugen. Laut Zeugenaussagen wurden die Arbeiter gepeitscht, und viele flüchteten daraufhin in den Dschungel. Neben dem Bau von Dämmen und Kanälen erfolgt auch die Errichtung von Gebäuden, vor allem in Segu, wo auch die Residenz des Gouverneurs entsteht[43].

 

Nach ersten Requisitionen werden die Eingeborenen im Rahmen es Arbeitsdienstes für den Bau des Staudamms herangezogen. In Kompanien zusammengefasst, werden sie in zehn Lagern des STIN auf beiden Seiten des Niger untergebracht. Geht man von tausend Mann pro Lager aus, verwaltete der STIN vermutlich 10 000 Arbeiter. Die Zeitzeugen beschreiben diese Unterbringungen als militärische Arbeitslager, die den Baustellen folgten. Die Lager, bestehend aus kleinen Hütten für die Arbeiter, ihren Familien und den Küchen, wurden von französischen Offizieren und Kolonialsoldaten geführt. Die Arbeit auf den Baustellen dauerte elf Stunden pro Tag und wurde mit 1,50 Francs vergütet, wobei ein Teil (pécule) für die Versorgung einbehalten wurde. Laut Zeitzeugen wurden die Arbeiter geschlagen, ihnen das Essen vorenthalten oder für unbestimmte Zeit eingesperrt. Auf den Baustellen ereigneten sich oft tödliche Unfälle, und manchmal kam es zu Revolten. Bei Desertionen wurden die Familien solange festgehalten, bis sich die Flüchtigen stellten. Alle Strafen wurden von indigenen Vorarbeitern oder Kreisvorstehern (garde-cercle) ausgeführt, die von den Arbeitern gehasst und manchmal auch ermordet wurden[44]. Die Zeitzeugen berichten neben den Schlägen auch von der schlechten Zubereitung der Nahrung bestehend aus Hirse, an der viele Arbeiter gestorben sein sollen. Ein Chauffeur in Marakala berichtet, dass „viele Leute beim Bau der Dämme gestorben sind, manchmal von den Maschinen begraben. Andere starben unter den Schlägen der Vorarbeiter. Viele starben![45]“. Andere Arbeiter starben bei den Arbeiten an den Hochspannungsleitungen des Staudamms oder an Epidemien. Wenn die Nahrungsmittelvorräte erschöpft sind, plünderten die Offiziere die umliegenden Dörfer. Bis 1942 wurden mehrere tausend Arbeiter rekrutiert, die alle von schlechter Ernährung und häufigen Unfällen berichten.

 

Nach der Fertigstellung der Dämme geht das Delta in staatlichen Besitz über, das mit afrikanischen Siedlern urbar gemacht wird. Von 1930 bis 1946 werden 25 000 Siedler ins Delta transportiert, von denen viele zur Umsiedlung gezwungen werden. 1941 stellt ein Polizeibericht fest, dass die Rekrutierungen für das Office du Niger wie Razzien erfolgten. Manchmal wurden ganze Dörfer umgesiedelt: Im gleichen Jahr starben hundert Mossi während des Transports[46]. Die Siedler wurden in neuen Dörfern angesiedelt, die bewacht werden und in denen Ausgangssperre herrschte. Die mangelnden hygienischen Verhältnisse führten dazu, dass manche Dörfer malariaverseucht waren. Der Anbau von Baumwolle gestaltete sich schwierig, und ein Dorfvorsteher berichtet von Selbstmorden der beim Office du Niger hoch verschuldeten Siedler. Ein Vorarbeiter berichtet, dass die Ansiedlungen oft mit der Unterstützung der Stammeschefs erfolgten, die für Geschenke und Alkohol unliebsamen Dorfmitgliedern die Umsiedlung anordneten. Der Autor beschließt seine Studie mit der Feststellung, dass das Office du Niger für die Afrikaner vor allem eine Deportation in ein Zwangsarbeitslager symbolisiert[47]. Der französische Journalist Pierre Herbart hat 1936 den Niger besucht und danach ein Plädoyer gegen den Office du Niger publiziert[48]. Dort zeigt er auf, dass das Projekt zum Scheitern verurteilt ist, da der Sudan nicht über genügend Einwohner verfügt und die Zwangsumsiedlungen bestehende Strukturen zerstören. Er zeigt auch auf, die das jede Kritik an dem Projekt durch gezielte Propaganda in der französischen Presse erstickt worden ist. Herbart vermutet, das dieses Projekt nur zustande kam, weil im „Niger-Komitee“ eine mächtige Interessengruppe die Fäden zog, um ein anderes Projekt zu verwirklichen: die Stahlindustrie, die eine Eisenbahnstrecke quer durch die Sahara bauen will, die „Transsahara-Eisen-bahn“. Diesen Eisenbahnbau im Kolonialarchiv gilt es noch zu erforschen.

 

Die Eisenbahnlinie Brazzaville-Océan im Kongo (1921-1934)

 

Das wohl verlustreichste Großprojekt ist eine 500 Kilometer lange Eisenbahnlinie zwischen  Brazzaville und dem Ozean im französischen Kongo. Es ist erstaunlich, dass lediglich eine einzige historische Studie von 1968 ihren Bau beschreibt, bei dem über 15 000 Arbeiter starben. Dieser Mangel an Studien liegt wohl am Umstand, dass die Archive der Kongo-Ozean-Eisenbahn nach der Dekolonisation im Kongo verblieben sind und bislang nicht als Kopie in Frankreich vorliegen[49]. Die möglichen Steckenverläufe für eine Eisenbahnstrecke im Kongo wurden bereits Ende des 19. Jahrhunderts untersucht. 1887 untersuchte eine Mission die Möglichkeit, die Gebirgsregion Mayombe auf dem Wasserweg zu durchqueren. 1893 führen Streitigkeiten mit dem Belgischen Kongo dazu, dass die französische Kolonialregierung mit privaten Investoren eine Studien- und Explorationsgesellschaft gründet und mehrere Missionen entsendet. Alle kommen zu dem Schluss, dass eine Flussverbindung unmöglich ist und eine Eisenbahnstrecke die einzige Alternative ist.

 

Die Kolonien Gabun, Mittel-Kongo, Tschad und Oubangui-Chari, ab 1910 in der FöderationAfrique équatorial française (AEF) zentral verwaltet, sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts das „Aschenputtel“ des französischen Kolonialreichs. Fehlende Transportwege und eine niedrige Bevölkerungsdichte veranlassen die Regierung um die Jahrhundertwende riesige Konzessionen an private Investoren zu vergeben, um die Region wirtschaftlich nutzbar zu machen[50]. Anfangs können die französischen Händler auf die belgische Eisenbahn zwischen Léopoldville und der Atlantikküste zurückgreifen, die Koenig Léopold II. für die brutale Ausbeutung seines Freistaats Kongo bauen lässt, doch die Linie ist schnell überlastet. Nach langem Tauziehen um die richtige Trasse vergibt die Regierung den Bauauftrag an ein Konsortium unter Führung derSociété de Construction de Batignolles[51].

 

Die Strecke soll auf 512 Kilometern die Hauptstadt Brazzaville mit einem neuen Hafen am Atlantik verbinden, und 1920 beschließt ein Dekret den Beginn der Arbeiten. Am 6. Februar 1921 legt der Generalgouverneur Augagneur den ersten Stein. Drei Baustellen werden gleichzeitig eröffnet: in Brazzaville, an der Küste bei Pointe-Noire, wo auch der neue Hafen entsteht, und in der Region Mayombe, die technisch das größte Problem darstellt. Während die ersten beiden Baustellen keine technischen Herausforderungen darstellen und über genügend Arbeitskräfte verfügen, ist das Gebirge in der Region Mayombe stark bewaldet und erfordert zahlreiche Brücken und Tunnel. Zwischen den Kilometern 97 und 143 müssen zunächst alle Bäume gefällt, dann 37 Viadukte, 60 kleine Brücken, 12 Befestigungsmauern sowie zehn Tunnel mit einer Gesamtlänge von drei Kilometern errichtet werden. Dieser Abschnitt erfordert die meisten Arbeitskräfte, die der Société de Construction de Batignolles von der Kolonialverwaltung zur Verfügung stellt werden.

 

Erschwerend kommt hinzu, dass die Kolonialverwaltung die Arbeiten schnell durchführen will und die Unternehmen 1925 einen neuen Vertrag unterzeichnen lässt, der nur die tatsächlich erbrachten Arbeitsleistungen vergütet. Der Arbeitskräftebedarf wird für diesen Abschnitt mit einer permanenten Belegschaft von 8 000 Mann festgelegt, doch für den Bau einer Vorsorgungsstrasse und die Unterhaltung der Arbeitslager  rechnet der neue Gouverneur Antonetti mit insgesamt 12 000 Personen. Zunächst will die Kolonialverwaltung die Arbeiter in der Region rekrutieren, doch die ersten Dienstverpflichtungen führen dazu, dass für die Landwirtschaft, den Transport und die Ablösung der Arbeiter keine Einwohner mehr übrig bleiben. Also beschließt man Arbeiter aus entfernten Regionen – dem Norden Kongos und Oubangui-Chari – zu den Baustellen zu transportieren. Die Rekrutierungen in den Dörfern durch die lokalen Kolonialbeamten gestalten sich schwierig und stoßen auf den Widerstand der Eingeborenen. Manche Berichte beschreiben die Requisition als eine „Menschenjagd“: oft werden nur die Schwächsten gefangen, andere flüchten in den belgischen Teil des Kongo, um der Zwangsarbeit zu entgehen. Der Gouverneur Antonetti stellt fest:

 

„Wir fordern von Menschen, die nie ihren Flecken Erde verlassen und deren Welt der Landkreis ist, weit weg zu gehen, die Ihren daheim zu lassen, in Regionen zu kommen wo man ihre Sprache nicht versteht, wo sie isoliert sind, wo sie im Todesfall nicht das traditionelle Ritual erfahren, damit ihre Seele in Frieden ruht. Sie wissen, dass sie von uns ernährt werden und für uns arbeiten müssen, und diese Vorstellung graut ihnen. Es wäre auch erstaunlich, dass sie ein solches Abenteuer interessiert[52].“

 

Die Transporte erfolgen zu Fuß über hunderte von Kilometern und dauern mehrere Monate. In Brazzaville werden die Arbeiter von einem Arbeitsbüro medizinisch untersucht und dann auf die Baustellen verteilt. Viele kommen nach dem Transport unterernährt, krank und erschöpft auf den Baustellen an. Zwischen 1921 und 1932 beschäftigt die Eisenbahnlinie Congo-Oceaninsgesamt 127 250 Arbeiter, der Grossteil aus dem Hinterland von Brazzaville und dem Oubangui-Chari, also rund 12 % der männlichen Bevölkerung der Kolonien des AEF[53]. Hinzu kommen monatlich rund tausend Träger, die die Lebensmittelversorgung aufrecht erhalten, doch die langen Wege und die mitbestellten Felder zwingen sie dazu, die Ration zum Teils selbst zu verzehren. Mit der Zunahme der Arbeiter steigt auch das Versorgungsproblem, das zunehmend zu einem Problem wird. Die Maniokproduktion und die Antilopenjagd reichen nicht aus, um die Arbeiter zu ernähren, und die Kolonialverwaltung stellt die Ernährung auf Reis um, den sie aus Indochina importiert. Ein Arzt stellt zur Ernährung fest:

 

„Tausende von Arbeitern am Leben zu erhalten in einem Land mit einer unzureichenden lokalen Produktion, wo die meisten Lebensmittel importiert werden, mit schlechten Transportwegen und mageren Vorräten, die ohne Märkte von verspäteten Booten abhängig sind, wo die Konservierung von Reis wegen des Klimas und der Feuchtigkeit schwierig ist, das alles sind Bestandteile ein extrem schwierigen Problems[54]“.

 

Die Folgen dieser Situation sind für die Arbeiter fatal. Der Historiker Gilles Sautter hat in Brazzaville Archive gefunden, die beweisen, dass in den zehn Jahren des Baus mindestens 16 000 Arbeiter gestorben sind. Diese Statistiken bleiben jedoch unvollständig, da sie zum Beispiel die Deserteure nicht berücksichtigen, die oft in den sicheren Tod im Dschungel flüchteten oder die Toten auf dem langen Transport. Die Todesursachen sind immer die gleichen: Krankheiten, Epidemien, Unterernährung, verursacht durch schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen, in den Lagern, die vollkommen überbelegt sind ; auf den Baustellen, wo die Männer 180 kg schwere Zementsacke schleppen ; auf den Versorgungspfaden, auf denen die Träger unter freiem Himmel schlafen, begleitet von der Verzweiflung sein Heimatdorf nie wieder zu sehen. Ein Bericht zeugt von den Verlusten: von einer Gruppe von 214 Arbeiter, die rund 600 Kilometer nördlich der Baustelle rekrutiert worden, kommen nur 51 auf der Baustelle an:

 

„Die Abteilung 51 wurde in der Region von Makoua mit 214 Mann rekrutiert: 199 sind auf dem Landweg in Brazzaville angekommen, acht sind auf dem Weg gestorben, einer hat desertiert, sechs sind später angekommen. In Brazzaville sind 74 gestorben, fünf mussten ins Krankenhaus, 33 haben desertiert und 41 Unfähige wurden zurückgeschickt, 66 wurden auf die Baustelle geschickt, sieben sind auf dem Weg dahin oder kurze Zeit später verstorben[55].“

 

Durch Berichte von André Gide und anderen alarmiert, wird die Société de Construction de Batignolles für die Toten verantwortlich gemacht. Auch die Kolonialverwaltung steht in der Kritik, da die Baustellen ohne ausreichende Vorbereitung errichtet wurden, und die Lebensmittelversorgung den Bau einer Strasse erfordert hätte. Doch der Zeitdruck führte dazu, die die Lager und ihre Versorgung zur gleichen Zeit wie die Arbeiten selbst begannen. Erst 1929 führen frische Kredite des Mutterlandes und eine Versorgungsschmalspur zu einer deutlichen Verbesserung der Situation. Die Portage wird abgeschafft, Versorgungspunkte werden angelegt und die Ernährung verbessert. Maschinen werden bereitgestellt, eine echte medizinische Versorgung aufgebaut, und Kolonialsoldaten bewachen die Lager. Gilles Sautter sieht jedoch den Hauptgrund in der simplen Tatsache, dass 1929 der schwierige Streckenabschnitt mit Tunnel und Brücken im Gebirge des Mayombe bereits beendet ist: der Rest der Trasse erfordert weniger Arbeiter und ist wesentlich einfacher zu versorgen.

 

Gilles Sautter sieht zwei Ursachen für die hohen menschlichen Verluste: die Trasse durch die Gebirgsregion hätte vermieden werden können, und die schwache Bevölkerungsdichte der Region hätte berücksichtigt werden müssen. Stattdessen führt der Bau der Linie Congo-Océanzu einer Abnahme der landwirtschaftlichen Produktion im Kongo und in Oubangui-Chari, zu einer alarmierenden Bevölkerungsflucht und zu Unruhen, die die „Befriedung“ der Region bedrohen[56]. Es wäre interessant, die Archive, die Gilles Sautter 1950 in Brazzaville einsehen konnte, im Lichte des heutigen Forschungsstandes neu zu bewerten. Doch nach Angaben des Kolonialarchivs sind die Dokumente im Kongo verblieben, und unsere Kontaktaufnahme mit dem Archiv im Kongo ist bislang gescheitert.

 

Was Gilles Sautter in seinem in den sechziger Jahren erschienen Artikel nicht erwähnt, ist eine blutige Auseinandersetzung in der Region, ausgelöst durch die Rekrutierungen. Der zentralafrikanische Historiker Raphael Nzabakomada-Yakoma hat aufgezeigt, dass die Zwangsrekrutierungen für die Eisenbahn Kongo-Océan zu Aufständen in der gesamten Region führen, die in einen mehrjährigen Krieg münden. Der Krieg Kongo-Wara dauert von 1928 bis 1931 und wurde von der französischen Historiographie bislang wenig erforscht. Nach Rekrutierungen für die Eisenbahn und einer Erhöhung der Kopfsteuer von drei auf sieben Francs erheben sich 1927 mehrere Stämme in Zentralafrika und werden von der französischen Kolonialmacht mit Waffengewalt niedergeschlagen. Von rund 50 000 aufständischen Eingeborenen werden in dem drei Jahre dauernden Konflikt 20 000 von Kolonialtruppen getötet, zahlreiche Dörfer niedergebrannt und die Bewohner deportiert. Dieser Versuch, sich von der Kolonialmacht zu befreien, wird auch im Mutterland wahrgenommen: Für die Kolonialpresse bleibt Kairou, der Chef der Revolte, nur ein „Hexer“, der die Unerfahrenheit der lokalen Kolonialbeamten ausnutzen konnte, während die französischen Kommunisten, aber auch ausländische Zeitungen wie die Prawda und die Kommunistische Internationale den „Befeiungskampf“ in Französisch-Äquatorialafrika unterstützen[57].

 

 

8. Die Coolies in Indochina

 

Wenig erforscht bleibt bislang auch der Rückgriff auf indigene Zwangsarbeit für koloniale Großprojekte in Indochina. Zeitgenössische Schriften erwähnen Projekte am Ende des 19. Jahrhunderts wie den Bau von Deichen im Mekong-Delta, bei dem zwischen 1891 und 1893 im Rahmen der Prestations 23 Millionen Arbeitsstunden von den Einheimischen geleistet wurden[58]. Ebenso wenig erforscht bleibt bislang der Einsatz indochinesischer Arbeiter (coolies) beim Bau von Eisenbahnen. Das groesste Prestigeprojekt Frankreichs in Indochina ist der Bau einer Eisenbahnstrecke zwischen Lao-kai in Nordvietnam und Yunnanfu (heute Kunming) in China. Im April 1898 vereinbaren Frankreich und China den Bau einer 460 Kilometer langen Eisenbahnstrecke. Die Arbeiten beginnen 1903 und erfordern in drei Jahren die Errichtung von mehr als dreitausend Bauwerken. Über 60 000 chinesische Arbeiter sind bei dem Bau der Yunnan-Eisenbahn beschäftigt, von denen mehr als 10 000 Arbeiter an Krankheiten sterben[59].

 

Indochina wird für Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch seinen wirtschaftlichen Aufschwung zur „Perle des Empire“. Grosse französische Firmen wie Michelin investieren in den Anbau von Kautschuk, um die florierende Automobilindustrie mit Reifen zu versorgen. Zahlreiche Kautschuk-Plantagen beschäftigen Tagelöhner, die mit Arbeitsverträgen im bevölkerungsreichen Norden für die Plantagen im Süden rekrutiert werden. Der französische Autor Francois Graveline gibt die Eindrücke eines Angestellten der Reifenfirma Michelinwieder, der die Coolies auf seiner Plantage beschreibt:

 

„Wir bekamen coolies mit falschen Papieren, die sich der Justiz entzogen oder glaubten in eine Gegend zu kommen wo sie nicht viel arbeiten müssten und glücklich leben könnten. Enttäuschte oder argwöhnische coolies, die das Gefühl hatten, von den Anwerbern getäuscht worden und in einem Straflager gelandet zu sein. Kaum vorbereitet auf die Arbeit; von der langen Unterernährung geschwächt; manchmal echter Abfall, der die medizinische Untersuchung umgehen konnte aber zum Arbeiten unfähig ist. Oft verdorben (Opiumsüchtige, leichte Mädchen, Faulenzer)“.[60]

 

Der Schriftsteller Paul Monet hat 1930 ein Buch veröffentlicht, in dem er die Lebens- und Arbeitsbedingungen der coolies anprangert: „Die Schwierigkeiten der Plantagenbesitzer bei der Beschaffung von Arbeitskräften begünstigte die Entstehung einer parasitären Industrie: die der Anwerber. Die Gewinne der Anwerber erreichten 200 Francs pro gelieferten Arbeiter. Nach Auskunft der Handelskammer belief sich der Bedarf in Cochinchine auf 40 000 coolies pro Jahr.“ Die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen auf den großen Plantagen führen zu zahlreichen Desertionen, Selbstmorden und Revolten, die den nationalen Widerstand stärken[61].

 

 

11. Ausblick

 

 

Die bisherige Untersuchung der Zwangsarbeit in den französischen Kolonien zeigt auf, dass die Zwangsrekrutierungen einen großen Einfluss auf die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Kolonien im 20. Jahrhundert haben. Der afrikanische Historiker Zan Semi-Bi hat am Beispiel der Elfenbeinküste darauf hingewiesen, dass der Bau von Strassen und Eisenbahnen durch die Kolonialmacht zu grundlegenden sozialen und psychologischen Veränderungen der afrikanischen Gesellschaft geführt hat. Einerseits führten neue Verdienstmöglichkeiten auf Plantagen und im Transport, andererseits Dienstverpflichtungen zu einer bis dahin nicht gekannten sozialen Mobilität[62]. In manchen Regionen führen Requisitionen von Material und Soldaten zu Aufständen, wie zum Beispiel 1916 der Aufstand der Tuaregs im Niger[63], oder zum erwähnten Krieg Kongo-Wara. Unklar bleibt bislang der Einfluss der Zwangsarbeit auf die Entwicklung nationaler Bewegungen in Madagaskar oder in Indochina.

 

Die hier präsentierten Ergebnisse sind nur ein kleiner Ausschnitt der Literatur und der Archive, die wir bislang sichten konnten. Der Grossteil der Dokumente, die wir in dem letzten Jahr in der französischen Nationalbibliothek, in diversen Universitätsbibliotheken sowie im Centre des Archives nationales d’outre-mer einsehen konnten, müssen noch ausgewertet werden. Ein Hauptaugenmerk ist auf die Eisenbahnlinie Congo-Océan zu richten, die mehr als 18 000 Afrikaner das Leben gekostet hat. Antoine Madounou hat seine Dissertation diesem Thema gewidmet, die wir bislang noch nicht in der Universitätsbibliothek Paris 7 sichten konnten. Auch die Akten des Generalsekretärs von AEF, die Gilles Sautter in seinem Artikel benutzt, wurden bislang nicht gefunden. Es ist davon auszugehen, dass sie in Kongo verblieben sind, und wir werden versuchen, diese Akten in Kopie zu erwerben. Versuche das Nationalarchiv vom Kongo zu kontaktieren, blieben bislang erfolglos.

 

 

 

[1] Gesetz n° 2005-158 vom 23 février 2005 portant reconnaissance de la Nation et contribution nationale en faveur des Français rapatriés.

[2] Ein Überblick bei Joel Kotek / Pierre Rigoulot, Das Jahrhundert der Lager. Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung, Berlin : Propyläen, 2001 ; Mark Spoerer, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz, Stuttgart : DVA 2001 ; Anne Applebaum, Der Gulag,  Berlin : Siedler 2003 ; Laogai Research Foundation, Laogai Handbook 2007 - 2008, LRF 2008.

[3] Hans-Christoph Seidel (Hrsg.), Zwangsarbeit im Europa des 20. Jahrhunderts : Bewältigung und vergleichende Aspekte, Essen : Klartext 2007 ; Elisabeth Herrmann-Otto (Hrsg.): Unfreie Arbeits- und Lebensverhältnisse von der Antike bis zur Gegenwart. Eine Einführung, Hildesheim : Olms, 2005. Jean-Claude Farcy, Les camps de concentration français de la Première Guerre mondiale (1914-1920), Anthropos : Paris 1995 ; Kiran Klaus Patel, Soldiers of Labor. Labor Service in Nazi Germany and New Deal America, 1933-1945, New York : Cambridge University Press, 2005 ; Wolf Gruner, Der Geschlossene Arbeitseinsatz deutscher Juden. Zur Zwangsarbeit als Element der Verfolgung 1938-1943, Berlin : Metropol 1997 ; Birgit Morgenrath (Hrsg.), "Unsere Opfer zählen nicht" : die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg, Berlin : Assoziation A, 2009 ; Paul H. Kratoska (Hrsg.), Asian labor in the wartime Japanese empire : unknown histories, New York : 2005 ; José Rodrigo, Cautivos: campos de con-centración en la España franquista, 1936-1947, Barcelona: Crítica 2005 ; Peter Gaida, Camps de travail sous Vichy. Les « Groupes de travailleurs étrangers » (GTE) en France 1940-1944, Diss., Universität Paris 1/ Bremen, 2008.

[4] Bureau International du Travail, Travail forcé : rapport et projet de questionnaire, ILC, 12e session, Genève, 1929 :http://www.ilo.org/public/libdoc/ilo/1929/29B09_10_fren.pdf

[5] André Gide, Voyage au Congo, Paris, Gallimard, 2008, S. 223-224.

[6] Albert Londres, Terre d’ébène, Paris, Le Serpent à Plumes, 1998, S. 276.

[7] Bureau International du Travail, Travail forcé : rapport et projet de questionnaire, ILC, 12e session, Genève, 1929, S. 35-100.

[8] Ibid., S. 128.

[9] Ibid., 129-135. Nach Druck des IAO-Berichts verfasst Portugal 1928 ein Eingeborenengesetz, das weiterhin die Zwangsarbeit von Eingeborenen vorsieht und das bis in die sechziger Jahre weiterbesteht. Cf. Eduardo Mondlane, De la colonisation portugaise à la libération nationale, Paris, L’Harmattan, 1979, S. 39.

[10] Casper W. Erichsen, « Zwangsarbeit im Konzentrationslager auf der Haifischinsel », in: Jürgen Zimmerer / Joachim Zeller (Hg.) Völkermord in Deutsch-Südwestafrika: der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin, Ch. Links Verlag, 20032, S. 80-85.

[11] Adam Hochschild, Les Fantômes du roi Léopold. La terreur coloniale dans l’état du Congo 1884-1908, Paris, Tallandier, 1998, S.  387.

[12] International du Travail, Travail forcé : rapport et projet de questionnaire, ILC, 12e session, Genève, 1929, S. 25-30.http://www.ilo.org/public/libdoc/ilo/1929/29B09_10_fren.pdf

[13] Elikia M’Bokolo, « Le travail forcé, c’est de l’esclavage », Histoire, No 302, 2005, S. 66-71.

[14] Claude Liauzu (dir.), Dictionnaire de la colonisation française,  Paris, Larousse, 2007 ; Marc Ferro (dir.), Livre noir du colonialisme, Paris, Laffont, 2003 ; Jacques Marseille, Empire colonial et capitalisme français. Histoire d’un divorce, Paris, Albin Michel, 1984 ; Bouda Etemad, « L’Europe et le monde colonial : De l’apogée des empires à l’après-colonisation », Revue économique, Vol. 51, No. 2, 2000, S. 257-268.

[15] Amadou Hampaté Bâ, Oui mon Commandant ! Mémoires II, Paris, Actes Sud, 1994, S. 434-437.

[16] Olivier La Cour Grandmaison, Coloniser. Exterminer. Sur la guerre et l’Etat colonial, Paris, Fayard, 2005, S. 259.

[17] Olivier La Cour Grandmaison, De l’Indigénat. Anatomie d’un « monstre » juridique : le droit colonial en Algérie et dans l’empire français. Paris,  La Découverte, 2010, S. 181-183.

[18] Bureau International du Travail, Travail forcé : rapport et projet de questionnaire, ILC, 12e session, Genève, 1929, S. 186-187.http://www.ilo.org/public/libdoc/ilo/1929/29B09_10_fren.pdf

[19] Ibid., S. 185-199.

[20] Catherine Coquery-Vidrovitch, « L’échec d’une tentative économique : l’impôt de capitation au service des compagnies concessionnaires du Congo français (1900-1909), Cahiers d’études africaines, vol. 8, No. 29, S. 96-109.

[21] Bureau International du Travail, Travail forcé : rapport et projet de questionnaire, ILC, 12e session, Genève, 1929, S. 226-227.

[22] Dépêche coloniale, no. 9453 ; La Quinzaine coloniale, 10. September 1929 ; Les Annales coloniales, no. 107.

[23] CAOM, FM 7, affeco 1, Proces-verbal de la séance du 27 mai 1927 du Conseil économique du Secrétariat general du Ministere des Colonies.

[24] CAOM, FM 7, affeco 1, « rapport de M. Augagneur sur la main-d’œuvre en AEF », mai 1927.

[25] CAOM, FM 7, affeco 1, «  Décret pour  la réglementation du travail public obligatoire  », Paris, 21. August 1930.

[26] CAOM, FM 7, affeco 1, « Arrêté réglementant le recours au travail public obligatoire en AOF », 18. Februar 1933.

[27] CAOM, FM 7, affeco 6, « Arrêté réglementant le transport du personnel et du matériel administratif par voie de réquisition de main-d’œuvre », Dakar, 18. Februar 1933.

[28] Pierre Mollion, « Le portage en Oubangui-Chari 1890-1930 », Revue d’histoire moderne et contemporaine, Nr. 4, Oktober-Dezember 1986, S. 542-568.

[29] Ibid., S. 543.

[30] Ibid., 568

[31] Georges Toqué, Massacres au Congo, Paris, L’Harmattan, 1996, S. 39.

[32] Ibid, S. 128. « Les blancs trainaient avec eux ce supplice atroce du portage qui brise, et tue, et décime ; mal effroyable qui arrache l’homme au foyer pour le trainer sur la route et écraser sur le poids d’un fardeau. Les morts ne se comptaient plus, les villages charniers horribles, sombraient dans ce gouffre ouvert. Cette corvée s’accompagnait d’un horrifiant cortège de mille maux pourvoyeur de la mort : famine, maladie, captivité. Et se martyre continuait toujours, malgré les promesses des blancs qui se moquait sans doute de ces malheureux ! Les blancs, mais ils souffraient de cette situation dont ils rendaient compte ! Mais ils étaient écurés du métier qu’on leur imposait, métier de brute sans âme, de bandits et de bourreaux ! »

[33] Jean Frémigacci, « Les chemins de fer de Madagascar (1901-1936). Une modernisation manquée », Afrique et Histoire, No 6, 2006/2, S. 163-193.

[34] Ibid. S. 180.

[35] CAOM, FM contr 762, rapport de l’Inspection des colonies du 8 septembre 1934.

[36] Ibid., S. 163.

[37] Eric Jennings, Vichy sous les tropiques, Paris, Grasset, 2001, S. 100-105.

[38] Nicole Bernard-Duquenet, « Le Front populaire et le problème des prestations en AOF », Cahiers d´études africaines, 1978, Nr. 61, S. 172

[39] Ruth Ginio, French Colonialism unmasked. The Vichy Years in French West Africa, University of Nebraska press, Lincoln, 2006, S. 79.

[41] Amidu Magasa, Papa-Commandant a jeté un grand filet devant nous,  éditions Francois Maspero, paris, 1978.

[42] In Segu befindet sich das Centre de documentation de l’Office du Niger, dass die Archive des STIN aufbewahrt.

[43] Ibid, S. 21-34. Die Zeitzeugenaussagen wurden vom Autor aufgenommen und sind im Institut des sciences humaines in Bamako verfügbar.

[44] Ibid. S. 50-57.

[45] Ibid. S. 66.

[46] Ibid. S. 93

[47] Ibid. S. 155.

[48] Pierre Herbart, Le chancre du Niger, Paris, Gallimard, 1939.

[49] Gilles Sautter, Notes sur la construction du chemin de fer Congo-Océan (1921-1934). In: Cahiers d'études africaines. Vol. 7, N° 26, 1968, p. 219-299.

[50] Catherine Coquery-Vidrovitch, Le Congo au temps des grandes compagnies concessionnaires 1889-1930, Paris, EHESS, 2001.

[51]Anne Burel, La société de construction des Batignolles de 1914 à 1939 : histoire d'un déclin, Paris, Droz, 1995.

 

[52] Gilles Sautter, Notes sur la construction du chemin de fer Congo-Océan (1921-1934). In: Cahiers d'études africaines. Vol. 7, N° 26, 1968, p. 250.

[53] Ibid., S. 258.

[54] Ibid., S. 266.

[55] Ibid., S. 273.

[56] Ibid., S. 292.

[57] Raphael Nzabakomada-Yakoma, L’Afrique centrale insurgée: la guerre du Kongo-Wara 1928-1931, Paris, L’Harmattan, 1986.

[58] Jean-Louis de Lanessan. La colonisation française en Indo-Chine. 1895, S. 312-313.

[59] Marc Meuleau, Des pionniers en Extrême-Orient. Histoire de la Banque de l’Indochine 1875-1975, Paris, Fayard, 1990, S. 214.

[60] Francois Graveline, Des hévéas et des hommes. L’aventure des plantations Michelin, Paris, éditions Chaudun, 2006, S. 34.

[61] Paul Monet, Les Jauniers. Histoire vraie, Paris, Gallimard, 1930.

[62] Semi-Bi Zan. L'infrastructure routière et ferroviaire coloniale, source de mutations sociales et psychologiques : le cas de la Côte d'Ivoire, 1900-1940..In: Cahiers d'études africaines. Vol. 16 N°61-62. pp. 147-158

[63] Finn Fuglestad, Les révoltes des Touareg du Niger (1916-17). In: Cahiers d'études africaines. Vol. 13 N°49, p. 82-120

 

 

 

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