Peter GAIDA

 

 

"Saatkorn verstreut in die Winde.

Wissen wer immer es finde."

(Norbert Elias)

 

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Arbeitsdienste für „Eingeborene“.

Indigene Zwangsarbeit im franz. Kolonialreich im 20. Jahrhundert

 

Das Thema der Zwangsarbeit ist seit der fundamentalen Studie von Ulrich Herbert zum „Reichseinsatz“ von „Fremdarbeitern“ seit einigen Jahren Gegenstand zahlreicher Untersuchungen, die sich sowohl mit der Zwangsarbeit im Dritten Reich als auch im nationalsozialistisch besetzten Europa beschäftigen. Diese Forschung mündete im Jahre 2000 in der Einrichtung eines deutschen Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter, der bis 2007 mehrere tausend ehemalige Zwangsarbeiter entschädigt hat[1].

 

Weit weniger bekannt ist dagegen die Zwangsarbeit, die die so genannte Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg leisten musste. Eine neue Publikation aus dem Jahre 2005 zeigt auf, dass Millionen Soldaten aus Afrika, Asien, Südamerika und Ozeanien in diesem Krieg kämpften und starben. Viele Kolonien wurden zu Schlachtfeldern, andere lieferten Rohstoffe für die Kriegsproduktion, und Millionen Menschen dienten den Krieg führenden Streitkräften als Soldaten und Zwangsarbeiter. Diese Hilfstruppen und Hilfsarbeiter aus den Kolonien wurden schlechter entlohnt, verpflegt, untergebracht und behandelt als ihre europäischen „Kameraden“. Streiks und Revolten gegen diese Ungleichbehandlung wurden mit brutaler Gewalt niedergeschlagen[2].

 

Diese Situation trifft besonders auf das französische Kolonialreich zu. Ein wichtiger Bestandteil französischer Kolonialherrschaft in Afrika war der obligatorische Arbeitsdienst. Nach französischem Kolonialrecht war jeder Mann zwischen 18 und 60 verpflichtet, seine Arbeitskraft eine bestimmte Anzahl von Tagen pro Jahr zur Verfügung zu stellen, z. B. für Projekte wie zum Beispiel den Eisenbahnbau. Obwohl die Internationale Arbeitsorganisation in einer Konvention von 1929 die Zwangsarbeit von Kolonialvölkern verboten hat, praktizierte Frankreich in seinen Kolonien bis 1946 Zwangsrekrutierungen in Form eines obligatorischen Arbeitsdienstes („Prestations“). Diese Praxis hat jedoch bislang in der französischen Historiographie nur wenig Beachtung gefunden, und auf afrikanischer Seite liegen nur Regionalstudien, aber keine Gesamtdarstellung vor [3].

 

Das Forschungsvorhaben hat das Ziel, eine Überblicksdarstellung über die Zwangsarbeit in den französischen Kolonien vorzulegen, wobei der Schwerpunkt auf der Zeit des Zweiten Weltkriegs liegen soll. Das Forschungsvorhaben knüpft an unsere bi-nationale Dissertation an (www.gte-vichy.info), die sich mit der Zwangsarbeit von Ausländern in Vichy-Frankreich beschäftigt. Die Beschäftigung mit diesem Thema hat gezeigt, dass in Vichy-Frankreich nicht nur Ausländer zur Zwangsarbeit herangezogen wurden, sondern auch Angehörige der französischen Kolonien. Das Forschungsvorhaben hat sich deshalb als Ziel gesetzt, sich mit folgenden Aspekten zu befassen:

 

1.     Die Internationale Arbeitsorganisation und die Zwangsarbeit

2.     Die Gesetzgebung in den französischen Kolonien („Code d´Indigénat“)

3.    Der « Service de la Main-d´oeuvre des Travaux d´Intérêt General » (SMOTIG) in Madagaskar

4.     Die „Prestataires“ in Französisch-Westafrika

5.     Zwangsarbeit in Französisch-Äquatorialafrika

6.     Die „Transsahara“-Eisenbahn in Französisch-Nordafrika

7.     Zwangsrekrutierungen in Indochina

8.     Koloniale Zwangsarbeit in Vichy-Frankreich

 

Die französische Praxis, Eingeborene („Indigènes“) in den Kolonien zum Arbeitsdienst zu verpflichten basiert auf einer speziellen Gesetzgebung für Eingeborene, dem so genannten „Code d´Indigénat“, der 1887 eingeführt wird und als repressive Maßnahme einen Arbeitsdienst („Prestations“) ermöglicht. Diese Gesetzgebung wird im Oktober 1925 auf den Westen Afrikas erweitert, und 1930 reagiert Frankreich auf die internationale Konvention zum Verbot der Zwangsarbeit mit einer eigenen Übergangsregelung, die Zwangsrekrutierungen im öffentlichen Interesse in all seinen Kolonien weiterhin erlaubt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg schafft die Regierung de Gaulle schließlich die Zwangsarbeit in den Kolonien ab[4]. Diese kurze Übersicht zeigt, dass Zwangsarbeit in den französischen Kolonien ein halbes Jahrhundert lang eine legale Praxis gewesen ist.

 

Die Internationale Arbeitsorganisation hat sich in den dreißiger Jahren mit der Zwangsarbeit von Kolonialvölkern beschäftigt und am 28. Juni 1930 eine Konvention verabschiedet, in der sich jedes Mitglied der Internationalen Arbeitsorganisation, das dieses Übereinkommen ratifiziert, sich verpflichtet, „den Gebrauch der Zwangs- oder Pflichtarbeit in allen ihren Formen möglichst bald zu beseitigen[5]“. Sechs Jahre später verabschiedet die Internationale Arbeitsorganisation eine weitere Konvention über Sonderverfahren der Anwerbung von indigenen Arbeitnehmern, die jedoch von Frankreich nicht ratifiziert wird[6]. Diese internationalen Bemühungen um die Abschaffung der Zwangsarbeit im Allgemeinen und in den Kolonien im Besonderen richteten sich in erster Linie gegen die französische Politik in den Kolonien.

 

Das Forschungsvorhaben verfolgt die Frage, welchen Umfang und welche Bedeutung die Zwangsarbeit von Kolonialvölkern in den französischen Kolonien während des Zweiten Weltkriegs gehabt hat. Um diese Frage beantworten zu können, bleibt es unerlässlich, zunächst den Umfang der Zwangsarbeit in den französischen Kolonien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts näher zu untersuchen. Frankreich verfügte im 20. Jahrhundert über das zweitgrößte Kolonialreich der Welt, das sich im Wesentlichen über Nord- und Westafrika, Madagaskar und Indochina erstreckte. In all diesen Kolonien waren Zwangsrekrutierungen von Soldaten und Arbeitern eine gängige Praxis.

 

Der senegalesische Historiker Babacar Fall hat aufgezeigt, dass Frankreich in seinen westafrikanischen Kolonien seit Beginn des 20. Jahrhunderts systematisch Zwangsrekrutierungen praktiziert hat, zunächst für den Transport von Lasten („Portage“) und später für Dienstleistungen („Prestation“) aller Art, vor allem für den Bau von Eisenbahnlinien[7]. Für Französisch-Äquatorialafrika liegt lediglich nur eine Studie für die Zwischenkriegszeit vor[8], und gänzlich unerforscht ist bislang die Zwangsarbeit in Französisch-Nordafrika, in Madagaskar und in Indochina geblieben.

 

Unsere Dissertation zeigt jedoch, dass Zwangsrekrutierungen auch in Indochina stattgefunden haben, und auch in Madagaskar wurde bis 1936 ein Zwangsarbeitsdienst praktiziert[9]. In Nordafrika dagegen unternimmt das Vichy-Regime den Bau einer Transsahara-Eisenbahn, bei dem neben Einheimischen auch ausländische Zwangsarbeiter eingesetzt werden. Schließlich gilt es auch noch die Zwangsarbeit von Eingeborenen in Frankreich selbst zu untersuchen, wo mehrere Tausend Soldaten und Zivilarbeiter eingeführt wurden und während des Zweiten Weltkrieges entweder für die deutschen Besatzungsbehörden oder das Vichy-Regime arbeiten mussten.

 

Da der Stand der Forschung zu diesem Thema sich als sehr wenig vorgeschritten erweist, ist es für das Forschungsvorhaben unerlässlich, neben der Literatur vor allem auf Archive zurückzugreifen. Das Nationalarchiv und das Militärarchiv in Frankreich verfügen über zahlreiche offizielle und private Akten, die Aufschluss über diese Praxis geben können. Darüber hinaus verfügen auch Archive der ehemaligen Kolonien über einige Akten, vor allem im Senegal. Für diese Studie ist es also unerlässlich, mehrere Monate in französischen Archiven zu verbringen, um das weiter unten präsentierte Aktenmaterial zu sichten. Das Forschungsvorhaben geht von einer Dauer von einem Jahr aus, um im ersten Halbjahr das Material in den Archiven zu sichten und im zweiten Halbjahr eine Publikation zu verfassen.

 

Insgesamt ist es das Anliegen des Forschungsvorhabens, eine Überblicksdarstellung vorzulegen, die über die Entstehung, die Art und den Umfang der Zwangsarbeit in den französischen Kolonien Auskunft erteilt, unter besonderer Berücksichtigung der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Um diese Arbeit realisieren zu können, bleibt jedoch eine Finanzierung unerlässlich, da ein längerer Frankreichaufenthalt notwendig ist. Letztendlich ist es unser Anliegen, eine doppelte Forschungslücke schließen: zum einen zur Zwangsarbeit in den französischen Kolonien und zum anderen zum Beitrag der Kolonien im Zweiten Weltkrieg.

 


 

[1] Ulrich Herbert, „Fremdarbeiter. Politik und Praxis des "Ausländer-Einsatzes" in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches“, Berlin/Bonn 1985, 3. Auflage 1999 ; Ulrich Herbert (Hrg.), „Europa und der "Reichseinsatz". Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland“, 1938-1945, Essen 1991; Mark Spoerer, „Zwangsarbeit unterm Hakenkreuz“, DVA, 2002

[2] Assoziation a (Hrg.),“Unsere Opfer zählen nicht. Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“. Köln, 2005

[3] Christian Mamfoumbi, « Contribution à l’étude du travail forcé en Afrique Equatoriale Française dans l’entre-deux-guerres », 1984 ; Léon Kaptue, « Travail et main-d’oeuvre au Cameroun sous régime français », 1986 ; Babacar Fall, « Le travail forcé en Afrique Occidentale Francaise », 1993

[4] Dekret vom 30. September 1887 zur Repression von Verstößen von eingeborenen  Nicht-Bürgern Frankreichs ; Dekret vom

22. Oktober 1925 zur Regulierung der Arbeit von Eingeborenen in AOF ; Dekret vom 21. August 1930 zur Regulierung des Arbeitsdienstes in den Kolonien ; Gesetz vom 11. April 1946 zur Abschaffung der Zwangsarbeit in den Kolonien

[5] Internationale Arbeitsorganisation, Übereinkommen über Zwangs- oder Pflichtarbeit (C 39), 1930

[6] Internationale Arbeitsorganisation, Übereinkommen über die Anwerbung eingeborener Arbeitnehmer (C 50), 1936

[7] Babacar Fall, « Le travail forcé en Afrique Occidentale Française », Karthala (1900-1946), 1993

[8] Christian Mamfoumbi, « Contribution à l’étude du travail forcé en Afrique Equatoriale Française dans l’entre-deux-guerres », 1984

[9] Genese Sodikoff, “Forced and Forest Labor Regimes in Colonial Madagascar 1926-1936”, in Ethnohistory, 2005, p. 407-435

 

 

 

 

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