Peter Gaida

 

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Der STIN im Niger 1934-1960

 

Gut erforscht ist die Zwangsarbeit im Mali im Rahmen eines französischen Großprojekts zur Bewässerung des Delta des Niger-Flusses. Das so genannte Office de Niger war der Versuch der französischen Kolonialmacht, ein in Westafrika einmaliges Bewässerungsprojekt zu realisieren, um das Niger-Delta zum Hauptlieferanten von Baumwolle für die französische Textilindustrie zu verwandeln. Eine Million Hektar Land sollte durch künstliche Bewasserung für den Baumwollanbau gewonnen werden, doch dazu mussten Deiche und Infrastrukturen geschaffen werden, die zahlreiche Arbeitskräfte benötigen.

Ende des 19. Jahrhunderts begannen die ersten Studien zur Bewässerung des Niger-Deltas, und 1919 entstand aus einem kolonialen Verein von Baumwollhändlern das Niger-Komitee, das erste topographische und hydrographische Studien betrieb. Das Projekt fand in Frankreich Unterstützung, wo man wie Großbritannien eine eigene Baumwollproduktion aufbauen und sich von Importen unabhängig machen wollte. 1924 unterstützte die Kolonialverwaltung von Französisch-Westafrika mehrere private Initiativen, die vorsahen rund eine Million Hektar für den Baumwoll- und Reisanbau zu bewässern. Für die Rekrutierung von Arbeitskräften schuf die Kolonialverwaltung 1925 eine spezielle Dienststelle, den Service temporaire d’irrigation du Niger (STIN).

Im Februar 1931 beschloss ein Gesetz den Bau eines Staudamms bei Marakala sowie mehrere Kanäle und verabschiedete dafür ein Budget von 1,5 Millionen Francs. Ein Jahr später wurde das Office du Niger per Dekret vom 5. Januar 1932 eine staatliche Einrichtung mit eigenem Rechtsstatus und Budget. Ein Konsortium von Baufirmen, darunter wieder die Société de construction des Batignolles, begann mit den Arbeiten des 800 Meter langen Staudamms in Marakala, bei dem Tausende Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Der Staudamm wurde erst 1945 beendet, und die angestrebte zu bewässernde Fläche musste auf 180 000 Hektar reduziert werden. 1950 begann die Bewässerung der Anbauflächen, zehn Jahre später ging das Projekt mit der Unabhängigkeit Mali in afrikanischen Besitz über. Die bewässerten Anbauflächen blieben mit 50 000 Hektar weit unter den monumentalen Erwartungen der einstigen Kolonialherren, und 1970 gab die Regierung des Mali den unrentablen Baumwollanbau auf. Seitdem versucht der Mali diese Region mit dem Anbau von Reis zu einem Zentrum der nationalen Lebensmittelversorgung auszubauen[1].

Der malische Autor Amidu Magasa hat sich mit den Zwangsrekrutierungen für das Niger-Projekt beschäftigt und zahlreiche Zeitzeugen befragt[2].  Der STIN wurde 1925 vom Generalgouverneur Barde geschaffen. Die Leitung dieser paramilitärischen Organisation wurde Offizieren übertragen, die Arbeiter wurden im Rahmen des Wehrdienstes rekrutiert. Die Zwangsrekrutierten kamen aus allen Kreisen des Sudans (heute Mali). Im Dezember 1925 nahm der STIN seine Arbeit am Kanal von Sotuba mit zweitausend Zwangsarbeitern und zwanzig Offizieren auf. In der Folgezeit schuf der STIN in Segu die Infrastruktur für die weiteren Arbeiten des Projektes. Die Archive des STIN zeigen, dass die Arbeiten oft nur unter Schlägen ausgeführt wurden, und die Arbeiter waren ständig unterernährt[3]. Amidu Magasa ist es auch gelungen, Zeitzeugen zu befragen, die die verschiedenen Etappen der Zwangsarbeit beschreiben. Die Rekrutierung erfolgte im Rahmen des Ersatzwehrdienstes oder als Steuer. Die Männer wurden von den Feldern geholt, waren keine Männer da nahm man auch Frauen. Die Arbeit im Straßenbau erfolgte im Rhythmus der Trillerpfeife. Morgens und abends war Appell. Die Männer bauten die Strassen zunächst aus Erde, dann aus Schotter, den die Frauen herantrugen. Laut Zeugenaussagen wurden die Arbeiter gepeitscht, und viele flüchteten in den Dschungel. Neben dem Bau von Dämmen und Kanälen erfolgte auch die Errichtung von Gebäuden, vor allem in Segu, wo bis heute die Residenz des Gouverneurs steht[4].

Nach ersten Requisitionen wurden die „Eingeborenen“ im Rahmen eines militärischen Arbeitsdienstes („2e portion“) für den Bau des Staudamms herangezogen. In Kompanien zusammengefasst, wurden sie in zehn Lagern des STIN auf beiden Seiten des Niger untergebracht. Geht man von tausend Mann pro Lager aus, verwaltete der STIN vermutlich 10 000 Arbeiter. Die Zeitzeugen beschreiben diese Unterbringungen als militärische Arbeitslager, die den Baustellen folgten. Die Lager, bestehend aus kleinen Hütten für die Arbeiter, ihren Familien und den Küchen, wurden von französischen Offizieren und Kolonialsoldaten geführt. Die Arbeit auf den Baustellen dauerte elf Stunden pro Tag und wurde mit 1,50 Francs vergütet, wobei ein Teil (pécule) für die Versorgung einbehalten wurde.

Laut Zeitzeugen wurden die Arbeiter geschlagen, ihnen das Essen vorenthalten oder für unbestimmte Zeit eingesperrt. Auf den Baustellen ereigneten sich oft tödliche Unfälle, und manchmal kam es zu Revolten. Bei Desertionen wurden die Familien solange festgehalten, bis sich die Flüchtigen stellten. Alle Strafen wurden von afrikanischen Vorarbeitern oder Kreisvorstehern (garde-cercle) ausgeführt, die von den Arbeitern gehasst und manchmal auch ermordet wurden[5]. Die Zeitzeugen berichten neben den Schlägen auch von der schlechten Zubereitung der Nahrung bestehend aus Hirse, an der viele Arbeiter gestorben sein sollen. Ein Chauffeur in Marakala berichtet, dass „viele Leute beim Bau der Dämme gestorben sind, manchmal von den Maschinen begraben. Andere starben unter den Schlägen der Vorarbeiter. Viele starben![6]“. Andere Arbeiter starben bei den Arbeiten an dem Staudamm oder an Epidemien. Waren die Nahrungsmittelvorräte erschöpft sind, plünderten die Offiziere die umliegenden Dörfer. Bis 1942 wurden mehrere tausend Arbeiter rekrutiert, die alle von schlechter Ernährung und häufigen Unfällen berichten.

Nach der Fertigstellung der Dämme ging das Delta in staatlichen Besitz über, das mit afrikanischen Siedlern urbar gemacht wurde. Von 1930 bis 1946 wurden 25 000 Siedler ins Delta transportiert, von denen viele zur Umsiedlung gezwungen wurden. 1941 stellte ein Polizeibericht fest, dass die Rekrutierungen für das Office du Niger wie Razzien erfolgten. Manchmal wurden ganze Dörfer umgesiedelt: Im gleichen Jahr starben hundert Mossi während des Transports[7]. Die Siedler wurden in neuen Dörfern angesiedelt, die bewacht wurden und in denen Ausgangssperre herrschte. Die mangelnden hygienischen Verhältnisse führten dazu, dass manche Dörfer malariaverseucht waren. Der Anbau von Baumwolle gestaltete sich schwierig, und ein Dorfvorsteher berichtet von Selbstmorden der beim Office du Niger hoch verschuldeten Siedler. Ein Vorarbeiter berichtet, dass die Ansiedlungen oft mit der Unterstützung der Stammeschefs erfolgten, die für Geschenke und Alkohol unliebsamen Dorfmitgliedern die Umsiedlung anordneten. Der Autor beschließt seine Studie mit der Feststellung, dass das Office du Niger für die Afrikaner vor allem eine Deportation in ein Zwangsarbeitslager symbolisiert[8].

Der französische Journalist Pierre Herbart hat 1936 den Niger besucht und danach ein Plädoyer gegen den Office du Niger publiziert[9]. Dort zeigt er auf, dass das Projekt zum Scheitern verurteilt war, da der Sudan nicht über genügend Einwohner verfügt und die Zwangsumsiedlungen bestehende Strukturen zerstörten. Er zeigt auch auf, die das jede Kritik an dem Projekt durch gezielte Propaganda in der französischen Presse erstickt worden ist. Herbart vermutet, das dieses Projekt nur zustande kam, weil im „Niger-Komitee“ eine mächtige Interessengruppe die Fäden zog, um ein anderes Projekt zu verwirklichen: die Stahlindustrie, die eine Eisenbahnstrecke quer durch die Sahara bauen will, die „Transsahara-Eisenbahn“. Diesen Eisenbahnbau gilt es im Kolonialarchiv noch zu erforschen.

 


 

[2] Amidu Magasa, Papa-Commandant a jeté un grand filet devant nous,  éditions Francois Maspero, paris, 1978.

[3] In Segu befindet sich das Centre de documentation de l’Office du Niger, dass die Archive des STIN aufbewahrt.

[4] Ibid, S. 21-34. Die Zeitzeugenaussagen wurden vom Autor aufgenommen und sind im Institut des sciences humaines in Bamako verfügbar.

[5] Ibid. S. 50-57.

[6] Ibid. S. 66.

[7] Ibid. S. 93

[8] Ibid. S. 155.

[9] Pierre Herbart, Le chancre du Niger, Paris, Gallimard, 1939.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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