Peter GAIDA

 

 

"Saatkorn verstreut in die Winde.

Wissen wer immer es finde."

(Norbert Elias)

 

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Arbeitslager in Vichy-Frankreich.

Die ausländischen Arbeitskompanien (GTE) in Frankreich 1940-1944


Das Phänomen der Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg lässt sich nach der Erforschung des „Reichseinsatzes“ von „Fremdarbeitern“ nicht auf das nationalsozialistische Deutsche Reich begrenzen, sondern erweist sich in verschiedenen Formen als eine gesamteuropäische Erscheinung im deutsch besetzten Europa und seinen Satellitenstaaten. Neben dem massiven Zwangseinsatz von Millionen Kriegsgefangenen, Zivilrequirierten und KZ-Häftlingen für die nationalsozialistische Kriegswirtschaft und in den deutsch be­setzten Staaten haben auch autoritäre Regime wie Spanien unter Franco, Ungarn unter Horthy oder Frankreich unter Pétain Zwangsarbeit und Arbeitslager dazu benutzt, um Ausländer, Kommunisten und Ju­den aus der Gesellschaft auszugrenzen und ihre Arbeitskraft auszubeuten.

Der Arbeitseinsatz von Flüchtlingen, Juden und mittellosen Ausländern durch das Vichy-Regime zwischen 1940 und 1944 basiert auf einer repressiven Ausländerpolitik, die bereits ansatzweise von der Dritten Republik unter der Regierung von Edouard Daladier eingeführt wurde. Basierend auf einer langen Tradition der Strafarbeitslager („bagnes“) benutzte die Dritte Republik in ihren Kolonien bereits die Zwangsarbeit der einheimischen Bevölkerung, um koloniale Projekte zu realisieren. Daraus resultiert der französische Rückgriff auf Zwangsleistungen („prestations“) der spanischen Flüchtlinge nach Ende des Spanischen Bürgerkrieges, die nach Aufenthalten in Internierungslagern im April 1939 durch ein Gesetz über Arbeitsleistungen von Asylbewerbern in Arbeitskompanien ("Compagnie de Travailleurs Etrangers", CTE)zusammengefasst werden und bis zur französischen Niederlage im Mai 1940 einen Beitrag zur nationalen Verteidigung leisten mussten. Die Dritte Republik schuf so die Grundlage für den systematischen Arbeitseinsatz von Ausländern durch Vichy-Frankreich: rund siebzig tausend spanische Flüchtlinge, ausländische Kriegsfreiwillige und koloniale Zwangsverpflichtete fielen so in die Verantwortung eines autoritären Regimes, das ein eigenes System von Internierungs- und Arbeitslagern schuf.

Das durch ein Gesetz vom 27. September 1940 über in der „Nationalökonomie über­schüssige Ausländer“ geschaffene System von Arbeitskompanien, den so genannten „Groupes de Travailleurs Etrangers“ (GTE), erweist sich mit zeitweise 40 000 Personen in über hundert Kompanien als Ausdruck einer ausländerfeindlichen, antikommunistischen und antisemitischen Arbeitsmarktpolitik des Vichy-Regimes, die auf dem Hinter­grund der Kriegsgefangenschaft von über einer Million arbeitsfähiger Franzosen im Deutschen Reich die Flüchtlinge in den französischen Internierungslagern dazu benutzt, die fehlenden Kapazitäten in der französischen Industrie und Landwirtschaft durch spanische Bürgerkriegsflüchtlinge, jüdische Exilanten aus dem Reich, polnische Soldaten und belgische Flüchtlinge aufzufüllen.

Die Arbeitskompanien erweisen sich nicht als die von den Vichy-Behörden versprochene „Befreiung durch Arbeit“, sondern müssen als Zwangsarbeitslager betrachtet werden, in denen der Alltag durch unbezahlte Arbeit, mangelnde Ernährung, Hygiene und Unterbringung und eine restriktive Überwachung gekennzeichnet ist. Gleichzeitig dienen die Arbeitskompanien dazu, den deutschen Arbeitskräftebedarf zu decken, wobei das für die Arbeitskompanien verantwortliche französische „Kommissariat für den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit“ ausländische Arbeiter an die deutschen Besatzungs­behörden ausliefert, um so die französische Arbeiterschaft zu schützen und schließlich auch durch die Schaffung von jüdischen Kompanien deren Deportation in die Vernichtungslager vorbereitet. Insgesamt trägt so das Vichy-Regime nicht nur die Verantwortung für die Internierung von 600 000 Menschen und die Deportation von 70 000 Juden, sondern auch für die Ausbeutung von 80 000 Ausländern, die erst im Dezember 1944 von der provisorischen Regierung unter Charles de Gaulle befreit wurden.

Die repressive Ausländerpolitik des Vichy-Regimes beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Mutterland, sondern wird auch in den französischen Kolonien, vor allem in Französisch-Nordafrika durchgeführt. Im französischen Protektorat Marokko und in Al­gerien schaffen die dortigen Kolonialverwaltungen mehrere Dutzend Arbeitslagern für den Bau von Strassen und dem Einsatz in Bergwerken, die mit rund 8 000 Zwangsarbeitern aus den nordafrikanischen Internierungs-lagern, mit spanischen Bürgerkriegsflüchtlingen und mit deportierten Ausländern gefüllt werden. Die aus dem Mutterland deportierten Ausländer werden als „gefährliche Individuen“ einge­stuft und kommen beim Bau einer Eisenbahnstrecke in Algerien zum Einsatz, der Transsahara-Eisenbahn, die einem alten französischen Kolonialprojekt folgend die nordafrikanischen Kolonien durch eine 5 000 Kilometer lange Eisenbahnstrecke quer durch die Wüste mit Westafrika verbinden soll. In diesen Arbeitslagern der „Transsaharien“ in der algerischen Wüste sind die Zwangsarbeiter einem brutalen Regime ausge­setzt, dem durch Hunger, Krankheit und Folter zahlreiche Häftlinge erliegen, bevor sie im Mai 1943 nach der Landung der Alliierten in Nordafrika befreit werden.

Schließlich schaffen auch die deutschen Besatzungsbehörden, allen voran die national-sozialistische Baubehörde „Organisation Todt“, zahlreiche Arbeitslager an der Atlantikküste, um den von Hitler befohlenen Bau des „Atlantikwalls“ zu realisieren. Dabei werden neben durch das Vichy-Regime per Gesetz dienstverpflichtete Franzosen auch Arbeitskommandos mit französischen Kolonialtruppen, spanische Bürgerkriegsflüchtlinge bei Großbaustellen der U-Bootbunker in den französischen Häfen und belgische Juden für Befestigungsarbeiten an der Kanalküste in Nordfrankreich eingesetzt. Im Rahmen dieses Systems mit Arbeits- und Arbeitserziehungslagern im besetzten Frankreich wird auch auf den britischen Kanalinseln eine Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme geschaffen, in dem allein auf der Insel Alderney über achthundert spanische, jüdische und russische Zwangsarbeiter sterben. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Organisation Todt ihre Großprojekte in Frankreich nur mit der Zwangsarbeit von über 50 000 Ausländern und der Kollaboration des französischen Arbeitsministeriums realisieren konnte und – im Gegensatz zum bisherigen Forschungsstand – sich als ein Pfeiler der nationalsozialistischen Herrschaft in deutsch besetzten Europa erweist.

 

 

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© Peter Gaida 2015