Peter Gaida

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Der Forschungsstand zur Zwangsarbeit

im nationalsozialistisch besetzten Europa (1939-1945) [1]

 

Das Phänomen der Zwangsarbeit im Dritten Reich ist in seiner Dimension für das 20. Jahrhundert einmalig und stellt neben dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust ein wesentliches Element der Geschichte des Nationalsozialismus dar. Im Verlauf der nationalsozialistischen Herrschaft in Europa mussten über 40 Millionen Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in den besetzten Ländern für das deutsche Besatzungsregime arbeiten oder wurden zum „Reichseinsatz“ nach Deutschland deportiert.

Bei der Rekrutierung ausländischer Arbeiter im besetzten Europa lassen sich vier Vorgehensweisen feststellen, die jedoch in der Praxis ineinander übergingen: die freiwillige Anwerbung durch günstigere Arbeitsbedingungen im Reich, die Anwerbung durch maßgebliche Beeinflussung der Lebensbedingungen (Schließung von Betrieben, arbeitsamtliche Erfassung, materieller Druck), die Dienstverpflichtung („Konskription“) ganzer Jahrgänge durch die Kollaboration der einheimischen Behörden und die Deportation durch Gewaltanwendung der deutschen oder verbündeter Verwaltungsorgane. Daraus lässt sich eine theoretische Gliederung des geschichtswissenschaftlichen Begriffs der Zwangsarbeit in vier Kategorien ableiten: freiwillige Zivilarbeiter („Fremdarbeiter“); Zwangsarbeiter, die ursprünglich freiwillig nach Deutschland gekommen sind oder dienstverpflichtet wurden („Westarbeiter“); Zwangsarbeiter, die ins Reich deportiert wurden und eine überdurchschnittliche Sterblichkeit aufweisen („Ostarbeiter“); schließlich Zwangsarbeiter, die in Lagern oder Ghettos beschäftigt wurden und eine extrem hohe Sterblichkeit aufweisen (im englischsprachigen Raum: „Sklavenarbeiter“).

Die freiwillige Ausländerbeschäftigung im Deutschen Reich war bereits vor dem Ersten Weltkrieg durch eine traditionelle Saisonarbeit von Niederländern, Tschechen und Polen geprägt. Und bereits während des ersten Weltkrieges setzte das Deutsche Reich bereits Kriegsgefangene und in kleinerem Rahmen auch Zivilarbeiter zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft ein. Diese traditionelle Ausländerbeschäftigung setzte sich auch in der Weimarer Republik fort und erfuhr sogar eine rechtliche Verankerung durch eine tarifliche Gleichstellung der Ausländer gegenüber deutschen Arbeitern. Aus dieser traditionellen Arbeitsmigration in das Reich resultierte der „Reichseinsatz“ von Freiwilligen aus verbündeten oder besetzten Staaten, in denen im Gegensatz zum Deutschen Reich seit der Weltwirtschaftskrise eine hohe Arbeitslosigkeit herrschte, während im Reich seit 1938 Vollbeschäftigung erreicht war. Hinzu kommt, dass die schwierigen Lebensbedingungen in den besetzten Ländern mit Betriebstilllegungen und das durch überhöhte Wechselkurse künstlich geschaffene Lohngefälle als Anreiz für einen freiwilligen Arbeitseinsatz im Reich eine wesentliche Rolle spielten.

Der völkerrechtlich illegale Zwangseinsatz von ausländischen Arbeitern durch das NS-Regime ist grundsätzlich durch Spannungen zwischen der nationalsozialistischen Rassenideologie und einer pragmatischen Wirtschaftspolitik gekennzeichnet, die in der Formel „Vernichtung durch Arbeit“ ihre Zuspitzung fand. In der ersten „Blitzkriegs“-Phase bis Herbst 1941 schien der Arbeitskräftemangel im Reich durch „Westarbeiter“ gedeckt, und das NS-Regime konnte vorerst auf den „Reichseinsatz“ von „Untermenschen“ aus den Osten aus Angst vor Spionageangst und Rassenhygiene verzichten. Lediglich die Juden und Polen wurden zur Zwangsarbeit gezwungen. Der einsetzende Abnutzungskrieg gegen die Sowjetunion ab 1942 machte jedoch aus wachsendem Mangel an deutschen Arbeitskräften den pragmatischen Einsatz von „Ostarbeitern“ notwendig und löste nach der These von U. Herbert den ineffizienten Arbeitseinsatz von jüdischen „Sklavenarbeitern“ ab, um so mit die „Endlösung der Judenfrage“ einzuleiten.[2][2]

Und auch innerhalb der pragmatischen Arbeitseinsatzpolitik entstand ein weiterer Gegensatz zwischen dem eigentlichen „Reichseinsatz“ durch den „Generalbeauftragten für den Arbeitseinsatz“ (GBA) und der „Auftragsverlagerung“ der deutschen Industrieproduktion in die besetzten Gebiete, da beide Konzepte um die zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte für einen Einsatz entweder in der deutschen oder aber in der heimischen Industrie konkurrierten („Reichseinsatz“ versus „Arbeit zu den Arbeitern“). Insgesamt erscheint die Arbeitseinsatzpolitik des Dritten Reiches in erster Linie als ein „Herrschaftskompromiss“ (U. Herbert) zwischen den strengen Verfechtern der NS-Rassenideologie, die den Akzent auf die „Vernichtung“ der slawischen und jüdischen „Untermenschen“ setzten, und den kriegswirtschaftlichen Pragmatikern in Armee und Verwaltung, die den Akzent im Umgang mit den besetzten Gebieten auf den Arbeitseinsatz setzten. In ihrem Anspruch hat die nationalsozialistische Arbeits-einsatzpolitik trotz einer Mobilisierung von Millionen von Arbeitern aber ihre Ziele nicht erreicht und ist letztendlich infolge eines fehlenden Gesamtprogramms, der Kompetenzstreitigkeiten zwischen den NS-Organen und dem als Reaktion auf den Zwangseinsatz wachsenden Widerstand im besetzten Europa gescheitert.

Nach der Zerschlagung der „Rest-Tschechei“ im März 1939 wurde in dem - dem Reich angegliederten - „Protektorat Böhmen und Mähren“ zunächst die freiwillige Anwerbung im Rahmen des „Reichsausgleichs“ durchgeführt, doch bald setzte die Dienstverpflichtung der Jahrgänge 1918 bis 1922 ein, auch um so eine „Endlösung der tschechischen Frage“ zu erreichen. Von 1939 bis 1945 mussten so über 400.000 Tschechen kurz oder lang Zwangsarbeit im „Altreich“ leisten. Ab 1941 wurde jedoch dem Arbeitsdienst im Lande den Vorzug gegeben, um durch das Programm „Die Arbeit zum Arbeiter“ wichtige neue Waffenindustrien im industriell strukturierten und von Luftangriffen verschonten Protektorat mit Zwangsarbeitskräften zu versorgen, wofür eine Dienstverpflichtung aller 18 bis 50-jährigen Männer durchgeführt wurde. Im Protektorat mussten so über 600.000 Tschechen direkt Zwangsarbeit für die deutsche Industrie leisten. Daraus ergibt sich eine Gesamtzahl von einer Million Tschechen, die im Reich oder im Protektorat Zwangsarbeit für das Dritte Reich leisteten. Die seit 1938 unabhängige und agrarisch strukturierte Slowakei dagegen erlebte als deutscher Verbündeter keine Zwangsarbeit, sondern nur den freiwilligen Einsatz von rund 100.000 Landarbeitern im Reich, rund 20.000 kamen auch in die „Ostmark“.

Im verbündeten Italien entwickelte sich die Arbeitseinsatzpolitik der wechselnden politischen Situation folgend und ist zunächst ab 1938 bis Dezember 1942 durch eine Phase der in bilateralen Abkommen festgeschriebenen freiwilligen Wanderarbeit von Land- und Industrie-arbeitern gekennzeichnet, der rund 200.000 Italiener nachgingen. Erst mit dem Beginn der gemeinsamen Kriegführung im Juni 1940 begann die zweite Phase der deutsch-italienischen Vereinbarungen für Dienstverpflichtungen von Facharbeitern in deutsche Industrieunternehmen, im Austausch für Erleichterungen im Devisentransfer. Insgesamt kamen so 400.000 italienische Zivilarbeiter ins Reich. Im Zuge eines bewusst entstandenen Zahlungsbilanzdefizits des Reiches mit Italien forderte Italien die Rückkehr seiner Arbeiter ins Land, die jedoch nach dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 nicht mehr realisiert wurde. Der italienische Waffenstillstand mit den Alliierten im September 1943 schließlich führte zur Internierung der italienischen Truppen und zu ihrer Umwandlung in Militärinternierte (IMI), die in der Größenordnung von 600.000 als Zivilarbeiter im Reich und in den besetzten Gebieten eingesetzt wurden. Insgesamt arbeitete rund eine Million Italiener zum größten Teil unfreiwillig für das Dritte Reich. Wenig effektiv blieb der Arbeitseinsatz in Italien selbst, wo nach der Besetzung Italiens Ende 1943 „nur“ 50.000 Arbeiter nach „Sklavenjagden“ für Befestigungsarbeiten eingesetzt wurden.

In Polen wurden bereits nach der Niederlage im September 1939 und der Schaffung eines „Generalgouvernements“ zunächst die rund 400.000 polnischen Kriegsgefangenen zu Zivilarbeitern „umgewandelt“ und der Landwirtschaft im Reich zur Verfügung gestellt. Nach der Registrierung der männlichen Bevölkerung im „Generalgouvernement“ wurde wegen der abnehmenden Freiwilligkeit der traditionellen polnischen Wanderarbeit ins Reich ab 1940 eine Arbeitspflicht im Reich für die 14 bis 19-jährigen eingeführt. Im Mai 1942 wurde schließlich für Polen eine „Dienst-verpflichtungsverordnung“ erlassen, durch die mit rücksichtslosen Methoden (Razzien, Täuschungen, Strafen, Haft, Konfiszierung) bis 1944 rund 1,6 Millionen Polen als Zwangsarbeiter ins Reich deportiert wurden. Berücksichtigt man den Arbeitseinsatz von 1,3 Millionen Polen im Lande selbst, z. B. in der Region um Posen („Straflager Warthegau“), so waren mindestens drei Millionen Polen Zwangsarbeiter im „Großdeutschen Reich“.

Die jüdisch-polnischen Kriegsgefangenen und die polnischen Juden dagegen wurden ab Herbst 1939 im Rahmen des Programms „Vernichtung durch Arbeit“ in Ghettos beschäftigt oder in zeitweise 400 Zwangsarbeitslager überführt, die unter der barbarischen Führung der SS standen und deutschen Firmen als Arbeitskräftereservoirs dienten. Eine zentrale Rolle spielte hierbei die „Organisation Schmelt“, die jüdische Transporte aus Europa in die Vernichtungslager stoppte und gesunde Juden aussondierte, um sie der deutschen Industrie auszuleihen. Insgesamt durchliefen mindestens 200.000 „Arbeitsjuden“ diese Zwangsarbeitslager im „Generalgouvernement“ bis zur ihrer Überführung in die Ver-nichtungslager Anfang 1944. Weitere 500.000 Juden mussten in den Ghettos bis zur ihrer Auflösung in Ghettofabriken Zwangsarbeit leisten. Die Gesamtzahl aller jüdischen und nichtjüdischen polnischen Zwangsarbeiter übersteigt somit die drei Millionen.

Bei den so genannten „germanischen Hilfsvölkern“ in Norwegen, Dänemark, Holland und Belgien wurde zunächst auf die Freiwilligkeit gesetzt und erst ab 1942 zur Dienstverpflichtung übergegangen. Lediglich 65.000 wallonische Kriegsgefangene aus Belgien kamen sofort zum „Reichseinsatz“. Während Dänemark von Deportationen verschont blieb und rund 80.000 Freiwillige unter falschen Versprechungen als „Deutschlandarbeiter“ ins Reich gingen bzw. 90.000 im Land selbst Befestigungsarbeiten für die „Organisation Todt“ durchführten, war Norwegen das einzige Land, in das neben 150.000 dienstverpflichteten Norwegern auch 100.000 polnische und sowjetische Kriegsgefangene zum Arbeitseinsatz für große deutsche Industrieprojekte „importiert“ wurden. In den Niederlanden wurden erst im Herbst 1944 140.000 Arbeiter für den „Reichseinsatz“ dienstverpflichtet, und aus Belgien kamen 200.000 Freiwillige ins Reich, weitere 200.000 Freiwillige arbeiteten für das deutsche Besatzungsregime im Lande selbst.

Das in eine besetzte und eine „freie“ Zone geteilte Frankreich spielte durch ein formal unabhängiges autoritäres Regime eine Sonderrolle, da es eine eigene aktive Kollaborationspolitik beim Arbeitseinsatz verfolgte. Nach dem Waffenstillstand mit dem Reich im Juli 1940 wurden rund eine Million französische Kriegsgefangene zum Arbeitseinsatz ins Reich deportiert und ein kleiner Teil von ihnen im Rahmen der von Vichy vorgeschlagenen  „transformation“ in den Zivilstatus überführt. Die Zivilarbeiter dagegen wurden bis 1942 im Rahmen des von Vichy initiierten Austausches („Releve“) gegen Kriegsgefangene freiwillig ins Reich angeworben. Doch der wachsende Arbeitskräftebedarf im Reich führte zu Dienstverpflichtungen („Sauckel-Aktionen“), bei denen die deutschen Besatzungsorgane vom Vichy-Regime durch die Einführung eines allge-meinen französischen Arbeitsdienstes ganzer Jahrgänge („Service de travail obligatoire“) unterstützt wurden. Insgesamt kamen durch die freiwillige, aber durch wirtschaftspolitische Maßnahmen flankierte „Relève“ 240.000, und durch den Arbeitsdienst etwa 700.000 Zivilarbeiter ins Reich, so das insgesamt knapp zwei Millionen französische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene im Reich arbeiteten.

Weit mehr Franzosen wurden jedoch in den kriegswichtigen Betrieben der französischen Industrie zum Arbeitsdienst herangezogen, da die Industriemacht Frankreich bei der „Auftragsverlagerung“ ein zentrale Rolle spielte und in Frankreich selbst mindestens weitere zwei Millionen Arbeiter durch „Auskämmungsaktionen“ direkt für die Wehrmacht und die „Organisation Todt“ dienstverpflichtet wurden. Daneben wurden in Frankreich mehrere hunderttausend Ausländer von dem französischen Vichy-Regime zu Zwangsarbeit in speziellen „ausländischen Arbeits-kompanien“ gezwungen,. Etwa 27.000 spanische Bürgerkriegsflüchtlinge von der Vichy-Regierung auch der „Organisation Todt“ zur Verfügung gestellt, und eine unbekannte Anzahl von französischen Kolonialtruppen (Marokkaner, Indochinesen und Senegalesen) wurde während ihrer Gefangenschaft von der Wehrmacht zu Befestigungsarbeiten herangezogen.

In Südosteuropa wurde sowohl in den verbündeten Staaten Ungarn, Bulgaren und Rumänien als auch in den besetzten Gebieten Jugoslawien und Griechenland zunächst auf die Freiwilligkeit gesetzt. Während das Königreich Bulgarien mit 30.000 und Rumänien mit 10.000 freiwilligen Zivilarbeitern im Reich eher eine untergeordnete Rolle spielten, schuf das neue faschistische Regime unter Horthy in Ungarn bereits im März 1939 einen eigenen Arbeitsdienst für die rund eine Million in „Groß-Ungarn“ lebenden Juden, von denen 100.000 zur Zwangsarbeit im Lande selbst herangezogen wurden. Erst mit der deutschen Besatzung im März 1944 begann die Zwangsverschickung der ungarischen Juden zum „Reichs-einsatz“. Sie wurden als „Austauschjuden“ gegen Rohstofflieferungen nach Österreich deportiert oder als „Leihjuden“ der SS für ihre Bauvorhaben übergeben. Über die Zahl der jüdischen Zwangsarbeiter aus Ungarn gibt es jedoch keine genauen Angaben. In Slowenien, das als „deutsches Bollwerk“ im Südosten eingedeutscht werde sollte, begann (wie in Elsass-Lothringen und Luxemburg) eine Politik der „Absiedlung“ der hiesigen Bevölkerung ins Reich im Gegenzug zu einer „Umsiedlung“ Deutscher nach Slowenien. Rund 37.000 slowenische „Absiedler“ kamen so ins Reich und wurden aufgrund des Arbeitskräftemangels der Landwirtschaft zugeführt.

Das rohstoffreiche Griechenland wurde bereits im April 1940 von Italien besetzt und diente dem Reich als Lieferant für wichtige Bodenschätze, wofür in Zwangsrekrutierungen mindestens 100.000 griechische Zivilarbeiter herangezogen wurden. Ab Herbst 1943 wurden auch insgesamt etwa 35.00 griechische Zivilarbeiter ins Reich deportiert. Als im April 1941 die Wehrmacht das Königreich Jugoslawien überfiel, befanden sich schon rund 50.000 kroatische und slowenische Wanderarbeiter im Reich. Während rund 110.000 serbische Kriegsgefangene ins Reich deportiert wurden, schloss das neue Regime des nun unabhängigen Kroatiens mit dem Reich ein Abkommen für den freiwilligen Einsatz von insgesamt 100.000 kroatischen Zivilarbeitern. In Serbien wurde durch die Einführung einer Dienstverpflichtung im März 1943 rund 100.000 Serben für den „Reichseinsatz“ angeworben, weitere 200.000 Serben leisteten Zwangsarbeit für deutsche Interessen in den strategisch wichtigen Bergwerken in Jugoslawien.

Die bei weitem größten Opfer der nationalsozialistischen Arbeitseinsatzpolitik brachte die Sowjetunion. Zunächst wurde in Zuge der Reagrarisierung des neuen „Lebensraums im Osten“ nach dem Überfall auf die Sowjetunion auf den Arbeitseinsatz der sowjetischen Kriegsgefangenen verzichtet und bewusst bis Februar 1942 der Massentod von rund zwei Millionen Rotarmisten in Kauf genommen. Erst mit dem Übergang zu einem Abnutzungskrieg im Herbst 1941 wurden eine Million Balten und Ukrainer in den Zivilarbeiterstatus überführt und mindestens zwei weitere Millionen Rotarmisten zur Zwangsarbeit ins Reich überführt, von denen über eine Million beim Arbeitseinsatz starb. Die sowjetischen Zivilarbeiter dagegen wurden bis Dezember 1941 zunächst freiwillig angeworben, doch nur 150.000 gingen freiwillig ins Reich. Im Herbst 1942 schließlich wurde eine Arbeitspflicht ohne Altersbeschränkung eingeführt und in „Sklavenjagden“ mit Beschlagnahmungen, Zwangsabtreibungen und Massendeportationen bis zum Kriegsende 3,1 Millionen sowjetische Zwangsarbeiter dem „Reichseinsatz“ zugeführt.

In der Sowjetunion selbst wurde das Konzept der „Kornkammer für das Reich“ von dem Wiederaufbau der sowjetischen Industrie für deutsche Zwecke begleitet. In kriegswichtigen Industriewerken („K-Werke“) beschäftigten deutsche Unternehmen wie Opel und Daimler-Benz sowie die Wehrmacht, die „Organisation Todt“ und die „Reichsbahn Ost“ weit über eine Million Zwangsarbeiter, z. B. bei der Umspurung der sowjetischen Eisenbahnlinien. Die Gesamtzahl aller sowjetischen Zwangsarbeiter im deutschen Besatzungsgebiet wird auf 22 bis 27 Millionen geschätzt, vor allem in der Landwirtschaft. Auch eine unbekannte Anzahl der jüdischen Bevölkerung der Sowjetunion wurde nach einer ersten Phase der sofortigen Ermordung der Zwangsarbeit, zunächst in Ghettos, dann in Hunderten von Zwangsarbeiterlagern und schließlich in vier Konzentrationslager mit Außenkommandos zugeführt. Eine letzte Rekrutierungswelle Mitte 1944 war die so genannte „Heu-Aktion“ (heimat-, eltern- und unterkunftslos), bei der rund 40.000 sowjetische Jugendliche zum „Reichseinsatz“ deportiert wurden.

Schließlich sind auch Staatsbürger neutraler oder verfeindeter Staaten und Staatenlose zum „Reichseinsatz“ herangezogen worden. In Spanien unter dem autoritären Franco-Regime waren „fliegende Kolonnen“ im Einsatz und konnten einige tausend spanische Arbeitskräfte freiwillig ins Reich holen. Auch kamen mindestens 18.000 freiwillige Schweizer zur Arbeit ins Reich. Auch die staatenlosen Sinti und Roma, die auf der gleichen „völkischen“ Stufe in der NS-Rassenideologie wie die Juden rangierten, sind zu einigen Tausend den Arbeitseinsatz im Reich zugeführt worden. Eine größere Gruppe stellten rund 100.000 alliierte Kriegsgefangene dar, vor allem Briten, Inder und US-Amerikaner, die der Wehrmacht in die Hände gefallen sind. Da sie durch die Genfer Konvention geschützt waren, konnten sie nicht in der Rüstungsproduktion eingesetzt werden, sondern wurden zu Schanz- und Befestigungsarbeiten herangezogen. Als im November 1942 deutsche Truppen das französische Protektorat Tunesien besetzten, wurden die dort ansässigen Juden in Zwangsarbeitslagern interniert und zu Zwangsarbeit bei Eisenbahnstrecken herangezogen. Unklar bleibt bislang der deutsche Einfluss auf französischen Behörden in Französisch Algerien und in dem französischen Protektorat Marokko, wo insgesamt 9.000 Juden und Ausländer in Zwangsarbeitslagern die „Transsahara-Eisenbahn“ bauen mussten.

Nach M. Spoerer ergibt sich so für den „Reichseinsatz“ eine Gesamtzahl von rund 13,5 Millionen ausländischen Zivilarbeitern, Kriegsgefangenen und Häftlingen zwischen 1939-1945, wobei die Sowjetunion, Frankreich und Polen die größten Kontinente an Zwangsarbeitern im Deutschen Reich stellten. Ein weit größerer Teil, nach Spoerer mindestens 30 Millionen Zwangsarbeiter, mussten aber in den von der Wehrmacht besetzten Ländern selbst als Dienstverpflichtete, als Kriegsgefangene oder als KZ-Häftlinge für deutsche Interessen Zwangsarbeit leisten. Vor allem polnische und sowjetische Kriegsgefangene  sowie jüdische Zwangsarbeiter wurden je nach Bedarf in andere besetzte Länder deportiert, und die Einführung der Arbeitspflicht beinhaltete die Deportation in die zahlreichen Zwangsarbeitslager im besetzten Europa. Der „Reichseinsatz“ ist somit nur ein Aspekt des nationalsozialistischen Arbeitseinsatzes neben dem in seiner quantitativen Dimension weit größeren Arbeitseinsatz im besetzten Europa. Das Thema der Zwangsarbeit im Dritten Reich erweist sich somit als ein europaweites Phänomen.

Es lässt sich jedoch feststellen, dass die historische Forschung der europaweiten Dimension des Phänomens der Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg bislang nicht gerecht werden konnte und die Kenntnisse der Situation in den einzelnen Ländern recht gering ist. während in Deutschland seit der Neuerscheinung des Standardwerkes von U. Herbert zu den „Fremdarbeitern“ eine Fülle von Regional- und Unternehmensstudien erscheinen ist, so dass der „Reichseinsatz“ als gut erforscht betrachtet werden kann,  erschließt die Überblicksdarstellung von M. Spoerer zum Arbeitseinsatz in den besetzten Ländern ( nach dem Sammelband von U. Herbert) im Grunde Neuland.

Dieser Mangel liegt neben den Forschungsschwerpunkten in Deutschland und den Sprachbarrieren auch an den ehemals besetzten Gebieten in Europa selbst. In der Nachkriegszeit galt der „Reichseinsatz“ als ein Zeichen von Kollaboration und wurde tabuisiert. Dementsprechend wurde das historische Interesse von der Beschreibung der Verfolgung und dem Widerstand überlagert. In der Sowjetunion sahen sich die ehemaligen sowjetischen Zwangsarbeiter dem Vorwurf des Verrats am „Grossen Vaterländischen Krieg“ ausgesetzt, in Frankreich dominierte lange Zeit die „Resistance“ die Geschichtsschreibung, erst in jüngster Zeit hat die Aufarbeitung der Rolle des Vichy-Regimes auch zur besseren Kenntnis des „Reichseinsatzes“ im Reich geführt. Und für manche Staaten wie z. B. für Jugoslawien, Ungarn und Bulgaren verfügen wir über keinerlei Studien. Lediglich in Polen begann bereits nach dem Krieg eine sorgfältige Aufarbeitung des Zwangseinsatzes der polnischen Bevölkerung im Deutschen Reich.

Eine Überblicksdarstellung, die die gesamte Dimension des Zwangseinsatzes im Dritten Reich und im besetzten Europa aufzeigen müsste und offene Fragen wie etwa die Rolle der deutschen Industrieunternehmen im besetzten Europa oder die Dimension der Zwangsarbeit bei der „Organisation Todt“ nachgehen müsste, fehlt jedoch bis heute. Insgesamt muss die historische Forschung zur Zwangsarbeit nach der erfolgten Grundsteinlegung durch U. Herbert zum „Reichseinsatz“ nun in einer europäischen Perspektive auch die Zwangsarbeit im besetzten Europa aufarbeiten, um dieser - neben dem Kriegshandlungen und dem Holocaust - wohl wichtigsten kollektiven Erfahrung mit der Unernährung, Misshandlung, Ausbeutung und Vernichtung von Millionen Europäern im Zweiten Weltkrieg gerecht zu werden. Obgleich bei der deutschen Entschädigungsdebatte häufig der Wunsch nach einem Schlussstrich laut wurde, steht die historische Forschung zur Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg wohl erst an ihrem Anfang.

 

 


 

[1] M. Spoerer: Zwangsarbeit unterm Hakenkreuz. Stuttgart 2001

[2]U. Herbert (Hg.): Europa und der “Reichseinsatz. Essen 1991, S. 416