Peter Gaida

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Die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland und Frankreich im Vergleich: 

Annäherung und Entfremdung der Nachbarn am Rhein

 

Grundsätzlich muss man feststellen, dass bei dem Vergleich der europäischen Industriegesellschaften zunächst ihre historische Differenzierung berücksichtigt werden muss. Die kulturellen Grenzen Europas sind das Resultat historischer Entwicklungen, zu denen der Einfluss der Römischen Reiches (bis 476), die Spaltung der orthodoxen Kirche (Schisma 1054), die Entwicklung urbaner Räume in Mitteleuropa, die Spaltung der Landwirtschaft in Grundherrschaft im Westen und Gutsherrschaft im Osten (ab 1500), die Trennung der Christenheit mit der Entstehung des Protestantismus (1517) und die Entwicklung des "atlantischen Kapitalismus" im 16. Jhd. als Grundlage für die industrielle Revolution von Bedeutung sind. 

Die industrielle Revolution leitete in Europa eine signifikante Änderung der sozialen Strukturen ein und mündete in das Zeitalter der modernen Industriegesellschaft, die durch Konkurrenzdemokratie, soziale Marktwirtschaft und die Wohlstandsgesellschaft gekennzeichnet ist. Innerhalb der letzten 200 Jahre lassen sich jedoch in den (west-) europäischen Industriegesellschaften gemeinsame demographische, soziokulturelle, sozioökonomische, strukturelle und institutionelle Veränderungen feststellen, die die Theorie eines gemeinsamen Modernisierungsprozesses untermauern.


Die Untersuchung des demographischen Wandels in Europa zeigt, dass die Populationsdynamik zwei Übergänge erlebt hat, die zu einer Wandlung des Zusammenspiels von Heirat, Geburt und Tod geführt haben und Rückwirkungen auf die demographische Struktur der europäischen Gesellschaften haben. Der sogenannte erste demographische Übergang in den letzten 200 Jahren führte durch die Modernisierung zu einem kontinuierlichen Rückgang der Sterbe- und Geburtenziffern in Europa. Der nach dem 2. Weltkrieg einsetzende zweite demographische Übergang führte nach dem "Pillenknick" zu einem anhaltenden Unterschreiten der Bestandserhaltung in ganz Europa, dem sogenannten Niedriggeburtensyndrom, dass auf Entwicklung neuer Haushalts- und Familientypen zurückgeführt wird, die das Resultat eines veränderten Fertilitäts- und Heiratsverhalten sind. Dieser Bedeutungswandel von Ehe und Familie und dem daraus resultierenden Niedriggeburtensyndrom zeichnen insgesamt für Europa das gemeinsame Bild einer "ergrauten Gesellschaft".


Die Untersuchung des sozioökonomischen Wandels in Europa auf der Grundlage der funktionalen Gliederung in einen primären, sekundären und tertiären Sektor zeigt, dass die europäischen Volkswirtschaften sich in einem Prozess der Tertiarisierung befinden. Die europäischen Gesellschaften haben seit der industriellen Revolution eine Forcierung des industriellen Sektors erfahren, der jedoch zeitlich und strukturell unterschiedlich in den einzelnen Staaten stattfand und von den nationalen Wirtschaftspolitiken bestimmt war. Seit dem 2. Weltkrieg verliert der industrielle Sektor in Westeuropa zugunsten einer Dienstleistungsgesellschaft an Bedeutung, ohne jedoch ihn vollkommen abzulösen. In jüngster Zeit lässt sich ein allgemeiner Übergang von der Industriegesellschaft zu einer postindustriellen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft erkennen, in der sich die Produktion von Wissen die Produktion von Gütern als "axiales Prinzip" ablöst, mit der Informationstechnologie als dem vierten Sektor, hin zu einer „Informationsgesellschaft".


Die Untersuchung des soziokulturellen Wandels in Europa zeigt, dass die westeuropäischen Gesellschaften trotz nationaler Besonderheiten über ein grundlegendes gemeinsames Wertesystem verfügen, dass die individuellen Verhaltensweisen ihrer Bürger determiniert. Mit der fortschreitenden Industrialisierung kam es in Westeuropa jedoch zu einem Wertewandel, der sich in einer Pluralisierung der Lebensstile und in einer Individualisierung niederschlägt. Im Zuge dieses soziokulturellen Wandels rückten gemeinschaftsbezogene Werte zugunsten von ich-bezogener Werte, z. B. hedonistischer Konsum, in den Hintergrund. Auf der anderen Seite haben neue soziale Bewegungen durch die Bewusstseinswerdung kollektiver Risiken (Friedens-, Umweltbewegung konvergierende, wenn auch nicht gleich starke Entwicklungen erlebt und insgesamt zu mehr Partizipation in der politischen Kultur geführt.


Die Untersuchung der sozialen Mobilität in den europäischen Gesellschaften zeigt, das mit der Ablösung der frühindustriellen Klassengesellschaft durch die Entwicklung von Schichten mit Wandlungen in der Berufs, Bevölkerungs-, Infra- und Familienstruktur die soziale Ungleichheit insgesamt zurückgegangen ist und das soziale Gefüge durchlässiger geworden ist. Dennoch sind soziale Ungleichheiten in neuer Form, etwa durch Alter, Geschlecht, Ausbildung, Einkommen und Lebenslagen weiterhin präsent. Ferner führten neue soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit oder Teilzeitarbeit zu einer Deregulierung der Arbeitsbeziehungen, die der These eines neuen Dienstleistungsproletariats Vorschub gibt, hin zu einer "Zwei-Drittel-Gesellschaft".


Die Untersuchung des institutionellen Wandels zeigt, dass alle westeuropäischen Gesellschaften einen Sozialstaat entwickelt haben, der als Reaktion auf die Industrialisierung national unterschiedlich strukturierte Pflichtversicherungssysteme beinhaltet und historisch aus der Durchsetzung der Kleinfamilie, der Tradition öffentlicher Fürsorge und der Stärke der Arbeiterbewegung resultieren. Zugleich weisen sie in jüngster Zeit durch demographische Veränderungen und durch die schwierige Finanzierbarkeit gleiche Probleme auf, die auch im Zuge einer europäischen Sozialpolitik zu einer Harmonisierung der Sozialsysteme führen könnten. Und auch auf der Ebene der Politik weist Europa eine eigene Parteienfamilie auf, die durch aufgrund unveränderter Konfliktstrukturen (Besitz-Arbeit, Staat-Kirche, Stadt-Land, Volk-Sprache) eine hohe Stabilität besitzt und in allen westeuropäischen Gesellschaften nachzuweisen ist. Inn jüngster Zeit haben neue soziale Konflikte, neue politische Themen und eine veränderte Sozialstruktur einerseits zu einem Sinken der Parteiidentifikation und andererseits zur Entstehung neuer Gruppierungen geführt.


Insgesamt stellt Immerfall fest, das in der Diskussion der Entwicklung der europäischen Gesellschaften zumindest Westeuropa im Hinblick auf die Demographie, die Wirtschaftsstruktur, der Wertemuster, der sozialen Mobilität und wohlfahrtstaatlichen Institutionen einen gemeinsamen, "gleichsinnigen" Modernisierungsprozess durchlaufen hat, der trotz nationaler Besonderheiten und unterschiedlicher Entwicklungspfade eine Annäherung der westeuropäischen Industriegesellschaften hervorbrachte.

Für die letzten hundert Jahre kommt der Sozialhistoriker Hartmut Kaelble zu differenzierteren Ergebnissen, die die europäischen Besonderheiten im außereuropäischen Vergleich und die wachsenden Ähnlichkeiten der westeuropäischen Gesellschaften präziser hervortreten lassen.

Die europäische Familie unterscheidet sich von außereuropäischen Familienstrukturen durch die Kleinfamilie, das späte Heiratsalter und den hohen Anteil an Unverheirateten aus. Die europäische Industriegesellschaft weist einen hohen Anteil an qualifizierten Beschäftigten in der Industrie, einen hohen Anteil an Frauenarbeit und eine generelle Exportorientierung auf. Die europäischen Grossunternehmen haben insgesamt eine geringe Größe, waren lange Zeit Familienunternehmen und in Monopolen und durch Zölle geschützt. Die „europäische Ungleichheit" zeichnet sich durch eine geringere soziale Mobilität aus, mit einem Rückstand in den Bildungschancen im allgemeinen und für Frauen im besonderen. Auch weist Westeuropa eine größere Ungleichheit in der Verteilung des Besitzes auf. Zudem gab es eine schärfere Trennung zwischen den Schichten als in z. B. in den USA. Die europäische Stadt unterscheidet sich von außereuropäischen Städten durch ihr langsameres Wachstum, ihre mittlere Größe und ihre öffentliche Planung. Der europäische Wohlfahrtsstaat beruht auf eine längeren Tradition im Zusammenhang mit der Industriearbeiterarmut, beinhaltet eine Pflicht zur Sozialversicherung und hatte für andere Industriegesellschaften Modellcharakter. Der europäische Arbeitskonflikt schließlich zeichnet sich durch einen hohen Organisationsgrad der Gewerkschaften aus, basiert auf mittelalterlichen Handwerkszünften und ist durch ein stärkeres Klassenbewusstsein geprägt, aus dem seltene, aber lange, generelle und vor allem politische Streiks resultierten.

Historische Grundvoraussetzungen für diese Besonderheiten der Familie, der Wirtschaft, der Unternehmen, der Ungleichheit, des Wohlfahrtstaates und des Arbeitskonfliktes im außereuropäischen Vergleich sind für Kaelble das Alter der europäischen Gesellschaften, der Mangel an Langzeiteroberungen oder Hegemonien und die europäische Vielstaatlichkeit.

Für den deutsch-französischen Vergleich der letzten hundert Jahre zeichnet Hartmut Kaelble ein ähnliches Bild. In einer Phase der Entfremdung haben die deutsche und die französische Gesellschaft in den Bereichen der Industrie, der Familie, des Bürgertums, des Arbeitskonfliktes und des Sozialstaates zu Beginn des Jahrhunderts zunächst eine divergierende Entwicklung durchlaufen. Für die erste Jahrhunderthälfte zeichnet sich ein unterschiedlicher Entwicklungspfad der beiden kapitalistischen Ländern ab, obwohl beide die erste industrielle Revolution abschließen und ein hohes Wirtschaftswachstum verzeichnen konnten.

In der Industrie war in Frankreich traditionell auf den Binnenmarkt orientiert, die Wirtschaft von Familienunternehmen beherrscht und die Produktion auf die Konsumgüter gerichtet. Das Deutschen Reich dagegen erlebte eine stärkere Industrialisierung einer exportorientierten Wirtschaft mit modernen Managementstrukturen und war auf die Herstellung von Produktionsgütern ausgerichtet. Diese starke Industrialisierung im Deutschen Reich blieb nicht ohne sozialen Folgen. Der Industriesektor hatte im Deutschen Reich den höheren Beschäftigungsanteil, und der Bevölkerungswachstum sowie die Abwanderung in die Stadt führten zur Verstädterung mit reinen Industriestädten und schwierigen Lebensbedingungen, die zu hoher Kindersterblichkeit und zu niedrigeren Lebenserwartungen führten, im Vergleich zu Frankreich, dass keine Verstädterung erlebte.

Das hohe Bevölkerungswachstum im Deutschen Reich blieb nicht ohne Folgen auf die Familienstrukturen. Während Frankreich nur sehr niedrige Geburtenraten aufwies, mit der Zwei-Kinder-Familie in drei Generationen, einer kurzen Elternphase, mehr Fürsorge und engeren Familienbindungen, also insgesamt mehr „lebenserhaltende" Familienstrukturen, erlebte das Deutsche Reich ein hohes Bevölkerungswachstum, mit mehr als zwei Kindern in der Zwei-Generationen-Familie, mehr alleinstehenden jungen Erwachsenen, einer hohen Säuglingssterblichkeit und einer langen Elternphase, also insgesamt einer „lebensverschwendenden" Familienstruktur. Auch die Frauenrolle weist große Unterschiede auf: der französische Anteil an Frauenarbeit war wesentlich größer, und die Frauen hatten früher Zugang zu einer Hochschulausbildung in Frankreich. Insgesamt hat die längere „empty nest"-Phase der französischen Familie die Französinnen früher von der traditionellen Hausfrau- und Mutter-Rolle entbunden, während im Deutschen Reich die Autoritätsrolle des allein arbeitenden Vaters und die Beschränkung auf die Kindererziehung die Emanzipation der deutschen Frau verhindert hat.

Auch das Grossbürgertum nahm auf dem Hintergrund der bürgerlichen Gesellschaft mit privatem Eigentum, Rechtsgleichheit und freiem Warenverkehr in beiden Ländern eine sehr unterschiedliche Entwicklung. Während in Frankreich durch die III. Republik (1871-1940) das republikanische, aus den „notables" resultierende Bürgertum an die Macht kam, musste sich das liberale deutsche Bürgertum die Macht mit dem in Armee, Politik und Verwaltung national präsenten Adel teilen. Auch erfuhr die bürgerliche Ideologie des Liberalismus in Deutschland einen Inhaltsverlust nach der Reichsgründung von 1871, während er in Frankreich mit einer antiklerikalen Haltung seine Position durch die Trennung von Staat und Kirche im Gesetz von 1905 stärken konnte. Schließlich erfuhr das Bürgertum im Reich eine Spaltung einerseits durch das Aufkommen von Grossunternehmern, von deren Profit-Idealen sich das Bildungsbürgertum abwandte, und auf der anderen Seite fand es sich mit einer massiven Arbeiterbewegung konfrontiert, während die Bourgeoisie in Frankreich in den liberalen Berufen durch ihre größere Autonomie und mit einem größeren Kleinbürgertum als Basis insgesamt auf einen breiteren sozialen Fundament stand.

Ähnliche Unterschiede kennzeichnen die Situation in den Arbeitskonflikten zwischen der Arbeiterschaft, den Unternehmern und dem Staat zu Beginn des Jahrhunderts. Im Deutschen Reich konnte sich durch eine rasch wachsende Arbeiterschaft eine starke Arbeiterorganisation entwickeln, die durch die Entstehung von Arbeitermilieus auch schärfere soziale Trennlinien herausbildete und moderne Methoden des Arbeitskampfes entwickelte. Gleichwohl fand sie im Deutschen Kaiserreich keine so starke Einbettung wie die weniger organisierte, kleinere und auf breitere Schichten sich stützende Arbeiterbewegung in Frankreich, die eng mit der sozialistischen Partei zusammenarbeitete und so früher Zugang zur politischen Macht in der III. Republik hatte. Auch waren die sozialen Trennlinien ungleich weniger scharf, da die bürgerlichen Lebensformen in Frankreich eine größere Anziehungskraft besaßen.

Schließlich lassen sich auch in der Entwicklung des Sozialstaates Unterschiede festmachen. Das Deutsche Reich erlebte einen frühen Aufbau einer obligatorischen und zentralen Sozialversicherung, während in Frankreich genossenschaftliche Sozialkassen die soziale Absicherung übernahmen. In der Bildungspolitik erfuhr Deutschland massive Investitionen in die Hochschulen, vor allem in die technischen Wissenschaften, während in Frankreich sich die Volksschulen zu einem Pfeiler der 3. Republik entwickelten und das Hauptgewicht auf die Einrichtung von Fachhochschulen gelegt wurde. In der Stadtplanung schließlich hat der Problemdruck in Deutschland durch das Bevölkerungswachstum zu eine frühen kommunalen Stadtplanung durch die national schwachen bürgerlichen Schichten geführt, während in Frankreich lediglich in der Hauptstadt Paris ein massiver Umbau vorangeschritten ist und die Stadtplanung auf regionaler Ebene ein Stiefkind blieb.

Insgesamt lässt sich für die erste Jahrhunderthälfte eine unterschiedliche Entwicklung in den zentralen Themen gesellschaftlichen Lebens feststellen, die jedoch In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch eine Annäherung der beiden Gesellschaften nivelliert wurden.


In der sozioökonomischen Entwicklung erlebte die Bundesrepublik einerseits einen raschen Wiederaufbau in den fünfziger Jahren, während Frankreich in den sechziger Jahren seinen Industrialisierungsrückstand aufholen konnte. Nach einer Phase der wirtschaftlichen Planung durch die Politik erfolgte eine tiefgreifende Umstellung der französischen Wirtschaft mit modernen Managementmethoden, einer größeren Industrieproduktion und einer größeren Exportorientierung. Während in der Bundesrepublik sich bereits ein wirtschaftlicher Liberalismus durchsetzen konnte, fand Frankreich erst nach diesem Modernisierungsschub Anschluss zu einer sozialen Marktwirtschaft.

Gesellschaftlich erlebte Frankreich ein Anwachsen der Industriebeschäftigung bei gleichzeitigem Rückgang der Beschäftigen in der Landwirtschaft, einen Rückgang der kleinbürgerlichen Schichten, ein Einsetzen der Verstädterung und erlebte einen Bildungssprung mit einem höheren allgemeinen Bildungsniveau. Insgesamt kam es zu einer Angleichung in der Produktivität und des Wohlstandes, den Wirtschaftsstrukturen und der Wirtschaftspolitik, beim Bevölkerungswachstum und bei den Lebensstilen in beiden Ländern bis 1980.

In der Entwicklung der Familie dagegen erfolgte im gesamteuropäischen Vergleich nur eine Annäherung mit weiterhin spürbaren nationalen Unterschieden. In den Geburtenzahlen erfolgte eine Umkehrung: Deutschland weist die niedrigsten Geburtenraten, Frankreich die höchsten in Europa auf. Gemeinsam ist beiden Ländern, das die Drei-Generationen-Familie verschwunden ist, das Heiratsalter gestiegen ist und die Lebenszyklen insgesamt durch Scheidungen, alleinerziehende Eltern, unverheiratete oder kinderlose Paare eine Pluralisierung erlebt haben. Trotzdem sind weiterhin spürbare Unterschiede wahrnehmbar, und zwar in der höheren Familienbindung in Frankreich, die besseren staatlichen Rahmenbedingungen für die Kindererziehung, ein höherer Anteil und eine größere Akzeptanz erwerbstätiger Frauen, sowie ein höherer Anteil an Frauen in akademischen Berufen. Insgesamt sind sich die Familien auf beiden Seiten des Rheins nur im Vergleich zur Jahrhundertwende ähnlicher geworden, über die Zahl der Kinder, ihre frühe Einschulung und die Rolle der Frau gibt es weiterhin abweichende Einstellungen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in der Entwicklung der oberen Schichten seit 1945: Die generelle Tendenz einer Nivellierung der sozialen Trennlinien zwischen den Schichten verlief in beiden Ländern unterschiedlich. Die oberen Schichten in Deutschland, die nur wenig erforscht sind, erlebten eine grundsätzliche Diskreditierung durch das NS-Regime, während in Frankreich weiterhin eine "classes dominantes" mit "feinen" Unterschieden (P. Bourdieu) in der Ausbildung ("grandes écoles"), in den Oberschichtehen und im Lebensstil zu verzeichnen sind. Insgesamt sind die oberen Schichten in Frankreich immer noch eine geschlossene Elite, die erst in den letzten zwanzig Jahren eine Angleichung im Lebensstil zum Rest der Bevölkerung erlebt hat. Auch unterscheiden sich die oberen Schichten erst seit kurzem nicht mehr in ihrem Besitz, das reichste Prozent auf beiden Seiten des Rheins verfügt über ein Viertel des Inlandsbesitzes. Insgesamt hat sich die Bourgeoisie in Frankreich, die noch nach dem Zweiten Weltkrieg in einer Welt des Luxus lebte und sich scharf abgrenzte, der allgemeinen Massenkultur angeglichen und ist damit den unauffälligen deutschen oberen Schichten, die kein Großbürgertum mehr kennen, ähnlicher geworden.

Und auch im Arbeitskonflikt ist nur in einer langfristigen Perspektive eine gemeinsame Entwicklung sichtbar. Der französische Arbeitskonflikt ist weiterhin von einem geringeren Organisationsgrad und Machtpotential der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, von einer starken staatlichen Regelung der Tarifverhandlungen, von einer starken Zersplitterung der französischen Gewerkschaften und einer höheren Streikbereitschaft gekennzeichnet. Auf lange Sicht weist Frankreich jedoch im Vergleich zu Deutschland keine größere Zahl an Streiktagen, ein Anwachsen der gewerkschaftlichen Organisation und eine generelle Durchsetzung den autonomen Tarifverhandlungen ("contractualisme") auf, die der Tarifautonomie der organisierten deutschen Tarifpartner ähnlich werden und nicht zuletzt auf die Gründung des Europäischen Gewerkschaftsbundes zurückzuführen sind. Auch auf dem Gebiet der Arbeitermitbestimmung sind ähnliche Entwicklung feststellbar. Bei allen Unterschieden lässt sich so im Vergleich zur Jahrhundertwende langfristig eine ähnliche Entwicklung feststellen, die sich auch in der ähnlichen Resonanz politischer Themen wie Frieden, Atomkraft oder Umweltschutz wiederfindet.

Schließlich hat auch der Sozialstaat in Frankreich eine grundlegende Reform hin zu einer Angleichung an bundesrepublikanische Verhältnisse erfahren. Während in der Bundesrepublik das Sozialversicherungssystem nach der NS-Zeit wieder aufgebaut worden ist, erlebte Frankreich mir der Einführung der allgemeinen Pflichtsozialversicherung einen grundlegenden Wandel im Vergleich zu dem früheren genossenschaftlichen Versicherungssystem. In der Ausbildung sind dagegen die Unterschiede vor allem in der Anzahl der französischen "Kinderschulen", der größeren Zahl von kirchlichen Privatschulen, der häufigen berufsqualifizierenden Schulabschlusse, den höheren Studentenzahlen mit höherem Frauenanteil in Frankreich und dem großen Prestige der Elitehochschulen sichtbar, während in Deutschland das duale Ausbildungssystem zu mehr Ausbildungsabschlüssen führt, die Schulpflicht geringer ist und die Universität weiterhin die Hochschullandschaft dominiert. In der Stadtplanung konnte die Bundesrepublik auf ihrer Tradition der öffentlichen Stadtplanung die Zerstörung des Wohnraumes schnell durch privaten Neubau bewältigen, während in Frankreich die staatliche Neubau erst mit den Immigration der algerischen Flüchtlinge einsetzte (HLM).

Insgesamt lässt sich gemeinsame Tendenzen aus der Langzeitperspektive feststellen: die Sozialversicherungen haben in ihrer Akzeptanz, in ihren Institutionen, ihrer Finanzierung, ihrem Ausgabenvolumen, ihren Leistungsformen, ihrer Mitgliedschaft und ihrer Kostenerstattung ein ähnliches Niveau erreicht. Die Alphabetisierung ist in beiden Ländern abgeschlossen, das Ausbildungsniveau ist bis zum Abitur gestiegen und die Studentenzahlen haben sich bis 1980 angeglichen. Im Vergleich zur Jahrhundertwende haben beide Sozialstaaten ein im westeuropäischen Vergleich mittleres Niveau erreicht.

Zusammenfassend stellt Kaelble fest, das die französische und die deutsche Gesellschaft bis in die achtziger Jahre die größten Ähnlichkeiten des gesamten 20. Jahrhunderts entwickelt haben: Neben der in gesamten Europa feststellbaren Entwicklung der Industrialisierung, der Kernfamilie, des Zerfalls der Großbürgertums, der Regulierung von Arbeitsbeziehungen durch Tarifpartner und die Entwicklung des Sozialstaates weisen Deutschland und Frankreich Gemeinsamkeiten auf, die vor allem auf dem Modernisierungsschub Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzuführen sind, während Deutschland diesen Modernisierungsschub bereits vor dem Zweiten Weltkrieg erfuhr: Frankreich hat "aufgeholt", indem es auf spätere Entwicklungen in seiner Weise reagiert hat.

Ein Denken in Modernität oder Rückständigkeit muss jedoch eine Absage erteilt werden. In den zentralen Bereichen der Wirtschaft, der Familie, der Sozialstruktur, der Arbeitsbeziehungen und des Sozialstaates führte der tiefgreifende Wandel in Frankerich auf dem Hintergrund eines gesamteuropäischen Prozesses zu einer Annäherung an Deutschland, wenn auch noch Divergenzen vorherrschen, z. B. in der Frauenarbeit. Insgesamt enthält die konvergierende Entwicklung jedoch eine historisch einzigartige Qualität, die letztendlich den Prozess der europäischen Integration erst möglich gemacht hat

Auch haben die Migration zwischen den beiden Ländern, die Kenntnis der anderen Sprache, der Tourismus, Städtepartnerschaften und der Austausch in Bildung und Forschung dazu beigetragen, dass beide Länder eine starke Verflechtung aufweisen, die Austauschprozesse unterstützt und in einer Kenntnis des anderen Landes resultieren, die auf Vertrauen und Zuneigung basieren. Gerade dieser Austausch von politischen und sozialen Themen, so zeigt die Analyse von R. Köcher/J. Schild zum Wertewandel in Deutschland und Frankreich, hat dazu geführt, das die Gesellschaften beider Seiten des Rheins auf dem Hintergrund des postindustriellen Zeitalters mit den gleichen gesellschaftlichen Entwicklungen beschäftigt sind: die Bedeutung der modernen Technologien, die Notwendigkeit beruflicher Mobilität, die Politikverdrossenheit, der wachsende Individualismus und Hedonismus führen zu Konvergenzen von Werteinstellungen in zentralen Themen wie die Arbeit und dessen Verlust, der Bedeutung der Familie als Gefühlsraum, dem Rückgang der traditionellen Religiosität und dem Aufkommen nach direkter politischer Aktionsformen.

Ohne den Blick zu verstellen auf verbleibende Divergenzen in der Schwerpunktsetzung Arbeit, die den Franzosen wichtiger ist, während die Deutschen die Freizeit als wichtiger ansehen, der Politisierung der deutschen Gesellschaft und dem politischen Desinteresse in Frankreich, oder der Unterschied in Schwerpunktsetzung der auf die Kindererziehung in Frankreich und der Selbstentfaltung in Deutschland, aus der die Geburtenzahlen bzw. die Einpersonenhaushalte resultieren, erlaubt die Analyse der Wertestudie den Schluss, dass es einen gemeinsamen Grundstock an deutsch-französischen Werten gibt: die Arbeit, der Glauben, die Familie und die Demokratie sind das Gerüst der europäischen Werte, die jedoch auf beiden Seiten des Rheins unterschiedlich umgesetzt werden.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass in einer historischen Langzeitperspektive die deutsche und die französische Gesellschaft sich in einem Annäherungsprozess befinden. Der Prozess der Industrialisierung, die Etablierung der Kleinfamilie, die Auflösung der Bourgeoisie, die Regulierung der Arbeitsziehungen und die Etablierung des Sozialstaats haben sich beide Seiten des Rheins zeitlich unterschiedlich, aber inhaltlich ähnlich vollzogen. Es ist davon auszugehen, dass die Annäherung der beiden Gesellschaften die Voraussetzung der europäischen Integration gewesen sind, in der die Europäische Union als Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft nur eine Etappe auf dem noch langen "Weg zu einer europäischen Gesellschaft" ist. Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und Frankreich, so lässt sich Kaelbles Studie resümieren, sind nur ein erster Schritt in diese Richtung.