Peter Gaida

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Unterschiedliche Konzeptionen der neueren Utopieforschung

 

Die Geistesgeschichte kennt eine Vielzahl von Versuchen, eine nicht existierende Welt zu beschreiben, die sich durch den gemeinsamen Wunsch charakterisieren, eine neue, bessere Gesellschaftsordnung zu entwerfen. Seinen Namen erhielt dieses Schrifttum vom englischen Humanisten Thomas Morus, der seinen 1516 erschienenen Gesellschaftsentwurf „Utopia" (gr. Nirgendwo) nannte.

Die neuere Utopieforschung hat unterschiedliche Konzeptionen der Utopie hervorgebracht, die von einer generellen Würdigung als Vorläufer des Sozialismus bis zu einer heftigen Kritik ihrer logischen Grundlagen reichen. Im folgenden werden drei Vertreter unterschiedlicher Konzeptionen vorgestellt, die das breite Spektrum zwischen konservativer Kritik und sozialistischer Einverleibung der neueren Utopieforschung exemplarisch widerspiegeln sollen.

 

1. Hans Freyer oder die „Mechanik der Utopie"

Einer der heftigsten Kritiker der Utopien ist der deutsche Denker Hans Freyer, der sich mit der Logik der Utopien beschäftigt hat und vier Gesetze des utopischen Denkens konstatiert. Grundsätzlich stellt er fest, daß die qualitativ unterschiedlichen Utopien den gemeinsamen Anspruch hegen, eine neue, lebensfähige Welt zu entwerfen, in der nicht einfach nur paradiesische Zustände vorherrschen, sondern daß sie ein funktionierendes Gesellschaftssystem zu konzipieren versuchen.

Um dies zu gewährleisten werden die utopischen Staaten für Freyer immer als geschlossene Systeme konzipiert. Alle Utopien sind von der Umwelt abgeschnitten, wie z. B. die Insel Utopia von Morus. Außenbeziehungen wie Handel und Reiseverkehr und Geld sind unerwünschte Erscheinungen, die entweder verboten sind oder unter staatlicher Kontrolle stehen. Wenn die utopische Welt Krieg, dann um sich zu verteidigen. Ansonsten muß sie auf jegliche Außenbeziehungen verzichten. Hier erweist sich für Freyer ein unlösbares Problem: Die Utopie muß sich von der Umwelt, in der sie lebt, für immer loslösen. Nur so wird es möglich, die utopische Ordnung der Gesellschaft zu ermöglichen. Die Isolation der Utopie ist das erste Gesetz der utopischen Logik.

Im Inneren der Utopie dagegen herrscht ein mechanisches Gleichgewicht. Der Bau der Gesellschaft ist rational und aus Elementen zusammengesetzt, die durch die perfekte Kenntnis der menschlichen Psyche zusammengehalten werden. Freyer stellt fest, daß die Utopisten über alle menschlichen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens genaue Kenntnisse besitzen: Die Psychologie, die Pädagogik und die Religion sind restlos erforscht und stehen im Dienste der Utopie. Die gesellschaftliche Ordnung ist durchschaut und kann nun experimentell hergestellt werden. Aus dieser absoluten Kenntnis heraus werden Kausalbeziehungen hergestellt. Das Privateigentum wird die Ursache, die es zu beheben gilt, wenn man die verheerende Wirkung, das Leiden der Massen, beenden will. Sobald das Privateigentum behoben ist, kehrt ein mechanisches Gleichgewicht in der utopischen Welt ein, das es aufrechtzuerhalten gilt. Für Freyer ist das mechanische Gleichgewicht der utopischen Gesellschaft die zweite Gesetzmäßigkeit alle Utopien.

Doch die Utopisten müssen sich schon der Frage stellen, welches der Weg ist, der nach Utopia führt. Freyer hebt hervor, daß die großen Utopisten denn auch ihre Welt nicht nur aus Elementen zusammensetzen, sondern sie als ein gewachsenes Ganzes konzipieren. Jeder ist ein Glied des Ganzen, das von einem Gemeinschaftsgeist animiert wird, die Utopie wird durch den Willen aller, oder sie wird nicht. Die Verwirklichung der Utopie erfolgt mit einem Schlag durch den Willen aller, ähnlich einer Revolution, sie entsteht nicht durch Reform und Entwicklung: Für Freyer ist dies das dritte Gesetz: Die Utopie ist oder sie ist nicht, sie hat keinen Anfang und kein Ende.

Und doch muß sie auf einem Weg realisiert werden, wenn sie nicht Phantasie bleiben will. Freyer stellt zurecht fest, das die Welt in zwei Stücke bricht, wenn man sich über den Wandel der Zeit hinwegsetzt und die Geschichte durch eine neue, ewige Ordnung beenden möchte: Auf der einen Seite die chaotische, geschichtliche Welt, und auf der anderen die neue, utopische Welt, die mit einem absoluten Anfang beginnt und immer währt. Dem Problem der Realisierung des Neubeginns begegnen die Utopisten auf zweierlei Weise: Die eine besteht darin, daß sich eine weltliche Macht der Utopie annimmt und sie schlimmstenfalls mit Gewalt verwirklicht. Die andere besteht darin, daß die „Kraft der Wahrheit" im Bewußtsein aller zum Durchbruch kommt und die Menschheit schlagartig verändert.

Schließlich postuliert Freyer noch ein viertes Gesetz, daß wider dem Willen der Utopisten zum Ausdruck kommt. Um die utopische Ordnung der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, kann die Utopie keine Entwicklung dulden. Um Störungen der Ordnung wie z. B durch Verbrechen oder Kritik zu vermeiden, nimmt die Utopie Besitz von ihren Bürgern und überzeugt sie davon , daß es von allgemeinem Interesse ist, die Gesetze zu befolgen. Das Individuum erhält sein Wissen vom System, daß den Kanon von gefährlichen Ideen wie Materialismus und Individualismus gereinigt hat. Abweichungen von der utopischen Norm wird mit einem repressivem System begegnet, das sich der Hinrichtung oder Verbannung bedient. Neue Entwicklungen oder Ideen werden strengstens kontrolliert, die Utopie duldet keine Entwicklung und erklärt der Geschichte so den Kampf.

Die Utopie beendet die Geschichte, sie ist geschichtslos. Dies ist für Freyer das vierte Gesetz der Utopie. In der Utopie ist kein Platz für Fehl- und Rückschläge; jegliche Entwicklung, die nicht vom System kontrolliert werden kann, hat keinen Platz in der Utopie. Für Freyer ist der Wunsch, die Geschichte zu beenden, ein unaufhebbarer Denkfehler, der das geschlossene System mit seinem mechanischen Gleichgewicht an den Rand der menschlichen Logik führt. Jenseits der Logik der Zeit mit ihrem permanenten Wandel gibt es nur noch eine geschichtslose, stillstehende Welt, aus der kein Weg herausführt. Die starre Ordnung der utopischen Welt, die Mechanik der Utopie wird für Freyer so zum Feind derer, die von jeder anderen Welt träumen: Die Utopisten selbst.

 

2. Max Horkheimer oder der „ säkularisierte Himmel des Mittelalters"

Eine andere, geschichtsphilosophische Konzeption der Utopie verfolgt der deutsche Soziologe Max Horkheimer. Horkheimer hat sich vor allem mit den Utopien von Morus und Campanella beschäftigt und ihre historischen Ursprünge sowie philosophischen Grundlagen analysiert. Sein Utopiebegriff setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: Utopie ist für Horkheimer einerseits Kritik dessen, was ist, und andererseits Darstellung dessen, was sein soll.

Ausschlaggebend für die Kritik in der Utopie ist für Horkheimer das Einsetzen des Kapitalismus zu Beginn der Neuzeit. Der Beginn der Industrialisierung bringt die erste Form des modernen Proletariats hervor, deren Leiden die Ursache für die utopischen Entwürfe von Morus und Campanella werden. Im Gegensatz zum Mittelalter wird in der Neuzeit der Profit das Triebrad der Geschichte, der eine neue Herrschaftsform hervorbringt: Auf der einen Seite entwickelt der Reichtum durch die Akkumulation des Kapitals eine im Mittelalter unbekannte Dynamik, die Manufakturen und Unternehmen entstehen läßt, während auf der anderen Seite die Überlebenden der Leibeigenschaft nun ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Schuld an dieser Veränderung wird bei den Utopisten das Eigentum, daß nicht mehr zum unmittelbaren Genus dient, sondern identisch wird mit der Verfügung über Maschinen und menschliche Arbeitskraft. Dem Profitstreben der individuellen Interessen setzen für Horkheimer die Utopisten - inspiriert vom Katholizismus - die mittelalterliche Idee der geeinten Christenheit gegenüber, um der neuen Konkurrenzwirtschaft der Nationalstaaten entgegenzuwirken.

Während im Mittelalter die Kirche die Armenpflege übernahm, entsteht zu Beginn der Neuzeit ein Vakuum der sozialen Fürsorge, das die Utopisten durch den Rückgriff auf die mittelalterliche Fürsorge durch die Solidarität der geeinten Christenheit schließen möchten. Für Horkheimer ist eine solche Rückorientierung letztendlich idealistisch, romantisch und wirklichkeitsfremd. Die Utopisten haben für die realen Entwicklungstendenzen ihrer Epoche verkannt, eine realistische Konzeption zur Überwindung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse fehlt bei den Utopisten.

In ihrer zweiten Komponente, also in der Darstellung dessen, was sein soll, überspringt die Utopie jedoch für Horkheimer die Zeit. In einer Phase, in der das individuelle Profitstreben der bürgerlichen Schichten die treibende Kraft in der Wirtschaft wird, verkennen die Utopisten für Horkheimer die Tatsache, daß man die materiellen Bedingungen des geschichtlichen Entwicklungsstandes kennen muß, wenn man etwas verändern will. Doch der Wandel der Verhältnisse kommt bei den Utopisten nicht durch die Kenntnis der Verhältnisse, sondern durch eine radikale Veränderung des Denkens. Für Horkheimer hätte die Verwirklichung der Phantasiegebilde zu Beginn der Neuzeit sogar ein Hemmnis für die Entwicklung der wirtschaftlichen Kräfte bedeutet. Eine auf Gemeineigentum bestehende Gesellschaft hätte den technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt zu Beginn der Neuzeit gehemmt: Die Einführung des Gemeineigentums wäre für Horkheimer der Tod der Zivilisation gewesen.

Im Gegensatz zur Philosophie des Naturrechts, die wie Hobbes die „Wolfsnatur des Menschen" hervorheben, lehnen die Utopisten den Glauben an die positive Wirkung der individuellen Initiative für das Gemeinwohl ab und propagieren die Nächstenliebe, die das Mobil für eine gerechtere Gesellschaft werden soll. Ursache allen Übels wird das Eigentum, das die Natur des Menschen verdirbt, die nach den Utopisten - in Vorwegnahme von J.- J. Rousseau - von Grund auf „gut" ist, aber durch den Egoismus nicht zur Entfaltung kommt. Dem Egoismus und dem individuellen Profitstreben wird die Gleichheit entgegengesetzt.

Horkheimer betont, daß es das Verdienst der Utopisten ist, erkannt zu haben, daß das Elend der Massen mit dem Ende der Leibeigenschaft nicht beseitigt wurde, sondern daß durch den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus ein Proletariat entstanden ist. Gleichzeitig stellt er aber zurecht fest, daß das von den Utopisten kritisierte Böse und das postulierte Gute nur verschiedene Seiten eines Zustandes sind und deckt sogleich eine logische Schwäche der Utopie auf: Dem menschlichen Bewußtsein wird ein „absolute Allgemeinvernunft" zugesprochen, das in der Lage sei, sich über die Realität, in der Mensch lebt, hinwegzusetzen und eine von ihr geleitete Gesellschaftsordnung zu entwerfen und zu realisieren, in der alle Guter für alle vorhanden sein werden. Für Horkheimer ist ein Entwurf eines solchen Idealstaates eine Verkennung der realen Entwicklungstendenzen.

Der Idealismus der Utopisten, ob religiös motiviert oder wie bei Hegel dem „Weltgeist" verpflichtet, ist für Horkheimer sinnlose Metaphysik. Die Geschichte hat im Laufe ihrer Entwicklung eine bessere Gesellschaft hervorgebracht, doch der Fortschritt ging zu Lasten der Massen. Die Geschichte hat kein Vernunft „an sich", auch verfügt der Mensch über keine „Übervernunft", die es nur umzusetzen gilt, wie dies die Utopisten fordern. der wirkliche Mensch kann jedoch handeln, und so einzelnes und allgemeines Leid, daß er selbst oder durch Naturmächte geschaffen hat, zu verringern versuchen. Für Horkheimer bleibt so auch der Wunsch der Utopisten, die geschichtliche Entwicklung zu beenden und einen Weltfrieden herzustellen, ein Traum, in den sich das Individuum flüchtet, um den Leiden dieser geschichtlichen Welt zu entfliehen. Aus diesem Blickwinkel heraus sind die Utopien der Renaissance für Horkheimer letztendlich der „säkularisierte Himmel des Mittelalters".

 

3. Ernst Bloch oder das „Reich der Freiheit"

Ein weiterer wichtiger Vertreter der neueren Utopieforschung ist der deutsche Philosoph Ernst Bloch. Bloch hat sich ausführlich mit den Sozialutopien beschäftigt und legt in seinem Werk „Freiheit und Ordnung" einen Abriß ihrer Erscheinungsformen seit der Antike bis in die Gegenwart vor. Für Bloch oszillieren alle Utopieentwürfe der Geistesgeschichte der letzten 2000 Jahre zwischen sozialer Freiheit und sozialer Ordnung als Grundprinzipien einer künftigen Gesellschaft.

Grundsätzlich stellt Bloch fest, daß die Utopien keine freischwebenden Träume sind, die jenseits der geschichtlichen Entwicklung konzipiert wurden, sondern das sie ganz im Gegenteil die jeweilige nächste Tendenz einer ganzen Epoche widerspiegeln. Die Utopien sprechen für Bloch im Auftrag der kommenden gesellschaftlichen Träger, d.h. sie spiegeln eine gesellschaftliche Tendenz wieder, die schon in ihren Keimen absehbar ist, aber entweder unterdrückt wird oder noch nicht da ist. So werden für Bloch in Augustins „Gottesstaat" die aufkommende Feudalwirtschaft, in Morus´ „Utopia" der freie Handelskapitalismus, in Campan-ellas „Sonnenstaat" die absolutistische Manufakturperiode und bei Saint-Simon das Industriezeitalter sichtbar. Die Utopie ist bei Bloch - anders als bei Freyer und Horkheimer - nicht die Negation des Historischen, sondern die Antizipation des Zukünftigen.

Diese Antizipation des Zukünftigen erfolgt durch den Entwurf einer auf sozialer Freiheit oder auf sozialer Ordnung basierenden Gesellschaft. Dabei haben die Entwürfe von Morus und Campanella für Bloch einen Modellcharakter. Die Kritik der sozialen Verhältnisse in England zu Beginn des freien Handelskapitalismus bei Morus analysiert Bloch als eine vor - marxistische Klassenkampfanalyse, der Morus im zweiten Teil seiner Utopia einen demokratischen und kommunistischen Entwurf einer freien Gesellschaftsordnung entgegenhält. Kollektivwirtschaft, religiöse Toleranz und Demokratie sind für Morus die Stichworte, die er seiner durch Kapitalismus, Glaubensstreit und Monarchie geprägten Zeit entgegensetzt.

Campanella dagegen wird der Antipode zu Morus, indem er in seinen „Sonnenstaat" eine autoritäre und hierarchische Ordnung entwirft, die sich auf den Zwang stützt. Im „Sonnenstaat" soll der Papst der weltliche Herrscher werden, dem die Macht, die Liebe und die Weisheit zur Seite gestellt werden. Sein utopischer Staat basiert auf einem Staatskommunismus, der die Güterverteilung durchführt, aber einen strengen Konformismus seiner Mitglieder fordert, über die die Hierarchie seines Sonnenstaates sogar bis zur Planung der Fortpflanzung verfügt. Der Wunsch, eine Ordnung aufzubauen, die das Abbild Gottes auf Erden ist, wird nur durch die totale Unterwerfung des Individuums möglich. Letztendlich zeichnet sich für Bloch bei Campanella die Periode der absolutistischen Monarchie bereits ab.

So oszillieren Morus´ Insel Utopia und Campanellas Sonnenstaat zwischen gesellschaftlicher Freiheit und totalitärer Ordnung und stecken den Rahmen ab, in dem sich das utopische Denken für Bloch bewegt. Auf der einen Seite finden wir die Befreiung des Individuums in einer gerechten, demokratischen Ordnung, auf der anderen Seite seine totale Unterwerfung unter das System.

Soziale Freiheit ist für Bloch ein variierbarer und vielschichtiger Beziehungsbegriff, der sowohl die Freiheit von Zwang und Unterdrückung als auch die Freiheit zu individueller oder kollektiver Selbstbestimmung beinhaltet. Sie reicht von der Wahlfreiheit des einzelnen über einen wirtschaftlichen Liberalismus bis zur Befreiung des Proletariats in einem revolutionären Akt. Soziale Ordnung dagegen hat für Bloch zwei Gesichter: Einmal kann sie purer Zwang und Unterdrückung sein, und wird so für ihn gewaltsam aufrechterhaltene Unordnung. Andrerseits kann sie aber auch als Bedingung des Zusammenlebens, etwa in einer sozialistischen Ordnung mit geleiteten Produktionsverhältnissen, gedacht werden. Dies ist für Bloch in einer sozialistischen Wirtschaft und Gesellschaft der Fall.

Letztendlich gelingt es Bloch durch die Definition der Ordnung als eine Bedingung des Zusammenlebens, ihr ihren Zwangscharakter zu nehmen und den Antagonismus zwischen Freiheit und Ordnung zu aufzuheben. In Anlehnung an Karl Marx stellt Bloch fest, daß es dem Individuum gelingen kann, sich als eine gesellschaftliche Kraft zu begreifen, die die politische Ordnung selbst gestaltet.

Eine aus dieser Erkenntnis resultierende Ordnung ist dann nicht mehr Zwang, sondern eine konkrete soziale Ordnung. Diese konkrete Ordnung spiegelt sich für Bloch in der klassenlosen Gesellschaft wieder, in der es keine unterdrückte Klasse mehr gibt und somit auch keine Unterdrückung mehr. Die neue Ordnung, die Marx mit dem Entwurf eines demokratischen Zentralismus vorlegt, hebt den Antagonismus von Freiheit und Ordnung auf. Der demokratische Zentralismus ist für Bloch die Synthese von Morus und Campanella.

So kann Bloch auch schließlich alle Utopien gemäß der marxistischen Lehre zu Varianten des Überbaus einer Gesellschaft erklären, die jeweils die nächste Entwicklungstendenz der Menschheit artikulieren. Im Gegensatz zu Freyer, der den Utopien die logische Grundlage entziehen möchte, oder Horkheimer, der sie als historische Kritik begreift, aber ihre geschichtsphilosophischen Voraussetzungen ablehnt, sieht Bloch den historische Widerspruch zwischen sozialer Freiheit und sozialer Ordnung in den Utopien durch den Marxismus aufgelöst, der eine konkrete Ordnung mit konkreten Freiheiten entwirft. Letztendlich findet somit für Bloch auch das utopische Denken mit Marx sein Ende., die konkrete Ordnung im „Reich der Freiheit" beginnt.