Peter Gaida

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Die Theorie der Geschichte von Marx und Engels in der Schrift 

"Die deutsche Ideologie"      

                 

In dem Abschnitt „Geschichte“ der Schrift Die deutsche Ideologie legen  Karl Marx und Friedrich Engel ihren Bruch mit dem deutschen Idealismus dar und leiten den Entwurf einer neuen materialistischen Anschauung der Geschichte ein. Vor allem mit der von dem deutschen Philosophen G. W. F. Hegel (1770-1831) geprägten europäischen Geschichtsanschauung auseinander und entwickeln ihre eigene Konzeption der Theorie der Geschichte.

Die deutsche Philosophie zu Beginn des 19. Jahrhunderts war von der geistigen Bewegung des Idealismus mit Hegel als seinem einflussreichsten Vertreter  geprägt, der das von Idealen bestimmte Denken systematisierte und großen Einfluss über die Wissenschaft hinaus ausübte. Hegels Geschichtsphilosophie basiert auf der Betrachtung der Ideen, die die Menschheit zu ihrem Handeln veranlasst und formuliert die Annahme von Idealen, die unabhängig vom Menschen existent und von eigenem Wert sind.

Für Hegel ist die menschliche Existenz bedingt durch das Bewusstsein seiner selbst. Erst die Kenntnis der eigenen Existenz macht den Menschen möglich und unterscheidet ihn vom unbewussten Tier. Der Mensch wird so durch sein Bewusstsein zum Werkzeug von ausserhalb von ihm stehenden Idealen, die die Basis einer vernünftigen Ordnung menschlichen Zusammenlebens hin zur Freiheit aller Individuen sein soll.

Die Geschichtsphilosophie von Hegel wird durch das Primat der Ideen zum Versuch, ein den Individuen übergeordnetes Prinzip aus der Geschichte abzuleiten. Sie beeinflusste nachhaltig die deutsche Geschichtswissenschaft, die durch den Historiker L. von Ranke (1795-1886) ihre moderne Grundlage erfuhr.

Ranke formulierte erstmals die sogenannte kritische Methode der Geschichtsbetrachtung in Form  einer kritischen Überprüfung der historischen Quellen und trug gleichzeitig zur Entwicklung der geistigen Bewegung des Historismus bei. die Einzigartigkeit aller historischen Erscheinungen zur Grundlage einzigartigen, endlichen Ereignissen in der Geschichte ein nicht

Diese Geschichtsbetrachtung reduziert sich für Marx und Engels auf die Betrachtung der „hochtönenden Haupt- und Staatsaktionen“, lässt die materielle Entwicklung der Menschheit jedoch außer acht. Die damalige deutsche Geschichtswissenschaft und die Geschichtsphilosophie Hegels werden von Marx und Engels abgelehnt und die von ihnen entwickelte Geschichtsbetrachtung auf eine materielle Basis gestellt.

Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen sind die materiellen Bedürfnisse der Menschen wie „Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung(...)“ als Voraussetzungen für die menschliche Existenz. Diese Bedürfnisse und deren Befriedigung durch Arbeit bedingen das menschliche Sein und bilden die Basis einer materialistischen Geschichtsausschauung. Die Produktion der Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse durch Arbeit ist für Marx und Engels die erste geschichtliche Tat, die ständig wiederholt werden muss. Im Gegensatz zu Hegels Annahme der Dominanz des Bewusstseins, welches das menschliche Sein bestimmt, stellen  sie also die vom Bewusstsein unabhängige materielle Existenz  des Menschen und seiner Entwicklung in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Die materielle Existenz des Menschen wird  durch die (ständige) Produktion des Lebens gedingt und   durch „drei Momente sozialer Tätigkeit“ geprägt, die die gesamte Geschichte durchdringen. Zur Bedürfnisbefriedigung treten immer neue Bedürfnisse und, als ein Bedürfnis zur (Re-)Produktion des Lebens, die Vermehrung hinzu. Die bereits vorhandenen Produktionsmittel zur Bedürfnisbefriedigung erzeugen neue Bedürfnisse und das Bedürfnis zur Vermehrung leitet die Familie als das erste soziale Verhältnis ein. Die Familie wiederum bildet die Grundlage anderer gesellschaftlicher Verhältnisse, die auf der Trennung der Familie in einzelne, einander entgegengesetzte Familien beruhen.

Die Art und Weise dieses Zusammenwirkens der Individuen zur Produktion ihres und neuen Lebens wird so selbst zu einer „Produktivkraft“ der Geschichte. Deswegen müssen für Marx und Engels sowohl die Produktionsweise einer Gesellschaft als auch ihre Verhältnisse von der Geschichtswissenschaft betrachtet werden. Die wirtschaftliche und  die gesellschaftliche Stufe der Menschheitsentwicklung wirken zusammen und bilden  eine Produktivkraft, die in der gesamten Geschichte greifbar ist. Die Geschichte der Menschheit muss also zusammen mit der Geschichte der Industrie und des Austausches betrachtet werden, wobei der Begriff Industrie (lat. Fleiß) alle Bestrebungen der Menschheit zu ihrer Existenzsicherung einschließt.

Der Rahmen der von ihnen beschriebenen Produktivkraft ist die bürgerliche Gesellschaft als Weiterentwicklung von  Familieund Stammesverband. Die bürgerliche Gesellschaft bezeichnet die Verkehrsform allen materiellen Verkehrs aller Individuen und die Struktur ihrer Verhältnisse. Sie ist nach Marx und Engels in der gesamten Geschichte als Basis des kommerziellen und industriellen Lebens und des Staats als Institution des gemeinschaftlichen Interesses fassbar. Die „bürgerliche Gesellschaft als solche“ jedoch entwickelte sich erst mit der Herausbildung einer Oberschicht des Bürgertums, der „Bourgeoisie“, als Folge der Anhäufung von Kapital seit dem Beginn der industriellen Revolution.

(„Bourgeoisie“, (frz.), Bürgertum, im frz. Sprachgebrauch ursprünglich Träger der Französischen Revolution, danach negativ besetzt, im Gegensatz zur „citoyenneté (frz.),Staatsbürgerschaft, als Ableitung von „civis“ (lat.), Bürger)

Für Marx und Engels dominiert die bürgerliche Gesellschaft als Verhältnisse der gesamten Menschheitsentwicklung. Kennzeichen dafür ist die Herausbildung einer die Familie, den Stamm und den Staat überlagernden „Superstruktur“ aus Kultur, Religion und Wissenschaft. Diesem ideellen Überbau als Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft wird von Marx und Engels ihre materialist-ische Geschichtsbetrachtung entgegengestellt.

Erst die Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft und ihres ideellen Überbaus aber geben den Weg frei für die von Marx und Engels geforderte Herstellung einer kommunistischen Gesellschaft, die sie durch den Entwurf einer später „historischer Materialismus“ genannten Geschichtsbetrachtung auf eine theoretische Grundlage zu stellen versuchen.