Peter Gaida

Home Vita Works Teaching Research Contact LINKS

 

 

Norbert Elias: "Die Gesellschaft der Individuen"

 

Die Soziologie von Norbert Elias versteht sich als ein interdisziplinärer Ansatz aus Psychologie, Soziologie und Geschichte, der die Menschheitsentwicklung in einer umfassenden Theorie darzustellen versucht und sich gegen eine getrennte wissenschaftliche Betrachtung von Individuum und Gesellschaft richtet.

Sowohl Menschen als auch menschliche Beziehungen und die daraus resultierenden Gesellschaften sind Prozesse, die eine Struktur und eine Dynamik aufweisen. Gesellschaften sind sowohl stabil mit Struktureigentümlichkeiten als auch wandelbar durch Veränderungen im menschlichen Zusammenleben. Elias wendet sich somit gegen andere wissenschaftliche Ansichten des Menschen isoliert als ein individuell Handelndes (M. Weber), als von seinen Trieben bestimmtes (Psychoanalyse), als ein auf Nutzenmaximierung gerichtetes Wesen (rational choice) oder auch gegen Theorien der Gesellschaft als ein geschlossenes System (Systemtheorie).

Für die Beschreibung von Gesellschaften ist für Elias vielmehr ein soziologisches Denken in Beziehungen und Funktionen notwendig. Durch affektive, nach Sättigung suchenden und durch soziale, das Überleben zu sichern suchenden Abhängigkeitsbeziehungen sind Menschen interdependent und bilden Handlungs- und Reaktionsketten („Figurationen interdependenter Menschen") wie bei einem Tanz, bei dem sich die einzelnen Bewegungen aufeinander beziehen und etwas eigenes ergeben. Jede Gesellschaft ist somit eine Gesellschaft von interdependenten Individuen, die in einem Netzwerk von Abhängigkeiten stehen, die wiederum eine Funktion haben. Diese Abhängigkeiten bilden einen funktionellen Zusammenhang, eine "Gesellschaft".

Gesellschaften sind für sich zwecklos, außer dem Zweck oder die Funktion, den Menschen ihrem Zusammenleben geben, z. B. die Funktion der Lebenserhaltung. Dieser Funktionszusammenhang einer Gesellschaft hat eine Struktur, die es zu beschreiben gilt. Diesen Funktionszusammenhang nennt Elias eine Figuration. Grundkoordinaten des menschlichen Lebens sind für Elias die Prägung und Position des Einzelnen in einer Figuration, die Struktur der Figuration und ihre Beziehung zur Natur. Abhängigkeiten beinhalten auch Macht, die wie bei einem Kartenspiel in Spielstärken unterschiedlich verteilt ist und die Möglichkeit bietet, das Handeln der anderen zu steuern. Den Beziehungsbegriff der "Macht" definiert Elias als die Reichweite des Spielraums für ein Individuum, den eine Position innerhalb einer Figuration bereithält (Königsposition).

Im Gegensatz zu Tiergesellschaften in der Natur erleben Menschengesellschaften Wandlungen ihrer Strukturen und haben somit Geschichte. Ursache für gesellschaftlichen Wandel ist jedoch nicht ein von Individuen bewirkter Prozess, sondern er ist ungeplant und vollzieht aufgrund von Veränderungen des menschlichen Zusammenlebens, ihrer Beziehungen zueinander. Als eine Struktureigentümlichkeit oder "Mechanismus" nennt Elias die Monopolisierung von Gütern und Werten, z. B. die Monopolisierung von Waffen in der Feudalzeit durch das Rittertum oder die Monopolisierung der Gewaltausübung durch den absolutistischen Königsstaat. Hintergrund dieses Dranges nach Monopolisierung von Gütern ist die menschliche Entwicklung einer psychischen "Langsichtfunktion", des Wirtschaftens. Im Zuge der Menschheitsentwicklung konstatiert Elias drei Prozesse: die politische Integration, die ökonomische Differenzierung und die gesellschaftliche Individualisierung.

Bei der Betrachtung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft konstatiert N. Elias im ersten Teil seines theoretischen Werkes Die Gesellschaft der Individuen eine Kluft zwischen einer individualistischen und einer strukturalistischen Betrachtungsweise, die einmal das Individuum als Motor der Entwicklung ansieht und zum anderen die Gesellschaft als eine "überindividuelle Wesenheit" erscheinen lässt. Für Elias dagegen sind Gesellschaft und Individuum nicht zwei verschiedene Objekte der soziologischen Betrachtung, sondern nur eine Form der Beziehung zwischen dem Ganzen und seinen Teilen. Als Beispiel dient ihm die Aristotelische Metapher vom Haus und den Steinen: Das Haus ist mehr als die Summe der Steine, und es kann auch nicht durch die Betrachtung der einzelnen Steine erklärt werden.

Individualität ist die Folge eines gesellschaftlich determinierten Selbstbewusstseins, das aufgrund des Erlernens bestimmter Bewusstseinsinhalte erst möglich wird. Jede Gesellschaft hat ihren Typus von Individualität, den sie an die in ihrem Verband Heranwachsenden weitergibt. Das Selbstbewusstsein ist somit für Elias die gesellschaftliche Modellierung des Individuums, die in der Phase der Prädung, der Sozialisation in einer modernen Gesellschaft mit wachsendem Triebverzicht und verinnerlichter Triebregulierung in eine Spaltung von Individuum und Gesellschaft mündet. Eigene Wünsche und Vorstellungen werden zugunsten der Erwartungen einer zunehmend funktionsteiligen Gesellschaft unterdrückt. Es entsteht eine Kluft zwischen eigenen Trieben und deren Regulierung durch das Über-Ich zugunsten der gesellschaftlichen Erwartungen. Die individuelle Psyche erfährt eine spezifische Prägung durch sein Umfeld, um den Mangel an ererbter Selbstregulierung auszugleichen und den Heranwachsenden in eine bestimmte Gesellschaft zu integrieren. Der Mensch muss also spezifische Funktionen in Bezug zu anderen Menschen lernen. Als Beispiel dieses Zivilisationsprozesses auf individueller Ebene bezieht sich Elias auf die Sprache, die bei einen bei allen Menschen identischen biologischen Sprechapparat durch gesellschaftliche Prägung zum Erlernen einer bestimmten Sprache führt.

Individualität ist somit nur der Spielraum, den ein Mensch in einer bestimmten Position innerhalb des sozialen Gefüges hat. Die Frage, ob Individuen oder gesellschaftliche Faktoren für die Prozesse der strukturellen Veränderungen verantwortlich sind, wird von Elias als falsche Fragestellung zugewiesen: Der Mensch ist "sowohl Münze als auch Prägstock", gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen die Individuen, und Individuen beeinflussen gesellschaftliche Entwicklungen. Beide Aspekte sind untrennbar miteinander verbunden, ein "Ich" ohne "Wir" ist für Elias nicht denkbar. Die scheinbare Abspaltung eines "Ichs" von dem "Wir" ist für Elias die Folge des Zivilisationsprozesses mit einer steigenden Über-Ich-Bildung.

Im zweiten Teil seines Buches geht er näher auf die erkenntnistheoretischen Grundlagen dieser Sichtweise ein und kommt zu einer Erklärung der Individualisierung im Gesellschaftsprozess. Die Ursache einer scheinbaren Spaltung von Individuum und Gesellschaft liegt für Elias geistesgeschichtlich in der philosophischen Tradition der Erkenntnistheorie seit der Renaissance und dem damit verbundenen Menschenbild. Die Säkularisierung des menschlichen Denkens und Handelns seit der Renaissance führt in der Nachfolge des französischen Philosophen R. Descartes zu einem Dualismus von Körper und Geist. Der Mensch beobachtet sich selbst, und der Akt der Selbstwahrnehmung verdichtet sich zu einer scheinbaren Spaltung von „Innen" und Außen", von Subjekt und Objekt. Die gesamte neuzeitliche Erkenntnistheorie ist von diesem Dualismus geprägt, doch für Elias ist das „Ich" der Erkenntnis ein Erwachsener, der nie Kind war. Der Begriff der „Entwicklung" stand als Beziehungsbegriff noch nicht zur Verfügung.

Das Individuum empfindet sich seit der Neuzeit als etwas abgetrenntes „Inneres", weil diese Selbsterfahrung durch die Art seines gesellschaftlichen Zusammenlebens geprägt ist. In den okzidentalen Gesellschaften hat der Zivilisationsprozess zu einer höheren gesellschaftlichen Verhaltenskontrolle geführt, die zu einer Selbstkontrolle geworden ist. Der Zivilisationsprozess der okzidentalen Gesellschaften hat dem Individuum eine Selbstregulierung auferlegt, die spontane Handlungsimpulse zurückdrängt und eine Entladung im Handeln verhindert. Wo Selbstregulierung ein spontanes Handeln verhindert, entsteht ein „unsichtbarer Wall" eines „Innen", das seine Trieb-, Fühl- und Denkimpulse aufgrund der Selbstkontrolle nicht unmittelbar ausleben kann.. Vor allem die existentialistischen Philosophien des 20. Jahrhunderts (Sartre, Camus) machen dieses „Innen" zu ihrem Gegenstand und liefern so den sozialen Wissenschaften die Grundlage für eine getrennte Betrachtung des Individuums und der Gesellschaft.

Andererseits ist dieser Vorgang der Individualisierung für Elias in der gesellschaftlichen Entwicklung begründet. Die Entwicklung traditioneller Geburts- und Schutzverbände wie Sippe oder Dorf zu zentralisierten und urbanen Staatsverbänden ließ die Individuen aus ihren Verbänden heraustreten und nötigte sie mit mehr sozialer Mobilität als Folge zu mehr Selbständigkeit. Im Zuge einer steigenden Differenzierung gesellschaftlicher Funktionen (Arbeitsteilung) kam es für Elias auch zu einem Prozess der Individualisierung. Die Beziehungen zwischen den Menschen änderten sich durch die Auflösung der kleinen Verbände, und die Auflösung brachte größere persönliche Distanz zu anderen und einen größeren Handlungsspielraum für den Einzelnen mit sich. Der Einzelne trat aus dem engen Verband der Sippe oder des Stammes heraus und erfuhr sich in den größeren Überlebenseinheiten Stadt oder Staat als Individuum.

Zum Beispiel verlängerte die Differenzierung gesellschaftlicher Funktionen die Zeitspanne, die ein Heranwachsender in „Jugendreservaten" (Universitäten) braucht, um für die komplexen Rollen und Funktionen des Erwachsenendaseins bereit zu sein: Biologisch Erwachsene sind noch sozial Unerwachsene und benötigen mehr Zeit, um ihre persönlichen Neigungen mit den gesellschaftlichen Anforderungen in Einklang zu bringen. Als Bindeglied dient nun die Selbstregulierung: Im Laufe des Zivilisationsprozesses wurde in größeren Staatsverbänden die soziale Kontrolle, die vorher die kleinen Verbände ausübten, vom Individuum verinnerlicht und wird durch Erziehung als Selbstregulierung wirksam. Für Elias ist dieser Mechanismus der Selbstregulierung die Ursache für das persönliche Gefühl einer Kluft zwischen den Wünschen des „Ichs" und den Anforderungen der „Außenwelt". Die Erfahrung seiner Individualität ist somit gesellschaftsspezifisch und letztendlich nur Ausdruck innergesellschaftlicher Spannungen zwischen der Persönlichkeits- und der Gesellschaftsstruktur, die für moderne Industriegesellschaften charakteristisch sind.

Im dritten Teil kommt er auf dem Hintergrund einer sprachgeschichtlichen Analyse zu der Bedeutung der menschlichen Kommunikation für die individuelle Entwicklung und zu einer Beschreibung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft, der „Ich-Wir-Balance", die im Zuge der fortschreitenden gesellschaftlichen Integration zu einer Veränderung des sozialen Habitus geführt hat und in einem prozess-soziologischen Ansatz erfasst werden kann.

Wie die Gesellschaft, so ist auch die Sprache ein Prozess ohne Anfang, in deren Verlauf der Begriff des Individuums eine eigene Entwicklung durchlaufen und eine bestimmte Funktion erfahren hat. Der römisch-antiken Welt war der Begriff des Individuums fremd, und er bildete sich erst im mittelalterlichen Latein zu einer Bezeichnung einer unzertrennbaren Einheit heraus, um schließlich seit der Renaissance und dem 19. Jahrhundert einen Gegensatzpaar mit dem „Kollektiv" zu bilden. Diese Begriffsentwicklung ist charakteristisch für die Verschiebung der „Ich-Wir-Balance" im Rahmen eines fortschreitenden Prozesse der gesellschaftlichen Entwicklung.

Die Ich-Identität eines Individuums konstituiert sich in Ablehnung der individuellen Handlungstheorie von Max Weber immer in festen Verbänden, in die er hineingeboren wird. Diese Verbände haben seit dem Mittelalter eine Entwicklung erfahren, bei der sich die festen Geburtsverbände wie Familie und Dorfgemeinschaft im Zuge eines Integrationsprozesses zu größeren „Überlebenseinheiten" wie Städte uns Staaten immer mehr aufgelöst haben. In diesem Integrationsprozess kam es zu einer Verlagerung der „Ich-Wir-Balance". Der Verlust der Identifikation mit der Gruppe als Familie oder der Dorfgemeinschaft führte zu einer größeren Individualisierung, einer Stärkung der Ich-Identität. „Wir-Beziehungen" erfuhren durch eine steigende soziale Mobilität eine größere Auswechselbarkeit und mündeten schließlich im 20. Jahrhundert durch die philosophische Strömung des Existentialismus in das Menschenbild des isolierten Individuums. Das Ich erfuhr sich allein in einer stärker differenzierten Gesellschaft.

Doch auch die Elemente einer scheinbar isolierten Ich-Identität verweisen auf eine gesellschaftliche Verflechtung. Beispielsweise verweisen das Gesicht oder das Namenssymbol auf die Zugehörigkeit eines Individuums zu einer Gruppe. Sie dienen der Unterscheidbarkeit von und für andere. Eine Ich-Identität ist somit ohne Wir-Identität nicht möglich. Und die Veränderung der Ich-Wir-Balance ist eine Verschiebung des Wir auf das Ich" im Zuge der Entwicklung von kleineren zu größeren Überlebenseinheiten wie Staat und Nation, die einer Massenindividualisierung Vorschub gegeben haben.

Der Begriff der Entwicklung wird von Elias nicht als ein „Fortschritt" verstanden, sondern als ein Nacheinander des Wandels. Elias lehnt daher statische Gesellschaftstheorien wie die „Systemtheorie" mit universellen Charakter ab (T Parsons). Gesellschaften sind aus prozess-soziologischer Sicht ständig im Wandel, und die Aufgabe de Soziologie ist die Untersuchung der Ordnung des Wandels, das Nacheinander der Figurationen, die Menschen miteinander bilden (feudale, höfische, bürgerliche Gesellschaft).

Der Stand der gesellschaftlichen Entwicklung prägt auch die soziale Persönlichkeitsstruktur oder den „sozialen Habitus" eines Individuums. Nordamerikanische Indianerstämme hatten beispielsweise ein starkes Wir-Gefühl, das im Zuge eines Prozesses der politischen Integration, der ökonomischen Differenzierung und der Individualisierung der amerikanischen Gesellschaft eine Identifizierung mit dem Stamm als museal erscheinen lässt. Auch in anderen Figurationen wie den Sekten oder der Mafia ist die größere Bedeutung der Wir-Identität noch sichtbar und steuern das Verhalten des Einzelnen.

Insgesamt erfuhren die menschlichen Gesellschaften aber durch die Bildung von Nationalstaaten einen Integrationsschub. Kleinere Einheiten schlossen sich zu größeren Einheiten zusammen, und ein nationaler Habitus hat das Wir-Gefühl des Stammes oder des Dorfes abgelöst. Mit dieser Entwicklung entstanden auch Probleme der Assimilation oder „Nachhink-Effekte". So wie die nordamerikanischen Indianerstämme, der „Dritte Stand" in der höfischen Gesellschaft, die Arbeiterschaft in der frühen Industriegesellschaft oder die Gastarbeiter in den Nationalstaaten heutiger Prägung von der Wir-Identität ausgeschlossen sind, so hinkt der soziale Habitus dem Vorschreiten der Integration auf die höhere Ebene der Menschheit hinterher.

Für Elias stellt zwar die wachsende Bedeutung der Menschenrechte zwar eine höhere Integrationsebene dar, der jedoch das Denken in nationalen Grenzen hinterherhinkt. Der nationale Habitus bremst somit die Nationalstaaten im Übergang zu einer gemeinsamen Überlebenseinheit, etwa den Fortgang der europäischen Integration zu einem gemeinsamen Staat. Dieser Übergang von einer Integrationsebene zu einer anderen stellt für ihm das Kernproblem dar. Erst das 21. Jahrhundert wird zeigen, ob der soziale Habitus sich dahingehend ändert, das Franzosen, Engländer, Deutsche sich als „Europäer" zu begreifen lernen. Die Untersuchung des Prozesses der gesellschaftlichen Entwicklung weist für Elias auf jeden Fall in diese Richtung.

Insgesamt legt Elias eine umfassende Theorie der menschlichen Entwicklung vor, die durch ein neues Instrumentarium von Begriffen (Figuration, Prozess) und eine neue Methode der Betrachtung von menschlichen Beziehungen und deren Funktionen den paradigmatischen Streit zwischen Individuum und Gesellschaft auflöst. Historische Entwicklungen, gegenwärtige Strukturen und langfristige Prozesse werden gleichermaßen berücksichtigt und resultieren in einer dem menschlichen Zusammenlebens in der Vergangenheit und der Gegenwart angemesseneren wissenschaftlichen Erklärung. Die interdisziplinären Trennlinien werden durchbrochen und weisen den Weg der Erforschung des Menschen und der Strukturen seines Zusammenlebens in einer von ihm geforderten Menschenwissenschaft. Die Soziologie von Norbert Elias versteht sich als ein erster Schritt in diese Richtung.