Peter Gaida

 

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Zur « European Culture » : Politischer Wertekonsens und

gesellschaftliche Werteinstellungen in Europa

 

Einleitung: Kultur oder Kulturen Europas ?

Europa ist ein politischer Begriff. Seit dem Ende des 2. Weltkrieges bezeichnet er den politischen Willen der europäischen Staaten, das historisch-kulturelle Erbe der europäischen Geschichte zu bewahren und als Konsequenz einer konfliktreichen Vergangenheit dauerhaft Frieden und Sicherheit zu schaffen. Aus diesem Willen heraus erfuhr Europa einen beispiellosen politischen und wirtschaftlichen Einigungsprozeß, der am Ende des 20. Jahrhunderts mit der Einführung einer gemeinsamen Währung in Westeuropa seinen vorläufigen Höhepunkt findet.

Was aber ist Europa, und wie läßt sich seine kulturelle Struktur erfassen? Was verbindet und was teilt den europäischen Kontinent, welches sind die möglichen gemeinsamen Werte und Vor-stellungen der Europäer? Zahlreiche Versuche sind unternommen worden, die heterogene Struktur Europas zu erfassen und entweder die Unterschiede oder die Gemeinsamkeiten der europäischen Gesellschaften darzustellen.

Soziologisch läßt sich Europa als eine Makroregion begreifen, in der mehrere Dimensionen der innereuropäischen Differenzierung vorherrschen. So konstatierte Max Haller drei traditionelle Kulturkreise (germanisch-protestantisch, römisch-katholisch und slawisch-orthodox), zwei ver-schiedene politische Systeme (Kapitalismus/Sozialismus) und zwei verschiedene Gesellschafts-stufen (entwickelt/weniger entwickelt), die in Europa koexistieren. Orientiert man sich dagegen an sozio-ökonomischen Kriterien wie Analphabetismus, Urbanisierungsgrad, hohes Einkommen, niedrige Säuglingssterblichkeit etc., kommt man als Ergebnis zu einem europäischen Kernland, das in etwa deckungsgleich mit der Europäischen Union ist und alle Kriterien aufweist. Dieser Kern weist eine ähnliche historische Identität auf, während zu den Rändern hin der Grad der Übereinstimmung aller Merkmale abnimmt.[1][1]

Bereits die beiden Beispiele zeigen, das die Beschäftigung mit den europäischen Gesellschaften zu kontroversen Strukturierungen führt, die Europa entweder teilen oder zu vereinen versuchen. Die Lesart Europas bleibt so vom Blickwinkel abhängig. J. Berting/W.F. Heinmeyer haben ein Modell entwickelt, das die verschiedenen Betrachtungsweisen Europas zu ordnen versucht. So lassen sich unter Berücksichtigung konservativer und modernistischer Perspektiven insgesamt fünf verschiedene Konzepte von Europa feststellen: Europa als gemeinsames Erbe, als Gesamtheit von Kulturen, als Gesamt aller nationalen Kulturen, als Kulturkreise und als eine moderne Kultur im Entstehen. Das ist im wesentlichen der konzeptuelle Rahmen, in dem sich die Reflexion über Europa bewegt. [2] [2]

Edgar Morin hat in einer historischen Perspektive aufgezeigt, daß die abendländische Kultur in Europa einen homogenen Kulturraum hervorgebracht hat, in dem Wissenschaft und Handel neuzeitliche Ideen wie Aufklärung, Humanismus und Vernunft über den ganzen Kontinent getragen haben. Parallel dazu haben sich mit der Etablierung der Nationalstaaten in Europa auch nationale Kulturen entwickelt, die im 19. Jahrhundert in Übersee und im 20. Jahrhundert in Europa um die kulturelle Vorherrschaft gekämpft haben. Erst die Erfahrung zweier Weltkriege hat in den letzten fünfzig Jahren über alle historisch-kulturellen Grenzen hinweg neue politische Strukturen in Europa entstehen lassen, die sowohl verschiedene Kulturkreise als auch Gesell-schaften mit unterschiedlichen sozio-ökonomischen Entwicklungsgraden vereinen. [3] [3]

 Der folgende Artikel stellt die Frage, inwieweit durch den europäischen Integrationsprozeß eine politische Kultur Europas entstanden ist, die auf gemeinsamen Werten basiert und von den europäischen Gesellschaften geteilt wird. Um diese Werte zu lokalisieren, ist es notwendig, die Grundsatzdokumente der europäischen Integrationsorgane auf ihre kulturellen Inhalte hin zu untersuchen. [4] [4]

 

Wertekonsens in der europäischen Politik

Das Ende des zweiten Weltkrieges stellt eine Zäsur in der europäischen Geschichte dar. Der europäische Kontinent verliert seine Vorherrschaft in der Welt an die beiden Supermächte USA/UdSSR und  wird in zwei antagonistische Blöcke geteilt. Mit dem Kalten Krieg setzt in Europa aus militärischen, ökonomischen und politischen Gründen ein beispielloser Einigungs-prozeß ein. Im Rahmen dieses Integrationsprozesses stellen sich neu geschaffene Integrations-organe die Aufgabe, zur Akzeptanz gemeinsamer europäischer Werte beizutragen.[5][5]

In militärischer Hinsicht entsteht 1949 eine nordatlantische Verteidigungsgemeinschaft zwi-schen zwölf Staaten Westeuropas und Nordamerikas, die NATO, während eine rein europäische Verteidigungsstruktur noch an dem Widerstand Frankreichs scheitert. Erst 1954 entsteht eine militärische Zusammenarbeit auf europäischer Ebene, die Westeuropäische Union (WEU), die sich seit 1995 auf eigene Truppen stützen kann. Doch die WEU bleibt der „europäische Pfeiler der NATO“ und soll erst im Rahmen einer engeren militärischen Zusammenarbeit zu einem rein europäischen Instrument ausgebaut werden.

Politisch entsteht 1949 ein erster politischer Staatenverbund ohne Machtbefugnisse, der Europarat. Der Europarat ist ein Zusammenschluß von 40 europäischen Staaten (1997), die sich den Schutz des gemeinsamen Erbes des Kontinents als Aufgabe gestellt haben. Wesentliche Ziel ist der Schutz der Menschenrechte: Zu diesem Zweck wurde eine zwischenstaatliche Gerichts-barkeit hergestellt, die aus der Europäische Menschenrechtskommision und einem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte besteht.

1975 wird erstmals eine Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit von 35 Teilnehmer-staaten in Europa abgehalten, die KSZE. Sie wird ein Forum für den Dialog zwischen Ost und West zur Konfliktverhütung und stellt mit ihren Schlußakten ein Regelwerk dar, das Maßstäbe für das Zusammenleben in Europa setzt. Seit 1995 ist sie in eine feste Institution um-gewandelt worden (OSZE), in der sich alle Mitlieder zu westlichen Wertvorstellungen wie Demo-kratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte bekannt haben.

Weitere politische Institutionen sind das Europäisches Parlament (EP) und der Europäische Gerichtshof (EuGH), die beide 1951 mit der Gründung der westeuropäischen Montanunion entstehen. 1957 folgt die wirtschaftliche Zusammenarbeit Westeuropas in der Atomwirtschaft und schließlich der gemeinsame Markt, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Ziel dieser supranationalen Organisationen ist die Schaffung und Koordination von gemeinsamen Märkten in den Bereichen der Kohle-/Stahlproduktion, der Atomwirtschaft und dem Waren-verkehr.      

Die EWG schließlich sorgt zuerst in der Landwirtschaft, dann durch das Inkrafttreten der „vier Freiheiten“ im Warenverkehr (freier Verkehr von Kapital, Waren, Dienstleistungen und Personen) für eine wirtschaftliche Dynamik. Die Dynamik des Warenverkehrs in der EWG führt 1986 zur Vereinigung der drei Verträge in der Einheitlichen Europäischen Akte (EEA). Die EEA erweitert die Machtbefugnisse des Rates und schreibt die Schaffung eines Europäischen Binnenmarktes vor, die Europäische Gemeinschaft (EG).

1992 erfolgt in Maastricht eine Revision der EG, die zum Vertrag über die Europäische Union (EU) führt. Durch den Maastrichtvertrag erhält die Gemeinschaft eine neue supranationale Di-mension und erfährt eine politische Erweiterung: Neben der Wirtschafts- und Währungsunion mit einer gemeinsamen Währung und einer europäischen Zentralbank wird eine intergouver-nementale Kooperation in der Außen- und Sicherheitspolitik sowie der Innen- und Rechtspolitik eingeführt. Der Vertrag von Amsterdam (1996) schließlich erweitert die politische Kooperation um die Bereiche Sozial- und Beschäftigungspolitik.

 

Kulturelle Inhalte der europäischen Einigung

Die europäischen Integrationsorgane haben sich alle um die Formulierung gemeinsamer Ziele und verbindlicher Rechtsnormen bemüht, die den Wertekonsens in der politischen Kultur Europas widerspiegeln. Ausgangspunkt der europäischen Formulierung von Rechtsnormen ist die Deklaration der Menschenrechte durch die UNO im Jahre 1948, der zwei Jahre später das europäische Pendant folgt. Der Europarat verabschiedet 1950 in Rom eine „Konvention über die Menschenrechte und Grundfreiheiten“ (EMRK), die der Grundstein der politischen Kon-sensbildung in Europa wird.

„Getragen vom gleichen Geist, einem gemeinsamen Erbe und gleichen politischen Tradi-tionen“ heißt es in der Präambel, formuliert die Konvention verbindliche Freiheiten und Rechte für die Bürger der Unterzeichnerstaaten, die sich den politischen Prinzipien der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet fühlen.[6][6] Inhalte sind das Recht auf Leben, auf Freiheit und Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, Privatleben und Familie sowie das Recht auf Heirat. Als Freiheiten wurden die Meinungsfreiheit, die Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, die Versamm-lungs- und die Vereinigungsfreiheit festgeschrieben.

Desweiteren werden Folter, Sklaverei und Zwangsarbeit sowie Diskrimination verboten. 1994 wurde die EMRK durch ein Zusatzprotokoll ergänzt, das den Schutz des Eigentums, das Recht auf Bildung  und das Recht auf freie Wahlen hinzufügt. Die Menschenrechtskonvention (EMRK) legt damit erstmals einen Katalog europäischer Werte in Form von verbindlichen Rechtsnormen vor, der in der Folgezeit der Bezugspunkt für die weitere Konsensbildung im kulturellen und sozialen Bereich wird.

Vier Jahre nach der EMRK wird 1954 in Paris die „Europäische Kulturkonvention“ vom Euro-parat unterschrieben, die die „Ideale und Prinzipien zwischen seinen Mitgliedern, die ihr gemeinsames Erbe sind,“ weiterverbreiten soll. Die Unterzeichner verpflichten sich, „gemein-same kulturelle Aktivitäten von europäischen Interesse“ zu entwickeln und Objekte mit „europa-weiten kulturellen Wert“ zu schützen und zugänglich zu machen. Ziel wird der Schutz einer „Europäischen Kultur“, der durch das gegenseitige „Studium der Sprachen, der Geschichte und der Zivilisationen“ der Mitgliedstaaten, aber auch durch das Studium „ihrer gemeinsamen Zivilisation“ verwirklicht werden soll.[7][7]

Die Kulturkonvention trägt somit einerseits den nationalen Kulturen Rechnung, andererseits wird jedoch auch auf eine gemeinsame Zivilisation/Kultur bezug genommen, ohne jedoch In-halte der gemeinsamen Kultur zu formulieren. Hauptforderung wird der Wille, die anderen europäischen Kulturen näher kennenzulernen. Erst 1961 bemüht sich erneut der Europarat, konkrete soziale Rechte in der „Europäischen Sozialcharta“ zu formulieren, die den Wertekonsens in Europa um eine soziale Dimension er-weitert. In der Sozialcharta werden in 19 Artikeln Rechtsnormen formuliert, die den Lebens-standard und das „soziale Wohl“ der Bevölkerung der Mitgliedstaaten sichern sollen. Mit Bezug auf die EMRK wird für jeden das Recht auf Arbeit, auf eine Berufsausbildung, das Recht zur Vereinigung, das Recht auf soziale Sicherheit, sowie das Recht auf Fürsorge festgeschrieben. Ar-beitnehmern wird das Recht auf soziale Dienste und auf Kollektivverhandlungen zugesprochen. Kindern und Jugendlichen wird das Recht auf Schutz vor sittlichen und körperlichen Gefahren, Behinderten das Recht auf eine berufliche Ausbildung oder Eingliederung, Wanderarbeitern, Müttern und Familien das Recht auf besonderen Schutz zugesprochen.[8][8] Die Revision der Sozialcharta im Jahre 1996 erweitert den sozialen Schutz auf ältere Personen und Arbeitslose, verbietet die Diskrimination aufgrund des Geschlechts oder des Familienstandes und fixiert das allgemeine Recht auf eine Wohnung.[9][9]

Auch die KSZE hat vor allem in ihren Schlußakten von Paris (1989) und Kopenhagen (1990) auf die sog. “menschliche Dimension“ Bezug genommen und gemeinsame, aber völkerrechtlich nicht verbindliche Menschenrechte und Grundfreiheiten formuliert. In der Pariser Schlußakte werden Menschenrechte und Grundfreiheiten vom Geburtsrecht abgeleitet und als wichtigste Aufgabe der Regierungen angesehen. Jedem werden mit Bezug auf die EMRK ökonomische, soziale und kulturelle Rechte zugesprochen. Nationalen, religiösen, ethnischen und kulturellen Minderheiten werden das Recht auf die Entfaltung ihrer Identität ohne Diskrimination und mit gleichen Rechtsgrundlagen zugesprochen.[10][10]

In der Kopenhagener Schlußakte werden eine pluralistische Demokratie und der Rechtsstaat als wesentliche Voraussetzungen für Menschenrechte und Grundfreiheiten angesehen. Unter an-derem sollen folgende Rechte geschützt und gefördert werden: das Recht auf freie Wahlen, auf eine repräsentative Regierung, auf Trennung von Staat und Parteien, auf Gleichheit vor dem Ge-setz, das Recht auf politische Organisation, das Recht auf Freizügigkeit und auf Besitz. Zu den Freiheiten zählen die Versammlungsfreiheit, die Demonstrationsfreiheit, die Meinungs- Ge-wissens-, Gedanken- und Religionsfreiheit.[11][11]

Während der Europarat und die KSZE so die treibenden Kräfte in der Formulierung gemeinsamer Rechtsnormen in Europa wurden, hat auf der Ebene der Europäischen Union noch keine Kodifizierung gemeinsamer Grundrechte  stattgefunden. Die EU hat sich lediglich zu einer Er-klärung der „Achtung der Grundrechte“ bereit gefunden, in der ausdrücklich bezug auf die EMRK genommen wird. [12] [12]

Obwohl lediglich in der Einheitlichen Europäischen Akte die EMRK genannt wird, haben Grundrechte durch die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs sozusagen durch die Hintertür Eingang in die EU gefunden. Seit 1974 hat der EuGH als zentrales Rechtsorgan der Union folgende Einzelgrundrechte nach Klagen von Unternehmen und Mitgliedstaaten aner-kannt: Das Recht auf Menschenwürde, auf Besitz, auf das Gleichheitsprinzip, auf Vereinigungs-, Religions-, Bekenntnisfreiheit, auf Berufs-, Handels-, Wirtschafts- und Wettbewerbsfreiheit, auf die Achtung des Familienlebens und sowie der Privatsphäre.[13][13]

Auch das Europäische Parlament hat darauf gedrängt, der EMRK beizutreten, wurde aber durch das EuGH in die Schranken gewiesen. So wurde schließlich 1989  eine „Entschließung zur Erklärung der Menschenrechte und Bürgerfreiheiten“ vom EP verabschiedet, die einen detail-lierten Grundrechtskatalog enthält. Auch dort finden sich in 28 Artikeln angestrebte Minima an gemeinsamen „klassischen“ Grundwerten, zu denen die Würde des Menschen, das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit, auf Rechtsgleichheit, auf Gedanken-, Gewissens-, Religions-, Meinungs- und Informationsfreiheit gehören. Auch werden kollektive soziale Rechte wie das Recht auf Streik, auf sozialen Schutz, auf Bildung und Ausbildung, auf Freizügigkeit und Schutz der Familie einbezogen.[14][14]

Weitergehende soziale Grundrechte wurden vom Europäischen Parlament auch in einer Ent-schließung zur sozialen Dimension des Binnenmarktes festgeschrieben, die als „Gemeinschafts-charta der sozialen Grundrechte für Arbeitnehmer“ 1997 von der Europäischen Kommission verabschiedet wurde. Darin werden als neue Rechte die Chancengleichheit, das Streikrecht, das Recht auf Rente und auf Arbeitslosenunterstützung festgehalten.[15][15]

   Im EG-Vertrag selbst schließlich wurden spezifische, auf die EG bezogene Grundrechte fixiert, die das Verbot der Diskriminierung, das Recht auf Freizügigkeit und freie Niederlassung der Bürger, auf soziale Sicherheit der Arbeitnehmer sowie freien Dienstleistungsverkehr und Gleich-heit des Arbeitsentgelts vorschreiben.[16][16]

 

Werteminima als Ausdruck einer gemeinsamen Kultur

In den dargestellten internationalen Verträgen kommen gemeinsame Rechtsnormen zum Aus-druck, die Rückschlüsse auf die in den beteiligten Sozialsystemen vorherrschenden Werte zulassen. Die europäischen Institutionen haben die Aufgabe übernommen, den Konsens über positiv beurteilte Zustände - soweit möglich - in Normen umzuformulieren und durch Sanktion zu stabilisieren.[17][17] Sie repräsentieren den Wertekonsens der die Institution konstituierenden Mit-glieder und somit die Werteminima aller Unterzeichnerstaaten.

Grundlage des europäischen Wertekonsenses ist das gemeinsame historische Erbe der nicht mit Europa gleichzusetzenden abendländischen Kultur. Die griechisch-römische Antike, das Christ-entum, die Aufklärung und der Humanismus sind wesentliche Bestandteile der abendländischen Kultur, wurden jedoch national unterschiedlich interpretiert. W. Mickel stellt dazu lapidar fest: „Es gibt nicht die europäische Kultur“.[18][18] Auch der Historiker F. Furet warnt davor, so etwas wie eine „supranationale europäische Kultur“ zu erfinden.[19][19] Das bedeutet nicht, daß es keine euro-päischen Gemeinsamkeiten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gibt.[20][20]

Auf einzelne kulturelle Errungenschaften Europas wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit als Basis für die politische Kultur Europas wird in allen Grundsatzdokumenten verwiesen. Nur in einer pluralistischen Demokratie ist die Akzeptanz einer Rechtsordnung möglich, die von einer in freien Wahlen entstandene Mehrheit getragen wird. Eine von den Regierungen respektierte Rechtsordnung wiederum ist der Garant für die Verwirklichung von individuellen Rechten, die auf europäischer Ebene in allen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens formuliert wor-den sind.   

Die europäischen Grundsatzdokumente sprechen dem Individuum Menschenrechte zu, die seine Grundbedürfnisse nach einem Leben in Würde, Freiheit, Gleichheit und Sicherheit garantieren. Ein Leben in Freiheit enthält auch Grundrechte, die es dem Individuum erlauben, sein Gewissen, seine Meinung und seine Gedanken zu artikulieren. Gleichheit wird vor allem als Rechtsgleichheit und Chancengleichheit verstanden, die bei europäischen Rechtsinstitutionen eingeklagt werden können. In Bereich der Politik wird jeder gesellschaftlichen Gruppe das Recht auf Demonstration, Versammlung, Vereinigung und politischer Partizipation zugesprochen, um so nach der Erfahrung der sozialistischen Einparteien-Regime in Osteuropa dem Pluralismus der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Akteure in den europäischen Gesellschaften gerecht zu werden. Sicherheit schließlich bedeutet die territoriale Integrität nach außen und die demokra-tische Kontrolle des staatlichen Gewaltmonopols.   

Die soziale Dimension ist ein weiteres wesentliches Gebiet, auf dem ein weitreichender Kon-sens in Europa stattgefunden hat. Die Familie wird als Grundeinheit der Gesellschaft angesehen, das Privatleben wird geschützt und die Heirat als ein zu schützender Wert betrachtet. Kulturelle Minderheiten sind rechtlich gleichgestellt, regionale Kulturen mit eigener Sprache und Geschichte genießen der Schutz der Integrationsorgane. In der Kulturkonvention kommt zum Ausdruck, das die Europäer ein vielschichtiges Verständnis von Kultur haben, in dem kulturell unterschiedliche Regionen, Minderheiten und Nationen ihren Platz finden.

Ein weiterer zentraler Wert ist die Religion, dessen Ausübung in allen Verträgen garantiert wird. Jeder Europäer hat weiterhin das Recht auf Ausbildung, Arbeit und Wohnung. Rahmen-bedingung dafür ist ein Wohlfahrtsstaat, der die soziale Sicherung und ein Netz sozialer Dienste bereitstellt sowie die Fürsorge für sozial schwache Gesellschaftsgruppen übernimmt.

Im wirtschaftlichen Bereich dagegen bleibt Europa zweigeteilt. Westeuropa hat durch die EU einen weit fortgeschrittenen Wertekonsens („vier Freiheiten“, Unternehmens-, Wirtschafts-, Berufs-, Handels-, Niederlassungsfreiheit etc.) kodifiziert und einen einheitlichen Wirtschafts-raum mit einer marktwirtschaftlichen Grundordnung geschaffen, indem der EuGH verbindliches Recht auslegt. Osteuropa dagegen wartet noch auf seine die Aufnahme und die damit verbundene  Akzeptanz der Werteminima der EU.

 

Wertvorstellungen der EU-Bürger

Innerhalb eines halben Jahrhunderts ist es Europa gelungen, einen Integrationsprozess einzuleiten, der auf kultureller Ebene mit der „Erklärung der Menschenrechte und Bürgerfreiheiten“ 1989 durch das Europäische Parlament seinen vorzeitigen Höhepunkt erreicht hat. Damit wird erstmals in der Geschichte Europas ein Prozess der Bildung eines politischen Konsens erkennbar, in dem sich die Nationalstaaten vertraglich auf gemeinsame Ziele, nämlich Frieden und Sicherheit, und auf gemeinsame Werte, nämlich Menschenfreiheiten und bürgerliche Grund-rechte, einigen.

Doch der vertragliche Konsens bleibt von der Legitimation durch die nationalen Gesellschaften abhängig. Eindrucksvolles Beispiel dieses Legitimierungsbedarfs war die Volksbefragung zum Maastrichtvertrag 1994 in Frankreich, in der sich nach einer heftigen öffentlichen Diskussion nur eine knappe Mehrheit (50,05 %) für die Unterzeichnung des Vertrages aussprach. Darin kommt zum Ausdruck, daß der Integrationsprozess vor allem vom Willen der Bevölkerung abhängig bleibt.

In unserem Zusammenhang stellt sich somit die Frage, inwieweit gemeinsame Werte im Bewusstsein der einzelnen europäischen Gesellschaften überhaupt vorherrschen und den politischen Wertekonsens der Nachkriegspolitik legitimieren. Die Frage ist nicht neu, und die Europäische Kommission selbst beschäftigt sich seit Jahren ausführlich mit der Akzeptanz vertraglich fixierter Werte in Westeuropa. Zu diesem Zweck wird seit 1973 eine Umfrage „Eurobarometer“ durchgeführt, die unter anderem die Akzeptanz der politischen Grundwerte untersucht. Das Eurobarometer ist ein Fragenkatalog, der unter der Leitung der Europäischen Kommission zweimal jährlich durch die nationalen Meinungsforschungsinstitute 1000 Personen pro Staat vorgelegt wird. Es stellt eine wesentliche Quelle Für die Untersuchung der europäischen Einigung dar. Zentrale Elemente dieser Umfragen sind neben den Grundwerten in Europa die Zustimmung zur europäischen Integration, die Entwicklung einer europäischen Identität sowie die Zufriedenheit mit der Demokratie.

 

Europäische Integration und europäische Identität

Die Integration in Europa bleibt von der Zustimmung der Bevölkerung abhängig. Obwohl der bisherige Einigungsprozess von den Regierungen ausging, haben verschiedene Volksbefragungen gezeigt, dass die Bürger trotz eines niedrigen Wissenstands über die EU konkrete Vorstellungen über den Einigungsprozess haben und ihre Möglichkeiten nutzen, um auf die Entscheidungen einzuwirken.

Seit Beginn der Eurobarometer-Umfragen wird die Idee eines vereinten Europa von den Bürgern begrüßt. Allgemein erfreut sich der Prozess der europäischen Einigung wachsender Zustimmung. Seit 1973 ist der Anteil der Befürworter der Vereinigung Europas in einem Zeitraum von 17 Jahren von 62 auf über 80 % gestiegen. [21] [21] Auch die Mitgliedschaft in der EU wird von einer Mehrheit als positiv empfunden. Über 50 % der befragten Bürger sind der Meinung, dass die Mitgliedschaft ihres Landes in der EU eine „gute Sache“ ist.

  Lediglich 1996 sind die Werte auf unter 50 % abgesunken und haben sich erst 1998 im EU-Durchschnitt wieder auf 51 % stabilisiert. 28 % der Befragten halten die Mitgliedschaft aber „weder Für gut noch schlecht“ und weitere 12 % halten die EU-Mitgliedschaft Für eine „schlechte Sache“. Nur in Schweden überwiegt der Anteil der Gegner einer EU-Mitgliedschaft.

Während die abstrakte Idee einer Vereinigung Europas positiv aufgenommen wird, stellt man fest, das die EU-Mitgliedschaft von dem Erfolg der EU, aktuelle Probleme losen zu können, abhängig bleibt. S. Immerfall/A. Sobisch zeigen auf, das die Zustimmung zur Union von der wirtschaftlichen Situation abhängig bleibt. [22] [22] Mit dem Ansteigen der Arbeitslosenquote in Europa sinkt die Zustimmung zur Mitgliedschaft in der Union. Eine konkrete europäische Politik bleibt so von ihren Erfolgen abhängig und wird an diesen gemessen. Die Erfolgs Abhängigkeit der Zu-stimmung ist ein Indiz Für eine utilaristische Sicht der Bürger der europäischen Einigung.

Ein weiteres wesentliches Thema für das Fortschreiten der europäischen Integration ist die Ent-wicklung einer europäischen Identität. Identität wird im allgemeinen als die Selbstinterpre-tation des Individuums verstanden, die sich aus der Mitgliedschaft in einer sozialen Gruppe entwickelt. Die Summe aller Identifikationen einer Person, die sich aus verschiedenen Mitglied-schaften ergeben, bildet ihre Identität.

Betrachtet man die Trends der Eurobarometer-Umfragen zur Entwicklung einer europäischen Identität, so stellt man fest, daß die Identifikation mit Europa sich auf einem sehr niedrigen Niveau bewegt.

           

           Abb. 2: Nationale vs. europäische Identität (in %)

 

 1992

 1993

   1994

1995

   1996

   1997

 1998

Nur nationale Identität

38

40

33

40

46

45

44

Nationale & europäische Identität

48

45

46

46

40

40

41

Europäische & nationale Identität

7

7

10

6

6

6

6

Nur europäische Identität

4

4

7

5

5

5

5

                                             

                                                   Quelle: Eurobarometer (EB) Nr. 49 Herbst 1998

 Auf die Frage, wie sich die Bürger in Westeuropa in naher Zukunft sehen, antworteten im Frühjahr 1998 nur 5 % der Befragten mit „als Europäer“ (1994 waren es noch 7 %), während sich 44 % weiterhin nur als nationale Staatsbürger sehen. Lediglich 6 % der Befragten sehen sich in Zukunft zuerst als Europäer und dann als Staatsbürger ihrer Nation sehen, während 41 % ihrer nationalen Identität den Vorrang vor einer europäischen Identifikation geben. Die bloße Mit-gliedschaft in der EU hat nicht zu einer gemeinsamen Identität der Unionsbürger geführt. Nach Ländern aufgeschlüsselt stellt man fest, daß lediglich Luxemburg mit seiner hohen Anzahl an Ausländern auf einen zweistelligen Wert von Befragten kommt, die sich nur als Europäer fühlen. Insgesamt verspüren über 80 % der EU-Bürger ausschließlich oder zuerst eine nationale Identität. Doch ist eine Identifikation mit Europa durchaus vorhanden. Zu einem gewissen Grad identifizieren sich über 50 % der Befragten mit Europa als Teil  ihrer Identität.

Obwohl 40 % der Bürger nur eine nationale Identität verspüren, stellt die europäische Einigung in der Wahrnehmung der Bürger keine Bedrohung dar. Eine Mehrheit der Europäer ist der Meinung, das die europäische Einigung keine Gefahr Für die nationalen Identitäten und Kulturen darstellt, sondern zu deren Schutz beitragen kann.  60 % der Europäer sind der Mein-ung, das die europäische Einigung sogar einen Schutz Für die nationalen Identitäten darstellt. Durchschnittlich 50 SYMBOL 37 \f "Symbol" \s 12 % der Europäer sind sogar der Meinung, das die EU vor allem dazu dienen sollte, die nationalen Kulturen in Europa zu schützen. Lediglich Großbritannien und Irland fürchten um ihre Identität und Kultur. [23][23]

Auch stellt die Dominanz der nationalen Identität kein Hindernis Für die Entwicklung einer europäischen Identität dar. Eine große Mehrheit ist sogar der Meinung, daß eine europäische und eine nationale Identität miteinander vereinbar sind. Nach sozio-demographischen Kategorien aufgeschlüsselt stellt man fest, daß vor allem junge Europäer sich häufig (15 %) oder zumindest manchmal (40 %) als Europäer fühlen, wobei das Gefühl ein Europäer zu sein mit dem Bildungsstand der befragten Person steigt. [24] [24]

Letztendlich bleibt die Identifikation mit Europa nutzenorientiert. Ausschlaggebend sind die Vorteile, die durch die Mitgliedschaft in der EU wahrgenommen werden. Angesichts eines drohenden Verlustes der eigenen Identität erscheint die europäische Einigung als das geeignete Mittel, um die Mitgliedsstaaten  vor dem Verlust ihrer Identitäten zu schützen. Eine Mehrheit der Europäer ist der Meinung, daß „der einzige Weg, unsere nationalen, geschichtlichen und kulturellen Identitäten (…) gegen die Herausforderung der großen Weltmächte zu verteidigen, darin besteht, (…) die Länder Europas wirklich zu vereinen“. [25] [25]

 

Grundwerte der Demokratie

Seit dem Ende des Totalitarismus in Europa hat sich in den westeuropäischen Gesellschaften eine demokratische Kultur entwickelt, die von einer großen Mehrheit der Bürger getragen wird. Seit 1989 ist die Demokratie auch in Ost- und Mitteleuropa die Grundlage der politischen Ord-nung. Betrachtet man jedoch die Zufriedenheit mit der Demokratie im eigenen Land, stellt man fest, daß zwischen Ost- und Westeuropa große Unterschiede vorherrschen.

Nach einer Eurobarometer-Umfrage von 1989 sind 95 % der befragten West Europäer prinzipiell für die Idee der Demokratie. Auch ist eine große Mehrheit von 78 % der Meinung, daß eine „Demokratie immer besser als eine Diktatur ist“. [26] [26] Die  Westeuropäer  sind zu 49 % mit der Funktionsweise der Demokratie in ihrem Land zufrieden. Spitzenreiter sind die Dänen mit 77 %, wahrend 66 bzw. 67 % der Belgier und Italiener „nicht sehr“ oder „überhaupt nicht zufrieden“ sind. Auch in Frankreich, Deutschland und Portugal überwiegt die Unzufriedenheit mit der nationalen Demokratie.

In Ost- und Zentraleuropa dagegen herrscht eine tiefe Unzufriedenheit mit der Demokratie. In den zehn mit der EU assoziierten Ländern sind 79 % der Befragten „nicht sehr“ oder „überhaupt nicht unzufrieden“ mit der Funktionweise der Demokratie in ihrem Land. Lediglich in Albanien, Kroatien und Polen sind knappe Mehrheiten der Meinung, das die Demokratie in ihrem Land zufriedenstellend funktioniert. In Bulgarien und Ungarn sind 80 bzw. 77 % überhaupt nicht zufrieden, in Rußland sind sogar 88 % der Befragten unzufrieden mit ihrer Demokratie. Befragt nach dem Respekt der Menschenrechte in ihrem Land, ergibt sich ein ähnliches Bild: 81 % der Befragten in Ost- und Mitteleuropa sind der Meinung, das die Menschenrechte „wenig“ oder „überhaupt nicht“ respektiert werden. [27] [27]  

Diese negative Beurteilung der Demokratie und der Wahrung der Menschenrechte in Ost- und Zentraleuropa zeigt jedoch auf, das ein kritisches Bewußtsein in bezug auf das politische System und eine Vorstellung von Grundrechten vorhanden sind, an denen die jungen osteuropäischen Demokratien gemessen werden. Insofern kann man annehmen, das Demokratie und Menschen-rechte allgemein positive Werte sind, die jedoch nach Meinung der Befragten in Ost- und Mitteleuropa noch nicht zur Zufriedenheit der Bevölkerung respektiert werden.  

Betrachtet man die Umfragen zu den Wertvorstellungen der EU-Bürger, stellt man fest, daß die in den europäischen Grundsatzdokumenten festgeschriebenen Grundrechte im EU-Durch-schnitt von der Mehrheit der Bürger akzeptiert werden. Nach einer Eurobarometer-Umfrage im Herbst 1988 ist eine Mehrheit der EU-Bürger der Meinung, daß die in der Menschenrechts-konvention festgeschriebenen fundamentalen Grundrechten unter allen Umständen respektiert werden sollten.

An der Spitze der Bewertung stehen das Recht auf Ausbildung, Privatleben und Arbeit. Im EU-Durchschnitt sind über 90 % der Europäer der Meinung, das die drei Rechte unter allen Um-ständen respektiert werden sollten. In den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Grossbrittanien, Irland und Spanien erhält das Recht auf Ausbildung die höchste Zustimmung. Die Akzeptanz des Rechts auf Arbeit erreicht die höchsten Werte in Irland, Italien und Spanien, wo die Arbeits-losenquoten 1988 die 10 % überstiegen. In Dänemark und in der Bundesrepublik dagegen be-wegte sich die Akzeptanz des Rechts auf Arbeit auf dem niedrigsten Niveau mit immerhin 80 bzw. 76 %.

Nach den individualistisch einzustufenden Werten Arbeit, Ausbildung und Privatleben folgen klassische Rechte auf Gleichheit, Sicherheit und Religionsfreiheit. Über acht von zehn Westeuropäern waren 1988 der Meinung, daß die Gleichheit vor dem Gesetz, die Sicherheit der Bürger und ihre Religion unter allen Umständen respektiert werden müssen. Die Religionsfreiheit erreicht in den Niederlanden den höchsten Wert (89 %), Die Gleichheit vor dem Gesetz und die Sicherheit der Bürger  werden vor allem in der Bundesrepublik als wichtig angesehen.

Das Recht auf Information, auf Privateigentum und auf eine eigene Kultur wird im EU-Durchschnitt von  knapp 80 % der Befragten als wichtig angesehen. Die Iren und die Italiener legen mit 89 bzw. 88 den größten Wert auf ihre Kultur, die Luxemburger und die Deutschen sind die größten Befürworter des Privateigentums. Das Recht auf Information ist vor allem den Spaniern und Franzosen sehr wichtig.  

Schlußlichter in den Wertvorstellungen der EU-Bürger sind das Recht auf Meinungs- und Ver-sammlungsfreiheit sowie das Recht auf Asyl (51%). Die Meinungsfreiheit erreicht in Deutschland den Spitzenwert von 89 %, wahrend die 32 % der Briten diese von der Situation abhängig machen. Jeder vierte Belgier ist der Meinung, daß die Versammlungsfreiheit ein relativer Wert ist, der von der Situation abhängig bleibt. In Deutschland, Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden ist eine Mehrheit der Befragten der Meinung, daß das Recht auf Asyl von der Situation abhängig sein sollte. Deutschland und Großbritannien sind auch die Länder, die im EU-Durchschnitt den größten Anteil an Ausländern aufweisen.

Unter dem Strich läßt sich feststellen, das im Bewußtsein der EU-Bürger individualistische Rechte dominieren, die den Akzent auf den Schutz des Privatlebens und die Integration des Individuums in das Wirtschaftsleben legen, während kollektive Rechte wie die Meinungs- und Versammlungsfreiheit in den Hintergrund rücken, oder wie Asylrecht, sogar auf Ablehnung stoßen.             

Neuere Umfragen im Europa der 15 bestätigen diese Tendenz der Individualiserung nach innen und der Abschottung nach außen. [28] [28] Nach einer Umfrage im Eurobarometer Nr. 47 sind 41 % der Westeuropäer der Meinung, das es zu viele Ausländer in ihrem Land gibt, 33 % betrachten sich selbst als „leicht rassistisch“. Diese ablehnende Haltung gegenüber Ausländern bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die uneingeschränkte Akzeptanz des Asylrechts.

Die Tendenz zur Individualiserung hingegen wird sichtbar in dem Wunsch nach mehr privater und beruflicher Selbstverwirklichung. Nach einer Euroopinion-Umfrage von 1997 ist eine große Mehrheit der Westeuropäer ist der Meinung, daß es wichtig ist, einerseits mehr Zeit in die Selbstverwirklichung zu investieren und neue Facetten seiner Person zu entdecken, andererseits im Leben erfolgreich zu sein und viel Geld zu verdienen.[29][29] Wesentliche Bedingungen Für gesell-schaftlichen Erfolg und persönlicher Verwirklichung sind aber eine Ausbildung und ein Arbeits-platz. Dementsprechend nehmen das Recht auf Ausbildung und Arbeit einen hohen Stellenwert im Bewußtsein der EU-Bürger ein.

 

Epilog: Europa als Wertegemeinschaft

Der oft bemühte Begriff der Werte stellt nach einer berühmten Definition von E. B. Tylor neben „den Wissenschaften, dem Glauben, den Künsten, der Moral, den Gesetzen, den Brauchen und allen anderen vom Menschen erworbenen Fähigkeiten und Gewohnheiten (…)“ eine wesentliche Grundlage einer Kultur dar. [30] [30]

Bereits in der Konzeption von Max Weber bildet der Wertebegriff die zentrale Kategorie für die Deutung kultureller Muster. Kultur ist für Weber „ein vom Standpunkt des Menschen aus mit Sinn und Bedeutung bedachter endlicher Ausschnitt aus der sinnlosen Unendlichkeit des Weltgeschehens“. [31] [31] Dieser sinnvolle Ausschnitt manifestiert sich für Weber in Handlungen wie z. B. Ritualen, deren historische Genese rekonstruiert werden kann. Individuelle und kollektive Handlungen hängen jedoch nicht in der Luft, sondern ihnen liegen „Wertprinzipien“ zugrunde, die sich in bestimmten Kulturformen manifestieren.

Die Systemtheorie hat den Wertebegriff aufgenommen und weiterentwickelt. Talcott Parsons hat in Auseinandersetzung mit Max Weber den Werten eine weichenstellende Bedeutung in sozialen Systemen zugesprochen: „Soziale Systeme bestehen aus interagierenden Rollen innerhalb von Kollektiven, deren spezifische Interaktion durch Normen geordnet wird, die in kulturellen Wer-ten begründet und an kulturellen Werten orientiert sind“. [32] [32] Auch hier bilden Werte das zentrale Element eines sozialen Systems, das für deren Einhaltung gesellschaftliche Normen etabliert, die die Interaktion im Kollektiv steuern. Doch ist damit noch nichts über den Charakter der Werte ausgesagt.   

 Die französischen Soziologen Raymond Boudon und Francois Bourricaud haben sich bemüht, den Wertebegriff seines paradigmatischen Charakters zu entledigen. In ihrem Entwurf sind Werte „kollektive Präferenzen“ zugunsten „positiv beurteilter Zustande“ eines sozialen Systems. Der Präferenz begriff ist insofern von Vorteil, weil zum Ausdruck bringt, das es sich um eine Auswahl von Werten handelt, die in Abwägung zu den mit ihnen verbundenen Vorteilen zu herrschenden Werten avancieren. Damit wird dem dichotomen Charakter der Werte Rechnung getragen, denn wenn es herrschende Werte gibt, muß es Werte geben, die als abweichend eingestuft werden. [33][33]  

Damit sind schon wesentliche Merkmale des Wertebegriffs eingeführt. Werte sind relativ, willkürlich und in einen institutionellen Kontext eingebettet. Ralf Dahrendorf hat in seiner Kritik der Parsons‘schen Systemtheorie darauf aufmerksam gemacht, das hinter Werten eine Rollener-wartung steht, die „durch die sanktionierende Kraft der Herrschenden aufrechterhalten wird.“ [34] [34] Anschauliches Beispiel für die Relativität der Werte ist die in Europa dominierende Monogamie, die in Abwägung zur negativ beurteilten Polygamie als kollektive Präferenz in dem institution-ellen Kontext der Einehe eingebettet ist.

Dieser dichotome Blickwinkel erlaubt es Bourdon/Bourricaud, einen „harten Kern“ von Werten zu konstatieren, dem ein Potential von „wandelbaren Werten“ zur Seite steht. Dabei bleibt jedoch offen, wie sich beide konstituieren. Die Summe aller Präferenzen bildet das Wertesystem eines sozialen Systems, das für Boudon/Bourricaud wiederum nichts anderes ist als die Summe der Traditionen einer Gesellschaft. Wertesysteme als Traditionen zu betrachten wird so zum Ver-such, den statischen, selektiven und evolutiven Charakter der Werte zu auszudrücken: „Man kann Wertesysteme (…) als Traditionen behandeln – das heißt als Geschichten mit ihren Wieder-holungen, ihren Auslassungen und ihren immer wieder vorkommenden Änderungen“. [35] [35]   

Traditionen setzen Akzente zugunsten bestimmter Werte, sie wiederholen sich und ändern ihre Inhalte. Ihr „harter Kern“ findet sich jedoch im institutionellen Rahmen einer Gesellschaft wieder, d. h. die Institution wird die „Schaltstelle“ zwischen herrschenden Werten und recht-lichen Normen.

Ähnlich argumentiert Anthony Giddens, wenn er Werte als „ abstrakte Ideale“ und Normen als „definierte Regeln“ einer Kultur qualifiziert. [36] [36] Die abstrakten Ideale einer Kultur konkretisieren sich in einem historischen Prozeß zu definierten Regeln. So ist z. B. aus der bereits erwähnten Monogamie, die ihren Ur-sprung in der christlichen Moral hat, eine in einem institutionellen Kontext eingebettet Norm geworden, die das Zusammenleben von Ehepartnern kulturell-historisch definiert und den abweichenden Wert der Polygamie sanktioniert.

Die Analyse der politischen Grundsatzdokumente und der gesellschaftlichen Werteinstel-lungen in Europa zeigt auf, das der europäische Kontinent über einen Katalog an Werteminima verfugt, der von den Bürgern legitimiert wird. Gemeinsame politische Traditionen wurden in den letzten fünfzig  Jahren kodifiziert und institutionalisiert. Die europäischen Integrationsorgane haben die Rolle übernommen, gemeinsame Rechtsnormen zu formulieren und über deren Ein-haltung zu wachen. Inhalte sind die Aufrechterhaltung der Demokratie und der politischen, sozialen und ökonomischen Rechte des Individuums in Europa.

Soweit das Datenmaterial eine Beurteilung zuläßt, wird dieser Integrationsprozeß generell von der Bevölkerung unterstützt. Auch die Inhalte des Integrationsprozesses finden große Unter-stützung. Demokratie und Menschenrechte sind der „harte Kern“ gemeinsamer Wertvorstel-lungen der Europäer und bilden den kleinsten gemeinsamen Nenner einer politischen Kultur in Europa, deren Ursprung sich in dem Wunsch nach Frieden und Sicherheit nach der Erfahrung zweier Weltkriege begründet. Die letzten fünfzig Jahre weisen so eine kulturelle Konvergenz auf, die darauf hindeutet, daß Europa sich in einem Prozeß der Entwicklung einer modernen poli-tischen Kultur befindet, der aber noch nicht zu einer gemeinsamen kulturellen Identität geführt hat.

Vielmehr deutet die Konvergenz der nationalen Norm- und Wertsysteme darauf hin, daß Europa eine neue Ebene gesellschaftlicher Organisation etabliert hat, die sich von der Dominanz der nationalen Kultur und Identität zu lösen versucht. Die Etablierung gemeinsamer Institutionen und die Kodifizierung gemeinsamer Traditionen in herrschende Normen ist der Aus-druck eines europäischen Prozesses der Wertekonvergenz, der zur Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Kultur führen könnte. Voraussetzung dafür ist ein Kulturverständnis, daß den histor-isch gewachsenen regionalen und nationalen Kulturen in einem „polyzentrischen Europa“ (E. Morin) einen Platz garantiert. Dieser Spagat zwischen den nationalen Divergenzen und europäischen Konvergenzen ist die essentielle Herausforderung für Europa im nächsten Jahrtausend.

 


 

 

 

 

 


 

[1] [1]  vergl. S. Immerfall (1990): Einführung in den europäischen Gesellschaftsvergleich. S. 40f.

[2] [2]  vergl. J. Berting/W.F. Heinmeyer (199 ): „Europe as a multilevel problem“. In: K. von Benda-Beckman/M.Verkyten: Nationalism, Ethnicity and

   Cultural Identity in Europe. S. 53-70

[3] [3]  vergl. E. Morin (1990): Europa denken..

[4] [4]  zur Fragestellung vergl. W. W. Mickel (1997): „Kulturelle Aspekte und Probleme der europäischen Integration“. In:  Aus Politik und Zeitgeschichte,    

   B 10/97, S. 17 In:  Aus Politik und Zeitgeschichte, B 10/97, S. 17

[5] [5]  vergl. W.W. Mickel (Hrg.) (1998): Handlexikon der Europäischen Union. S. XIII - XLII

[6] [6]  Europarat (1950): Europäische Menschenrechtskonvention. STE  Nr. 5 (zitiert nach  www.coe.fr/eng/legaltxt/5e.htm)

[7] [7]  Europarat (1954): Europäische Kulturkonvention. STE Nr. 18 (zitiert nach www.coe.fr/eng/legaltxt/18e.htm)

[8] [8]  Europarat (1961). Europäische Sozialcharta. STE Nr. 35 (zitiert nach www.coe.fr/eng/legaltxt/35e.htm)

[9] [9]  Europarat (1996): Europäische Sozialcharta (Neufassung). STE Nr.163 (zitiert nach www.coe.fr/eng/legaltxt/163e.htm)

[10] [10] OSZE (1989): Charta of Paris for a new Europe. (zitiert nach www.osce.prag.cz/docs/archive.htm)

[11] [11] OSZE (1990): Charta of Kopenhagen. (zitiert nach  www.osce.prag.cz/docs/archive.htm)

[12] [12] EU: Gemein. Erklärung des EP, des Rates und der Kommission vom 5. April 1977 über die Grundrechte. AB1. Nr.C 103 (zitiert nach http://europa.eu.int)

[13] [13] Mitteilung der EU: Leitfaden 2.1.0. Die Achtung der Grundrechte in der Union (zitiert nach http://europa.eu.int/)

[14] [14] vergl. Europäisches Parlament (1989): „Gemeinsame Entschliessung zur Erklarung der Menschenrchte und Burgerfreiheiten“

[15] [15] vergl. W. Mickel (Hrg.)(1998): Handlexikon der Europäischen Union.. S. 290f.

[16] [16] ebd.  Artikel: „Grund- und Menschenrechte“, 288f.

[17] [17] vergl. D. Fuchs (1993): Wohin geht der Wandel der demokratischen Institutionen in Deutschland? In: G. Goehler (Hrsg.) Leviathan, Sonderheft 16, S. 256f.

[18] [18] vergl. W. W. Mickel (1997): (Siehe Anmerkung 4) S. 16

[19] [19] vergl. R. Dahrendorf (1993): Wohin steuert Europa?  Ein Streitgespräch. S. 128

[20] [20] vergl.  S. Hradil/S.Immerfall (1997): Die westeuropäischen Gesellschaften im Vergleich. S. 27-71

[21] [21]  Eurobarometer Nr. 32 1989 , Nr. 34 1190

[22] [22]  S. Immerfall/A. Sobitsch (1997): „Europäische Integration und europäische Identität. Die Europäische Union im Bewußtsein der Bürger“.  In:  

    Aus Politk und Zeitgeschichte. B10/97,  S. 27

[23] [23]  EU: Leitfaden 2.1.0.: Die Meinung der Europäer über die Kultur in Europa.  (zitiert nach  http://europa.eu.int/)

24   S. Immerfall/A. Sobisch (1997): (Siehe Anmerkung 22) S. 33f.     

[25] [25]  vergl. Eurobarometer Nr. 30 1988, S. 37

[26] [26] Eurobarometer Nr. 37 1992. Für Osteuropa liegen keine vergleichbaren Zahlen vor.

[27] [27] Eurobarometer Zentral- und Osteuropa Nr. 6 1996

[28] [28] vergl. Eurobarometer Nr. 47 Marz-April 1997 S. 65f.

[29] [29] vergl. Europinion 13  November 1997, S. 6f.

[30] [30] zitiert nach J. Cazeneuve (1976): Dix grandes notions de la sociologie. S. 34

[31] [31] Max Weber (1988): Gesammelte Aufsätze zur Wissenslehre. S. 80

[32] [32] Talcott Parsons (1976): Zur Theorie sozialer Systeme. S. 80

[33] [33] R. Boudon/F. Bourricaud (1993): Soziologische Stichworte. Ein Handbuch. Artikel „Werte“, S. 659

[34] [34] vergl. R. Dahrendorf (1977): Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. S. 314

[35] [35] vergl. R. Boudon/F. Bourricaud: (Siehe Anmerkung 33), S. 663

[36] [36] vergl. A. Giddens (1989): Sociology. S. 31