Peter Gaida

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Die Theorie der Sprachkompetenz von Eugenio Coseriu

Bei der Entwicklung einer  Theorie der Sprachkompetenz spielt in der Sprachwissenschaft die Unterscheidung zwischen der Sprache und der Rede eine zentrale Rolle. Diese Unterscheidung zwischen der Kompetenz (Sprache) und der Performanz (Rede) ist jedoch keine Entdeckung der Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts, sondern wird intuitiv von den Sprechenden selbst gemacht, wurde bereits praktisch in dem antiken Studium (Grammatik/Rhetorik) unterschieden und fand im deutschen Kulturraum explizit bei Humboldt (Produkt „ergon“/Tätigkeit „ernergeia“), bei Hegel (Rede/Spreche) und noch differenzierter bei Gabelenz (Rede/Einzelsprache und Sprachvermögen) Erwähnung.

Der franz. Sprachwissenschaftler F. de Saussure gibt der langue als Norm für die parole den Vorzug: Das Sprechenkönnen realisiert sich in der langue, die alles Kollektive normiert, und die parole ist lediglich ihre individuelle Realisierung. Auch N. Chomsky konstatiert, das die Kompetenz die Performanz normiert. Die Performanz ist ein Erzeugungsprozess, der dem Kriterium der „Annehmbarkeit“ unterliegt, aber durch die Kompetenz mit dem Kriterium der „Korrektheit“ determiniert wird. Doch für Coseriu reduzieren sowohl Saussure als auch Chomsky die Analyse der Sprachkompetenz auf die Ebene der Einzelsprache.

Chomskys Kriterien der Annehmbarkeit/Korrektheit bewegen sich innerhalb einer Einzelsprache, bei der Coseriu mehrere Ebenen der inneren Struktur unterscheidet: die übergeordnete Ebene einer Einzelsprache ist der Typus, der die Prinzipien einer historischen Sprache determiniert; danach folgt das System, das das bereits Realisierte und das noch Mögliche innerhalb der sprachlichen Regeln bereitstellt; danach folgt die Norm, die das tatsächlich Realisierte fixiert und so das System einschränkt; und schließlich folgt die Rede, die individuelle Realisierung der Norm.

Der Vorstellung Saussure´s einer einheitlichen, kollektiven langue setzt Coseriu das Konzept der „historischen Sprache“ entgegen: Eine Einzelsprache ist kein homogenes Sprachsystem, sondern beinhaltet räumliche, soziale und stilistische Unterschiede. Ein einheitliches Sprachsystem dagegen liegt nur an einem Punkt innerhalb dieser äußeren „Architektur der Sprache“ vor,  an dem die Sprechenden eine (im Alltag funktionierende) „funktionelle Sprache“ in einem Dialekt, auf einem Niveau und mit einem Stil benutzen. Coseriu kommt so zu einer Theorie der äußeren und inneren Struktur der historischen Einzelsprache.

Für die Betrachtung der Sprachkompetenz muss eine radikale Änderung des Gesichtspunktes unternommen werden: Im Gegensatz zu Saussure ist für Coseriu das Sprechen der wesentliche Bestandteil der Sprache, das aus einer biologischen und einer kulturellen Schicht besteht. Innerhalb der kulturellen Schicht ist das Sprechen in erster Linie eine Tätigkeit, der ein Wissen zugrunde liegt und das sich als ein Produkt in Wort und Schrift realisiert. Sprechen ist eine allgemein-sprachliche Tätigkeit, die von Vertretern einer gemeinsamen Tradition des Sprechenskönnens (historische Einzelsprache) individuell (Diskurs) ausgeübt wird. Das Produkt dieser Tätigkeit ist allgemein-sprachlich die Totalität der Äußerungen, historisch die abstrakte Einzelsprache und individuell der Text.. Coseriu kommt so zu einer Erweiterung der allgemeinen Theorie des Sprechens.

Und auch das Wissen, das dieser Tätigkeit zugrunde liegt, beinhaltet drei Ebenen: Die Sprachkompetenz der Sprechenden basiert allgemein-sprachlich auf einem „elokutionellen Wissen“, historisch auf einem „idiomatischen Wissen“, und individuell auf einem „expressiven Wissen“. Das „elokutionelle“ Wissen beinhaltet die Bezeichnung der außersprachlichen Wirklichkeit und unterliegt dem Urteil der Übereinstimmung (Kongruenz) über die Kenntnis der Dinge und der Prinzipien des Denkens. Das idiomatische Wissen transportiert die Bedeutung und unterliegt dem Urteil der Korrektheit.

Für seine Beschreibung stellt sich die Schwierigkeit, dass die Sprechenden auch Kenntnisse über räumliche, soziale und stilistische Varietäten besitzen, die eine Erfassung des gesamten idiomatischen Wissens unmöglich machen. Das expressive Wissen beinhaltet den Sinn der Aussage und unterliegt dem Urteil der Angemessenheit. Es wird durch Textnormen und durch Determinanten wie Sender, Adressat, Gegenstand und Situation bedingt. Die drei Ebenen sind autonom, weil jedes Wissen über seinen Inhalt verfügt, über den nach seinem Kriterium geurteilt wird. Coseriu kommt so zu einer begründeten Charakterisierung der drei Ebenen der Sprachkompetenz.

In Bezug auf die Natur der Sprachkompetenz kommt Coseriu in Auseinandersetzung mit Saussure und Chomsky zu der These, dass das sprachliche Wissen nicht angeboren oder intuitiv gegeben ist, sondern in einem schöpferischen Prozess erworben wird und in Anlehnung an Leibniz als ein sicheres, begründetes, aber unangemessenes technisches Wissen charakterisiert werden kann. Der Gehalt dieses technischen Wissens beinhaltet sowohl sprachliche Zeichen als auch sprachliche Verfahren. Die Struktur des technischen Wissens dagegen ist nur auf der Ebene des idiomatischen Wissens analysierbar: Das idiomatische Wissen umfasst sowohl den aktuellen Sprachzustand (Synchronie), als auch eine bei den Sprechenden feststellbare historische Dimension der Sprache (Diachronie). Die Saussure´sche Opposition von Synchronie/Diachronie wird somit aufgehoben.

Auch weist die synchrone Kompetenz der Sprechenden  sowohl eine Kenntnis über räumliche, gesellschaftliche und stilistische Varietäten innerhalb einer historischen Sprache auf als auch eine Kenntnis von Teilen anderer historischer Sprachen, wie sie in Nachahmungssprachen zum Ausdruck kommt. Diese Kenntnis der Varietäten bei den Sprechenden impliziert für die Analyse der Struktur der einzelsprachlichen Kompetenz die Beschränkung auf die „funktionellen Sprachen“. Coseriu kommt so zu einer Methode der Beschreibung des idiomatischen Wissens.

Insgesamt gelingt es Coseriu, die bisherigen Theorien ihres axiomatischen Charakters zu entkleiden und zu einem eigenen Entwurf einer Theorie der Sprachkompetenz zu kommen, der die sprachwissenschaftliche Diskussion um eine universelle und eine individuelle Ebene erweitert. Das sprachliche Wissen der Sprechenden wird in seine Bestandteile zerlegt und charakterisiert, und für die wissenschaftliche Betrachtung wird ein praktischer Rahmen definiert. Daneben wird mit der Forderung nach einer („skeuologischen“) Linguistik des Sprechens und nach einer stärkeren der Einbeziehung der Textlinguistik für die sprachwissenschaftliche Praxis ein Aufgabenkatalog postuliert, um so dem Phänomen des sprachlichen Wissens mehr als bisher gerecht zu werden. Insgesamt legt Coseriu durch die Verknüpfung seiner früheren Theorie zur Einzelsprache mit der hier entwickelten Theorie der Sprachkompetenz ein umfassendes Konzept vor, das die bisherigen Entwürfe ablöst.