Peter Gaida

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Magisterarbeit : Zwangsarbeiter für Hitler und Pétain. Der Atlantikwall in  Südwestfrankreich 1940-1944

 

Einführung

1. Frankreich in Hitlers Europa

2. Das besetzte Frankreich

3. Die Kollaboration der französischen Industrie

4. Die « Festung Europa »  

5. Die "Organisation Todt"

6. Aquitanien unter deutscher Besatzung

7. Bordeaux, strategische Stadt des Dritten Reiches

8. Der U-Bootbunker von Bordeaux 

9. Die « Rotspanier » der OT

10. Die Festung "Gironde-Süd"

Bilanz

 

 

Die "Organisation Todt" (OT)

 

Nach Hitlers Vorstellungen entsteht 1938 im Reich eine neue Bauorganisation, die durch ihren Gründer Fritz Todt ihren Namen erhält und sich in nur kurzer Zeit zu einer kriegswichtigen Organisation für die Infrastruktur, die Verteidigung und die Industrieproduktion in Hitlers Europa entwickelt. Über eine Million Freiwillige, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene erschaffen im Dienste der Organisation Todt gewaltige Bauwerke, die selbst von den Alliierten als das „beeindruckendste Bau-programm seit der römischen Zeit“ bezeichnet werden.[1]

Fritz Todt dient im Ersten Weltkrieg als Flieger der deutschen Luftwaffe und promoviert 1931 an der Hochschule München mit dem Thema „Fehlerquellen beim Bau von Landstraßen aus Teer uns Asphalt“ zum Diplomingenieur. Er tritt der NSDAP bei und leitet ab 1936 das Hauptamt für Technik und wird Fachberater für Straßenbau im Amt für Wirtschafts- und Arbeitsbeschaffung der NSDAP. Todt besitzt eine ausgeprägte Begabung zur organisatorischen Improvisation und versteht es, seine Mitarbeiter zu begeistern. Bis zu seinem mysteriösen Tod im Februar 1942 bleibt er ein treuer Gefolgsmann Hitlers.

Nach seiner Ernennung zum Reichskanzler kündigt Hitler im Februar 1933 ein großzügiges Straßenbauprogramm an, das im Juni des gleichen Jahres von der Reichsregierung als Unternehmen „Reichsautobahnen“ erlassen wird.  Der neue „Generalinspektor für das Straßenwesen“ wird der Ingenieur Todt. Ab 1933 beginnen über hunderttausend Arbeiter den Bau von fast viertausend Kilometer Reichsautobahn und Ende 1938 übernimmt der neue Generalinspekteur für das Straßenwesen auch den strategischen Straßenbau. Todt baut so die Straßen für Hitlers Blitzkriege.

Im Mai 1938 befiehlt Hitler, gegenüber der französischen Maginotlinie ein neues Festungswerk aufzubauen, den „Westwall“. Da die Pioniere der Wehrmacht mit einer solchen Aufgabe überfordert sind, übernimmt Todt mit seiner im Straßenbau gut funktionierenden Organisation die gesamte Ausführung. Um eine straffe Organisation des Bauvorhabens nach militärischen Gesichtspunkten zu gewährleisten, ernennt Todt den SA-Führer Xaver Dorsch zum „Sonderbeauftragten für die kriegsmäßige Führung“. Die Organisation wird für den Krieg vorbereitet.

Im Frühjahr 1942 wird die Organisation nach Todt´s Flugzeugabsturz von Albert Speer übernommen und neu organisiert. Das neue, von Speer geleitete Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion übernimmt die zentrale Planung der Kriegswirtschaft, und aus dem losen Bauverband unter Todt wird unter Speer eine gut organisierte Schaltzentrale zwischen der Wehrmacht und der privaten Bauwirtschaft im Dienste Hitlers: die OT wird zum „Staat im Staat“. Die OT wird neben der SS und der Wehrmacht ein wichtiges Instrument für den Krieg und der Garant für die wirtschaftliche Ausbeutung der besetzten Gebiete in Hitlers Europa. Die Organisation Todt entwickelt sich so während des Zweiten Weltkrieges zu einer Reichsbehörde.

Ein gewaltiger Apparat mit 57.000 Angestellten verwaltet von der OT-Zentrale in Berlin aus acht Jahre lang ein Millionenheer von Arbeitern. Das Personal der OT besteht zunächst aus freiwilligen und dienstverpflichteten deutschen Arbeitern, doch mit dem Beginn des Westfeldzuges werden immer mehr Ausländer angeworben oder zur Arbeit gezwungen. Im Zuge der deutschen Eroberungen werden Hunderttausende von Männern und Frauen vor allem aus Russland, Polen und Frankreich zu sogenannten „Fremdarbeitern“. Deutsche Ingenieure und „germanische Hilfswillige“ arbeiten zusammen mit ausländischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in ganz Europa auf den gleichen Baustellen. Über den Gesamtumfang der OT gibt es jedoch keine genauen Angaben, für die Kriegsperiode 1943/44 erreicht die OT einen Personalstand von 1,4  Millionen Personen.[2]

Bei allen Bauvorhaben sind deutsche und ausländische Firmen beteiligt, die sogenannte „Rahmenverträge“ mit der OT abschließen. Die Verträge enthalten die Übernahme aller für den Unternehmer anfallender Kosten, lediglich die ausländischen Arbeiter werden von den privaten Firmen vergütet. Grundlage der Zusammenarbeit zwischen der OT und den ausländischen Firmen wird der „deutsch-franz-ösische OT-Leistungsvertrag“, der die Preisermittlung dem Bauherrn überlässt. Die Zusammenarbeit mit der OT wird so ein gutes Geschäft.

Mit der Neuordnung durch Speer entstehen im Reichsgebiet und in den besetzten Gebieten selbständig arbeitende Einsatzgruppen der OT. In den skandinavischen Ländern entsteht die Einsatzgruppe Wiking. Anfang 1941 entsteht nach dem Feldzug auf dem Balkan die Einsatzgruppe Südost. Im Russlandfeldzug übernimmt die OT Pionieraufgaben beim Vormarsch der Wehrmacht und die Sicherung das Nachschubwesen im Operationsgebiet. Im Frühjahr 1943 beauftragt Hitler die OT auch mit dem Bau einer Verteidigungslinie gegen die vorrückende Rote Armee, den „Ostwall“. In August 1943 erfolgt die Aufstellung einer Einsatzgruppe in Italien. Im Juni 1944 entstehen schließlich neun OT-Einsatzgruppen im Reich, die den Bau von Luftschutzbunkern für die Zivilbevölkerung und von Unterständen für Flugzeuge übernehmen.

Bereits zu Beginn des Westfeldzuges im Mai 1940 entsteht die OT-Einsatzgruppe West. Ein Dutzend OT-Bauleitungen am Westwall bilden motorisierte „Frontarbeiterkolonnen“, die für die Wehrmacht die Verkehrswege instandsetzen und alle Pionieraufgaben übernehmen. Am 1. Mai 1940 wendet sich Fritz Todt an seine Arbeiter und definiert die Aufgaben der OT beim „Fall Gelb“: „Der Frontarbeiter wird dem Frontsoldaten immer zur Seite stehen. Das sei die Parole der Organisation Todt in dem nun beginnenden Kampf“.[3]

Im Frankreichfeldzug wird zum ersten Mal in der Kriegsgeschichte ein ziviles Ingenieur- und Arbeiterkorps in einem Kampfgebiet  eingesetzt. Über 67 deutsche Firmen mit 20.000 Frontarbeitern folgen mit Lastwagen und Omnibussen der Wehrmacht nach Frankreich. Ende 1941 wird in Paris ein neues Hauptquartier der OT-Einsatzgruppe West eingerichtet. Der Gesamtumfang der OT in den besetzten Westgebieten wird in einem Bericht des britischen Geheimdienstes von 1945 auf bis zu 600.000 Personen geschätzt. Nach Angaben des OT-Leiters Xaver Dorsch waren davon nur 24.000 Mann deutsche Arbeiter.[4]

Der weitaus größere Teil sind Ausländer, die als Freiwillige, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter für die OT-West arbeiten. In Holland sind 60.000 Zivilarbeiter, in Belgien über 50.000 Kriegsgefangene für die Einsatzgruppe tätig.[5] In Frankreich werden bereits im Sommer 1940 die ersten Kriegsgefangenen aus dem Lager Besançon an die Einsatzgruppe West übergeben.[6] Eine weitere Gruppe sind 10.000 französische Juden, denen durch die Vichyregierung die Staatsbürgerschaft aberkannt wird und die als Zwangsarbeiter der OT-West unterstellt werden. Bei Boulogne entstehen ein Dutzend OT-Arbeiterlager, die auch Juden aus Belgien beherbergen. Zahlreiche deutsche Firmen beschäftigen rund 2.000 Juden, die bis zu ihrer Deportation nach Auschwitz im Oktober 1942 Befestigungsanlagen für die Wehrmacht bauen.[7]

Nach Verhandlungen mit der Vichyregierung werden auch 6.000 Jugendliche, die ihren Arbeitsdienst in Lagern („Chantiers de Jeunesse“) ableisten, zur OT überführt. Auch werden ihr weitere 14.000 Juden, Polen, Madegassen und 50.000 französische Arbeiter der staatlichen Baubehörde Pont et Chaussées zur Verfügung gestellt. Aus den Ostgebieten kommen zudem 20.000 russische und polnische Zwangsarbeiterinnen zu der Einsatzgruppe West und arbeiten im Nachrichtenwesen.[8] Schließlich kommen auch französische Strafgefangene zur OT. Außerdem schickt die OT-Zentrale in Berlin ab April 1944 weitere Mannschaften aus „Mischlingen“, d. h. Halb- oder Vierteljuden, zu je hundert Mann nach Frankreich.[9]

Insgesamt entstehen im Bereich der Einsatzgruppe West über 16.000 Befestigungsbauten, elf Schiffsbunker sowie zahlreiche Luftwaffen- und Industriebunker, Öllager und Abschussrampen für Raketen („V1“, „V2“). Allein die OT-West verarbeitet in Frankreich über 16 Millionen Kubikmeter Beton, eine Menge, die dem Betonvolumen von 65 modernen Kernkraftwerken entspricht.[10] Im besetzten Frankreich entwickelt sich die OT neben der NSDAP, der SS und der Wehrmacht zum vierten Pfeiler der Herrschaft Hitlers in Europa.

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[1]  Zitiert nach F. W. Seidler: Die Organisation Todt. Bauen für Staat und Wehrmacht. Bonn 1998, S. 12

[2]  Vgl. F. W. Seidler, S. 146

[3]  Ebd., S. 28

[4]  Vgl. den Bericht des Leiters der OT-Zentrale X. Dorsch für die Historical Division der US Army, in: H. Singer (Hg.): Die Organisation Todt, Osnabrück 1998, S. 458

[5]  Vgl. "Handbook of the Organization Todt", abgedruckt in: H. Singer, S. 177

[6]  Vgl. F. W. Seidler, S. 140 ff.

[7]  Vgl. D. Delmaire: "Les camps de Juifs dans le Nord de la France (1942-1944)", in: MEMOR (Mémoire de l'Occupation et de la résistance en zone interdite) Bulletin d'information  Nr. 8, Villeneuve d'Ascq 1987, S. 47-65

[8]  Vgl. "Handbook of the Organization Todt", in: H. Singer, S. 166.

[9]  Vgl. F. W. Seidler, S.131

[10]  Vergleich von F. W. Seidler, S. 51