Peter Gaida

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Magisterarbeit : Zwangsarbeiter für Hitler und Pétain. Der Atlantikwall in  Südwestfrankreich 1940-1944

 

Einführung

1. Frankreich in Hitlers Europa

2. Das besetzte Frankreich

3. Die Kollaboration der französischen Industrie

4. Die « Festung Europa »  

5. Die "Organisation Todt"

6. Aquitanien unter deutscher Besatzung

7. Bordeaux, strategische Stadt des Dritten Reiches

8. Der U-Bootbunker von Bordeaux 

9. Die « Rotspanier » der OT

10. Die Festung "Gironde-Süd"

Bilanz

 

 

Die spanischen Zwangsarbeiter der OT

 

Der Grossteil der von der Organisation Todt beim Bau des U-Bootbunkers in Bordeaux eingesetzten Arbeitskräfte sind republikanische Flüchtlinge aus Spanien, die das Vichy-Regime den deutschen Besatzungsbehörden übergibt.

Spanien stürzt in den dreißiger Jahren in eine politische Krise: Die Politik erlebt eine Polarisierung zwischen einer konservativen Nationalfront und einer sozialrevolutionären Volksfront. Die Volksfront gewinnt im Februar 1936 die Wahlen und leitet drastische Boden- und Kirchenreformen ein, die einen Armeeputsch unter General Franco in Marokko zur Folge haben. Franco landet mit afrikanischen Kolonialtruppen in Spanien und bekämpft die sozialrevolutionären Bewegungen in einem drei Jahre dauernden Bürgerkrieg (1936-1939).

Nach dem Fall Barcelonas im Januar 1939, dem Zentrum der anarchistischen Revolution in Spanien, kommt es zu einer ersten Massenflucht spanischer Republikaner und der Internationalen Brigaden über die Pyrenäen nach Frankreich. Im Mai 1939 sind 440.000 spanische Flüchtlinge, darunter 200.000 republiktreue Soldaten, 170.000 Frauen, Kinder und Alte. In den folgenden zwei Jahren flüchten über eine halbe Million Männern, Frauen und Kindern vor dem Franco-Regime nach Frankreich.[1]

Um die Flüchtlingswellen von zu beherbergen, errichtet die französische Regierung bereits im Frühling 1939 zahlreiche Auffanglager, unter anderem in Vernet, Rivesaltes, Septfonds und Gurs.[2] In den zeitweise fast hundert behelfsmäßigen Auffanglagern bleiben die Haftbedingungen während der gesamten Besatzungszeit von dem Wohlwollen der französischen Behörden abhängig: die Flüchtlinge leiden an Krankheiten und Unterernährung, die Lagerlazarette sind überfüllt, und im Lager Catus essen die Flüchtlinge sogar Gras.[3]

Mit der deutschen Besetzung im Juni 1940 und der Machtergreifung Pétains werden die spanischen Flüchtlinge das Opfer von systematischer Verfolgung, Deportation und Zwangsarbeit durch das Vichy-Regime. Im Februar 1941 erfolgt in Montpellier ein Treffen zwischen Pétain und Franco, bei dem eine Liste mit 800 Namen spanischer Republikaner den französischen Behörden übergeben wird. Der deutsche Sicherheitsdienst und die französische Polizei nehmen daraufhin zahlreiche Verhaftungen vor, der Präsident der katalanischen Republik wird an Franco ausgeliefert und in Spanien exekutiert.[4]

Der weitaus größere Teil der spanischen Flüchtlinge bleibt jedoch in Frankreich und dient dem Vichy-Regime als billige Arbeitskraft, um die in Deutschland internierten französischen Kriegsgefangenen zu ersetzen. Das Vichy-Regime bedient sich der Flüchtlingslager, um ein eigenes System mit Sammel-, Internierungs-, Transit- und Krankenlagern aufzubauen, in denen neben den spanischen Flüchtlingen nun auch Ausländer, Kommunisten, Freimaurer, Juden und andere „unerwünschte“ Personengruppen wie z. B. Sinti und Roma interniert werden.[5] Die Menschen, die in Frankreich Zuflucht vor Franco und Hitler gesucht haben, werden nun das Opfer der ausländerfeindlichen und antisemitischen Politik des Vichy-Regimes.

Im September 1940 wandelt das Vichy-Regime die militärischen Arbeitskompanien zu zivilen Zwangsarbeitsgruppen um, den Groupes des Travailleurs Etrangers (G.T.E.). Rund 300 dieser Arbeitsgruppen mit Spaniern, aber auch Juden aus dem Reich und ausländischen Kriegsfreiwilligen werden nun kostenlos der Wirtschaft zur Verfügung gestellt. Das Vichy-Regime unterstellt alle Arbeitsgruppen dem Innenministerium, das einen speziellen „Inspektionsdienst für ausländische Formationen“ einrichtet. Die französische Armee übernimmt die Bewachung, die Präfekten sorgen für die Betreuung. Rund 70.000 Spanier arbeiten so vier Jahre lang in der unbesetzten Zone in der Landwirtschaft, in Bergwerken und in Betrieben für das Vichy-Regime.[6]

Ab 1941 werden die G.T.E. auch der deutschen Besatzungsmacht übergeben. Der Einsatz der Spanier beim Bau der U-Bootbunker am Atlantik erfolgt auf Initiative des Vichy-Regimes: Mit dem Beginn der „Sauckel-Aktionen“ übergibt das Vichy-Regime die spanischen Flüchtlinge den deutschen Besatzungsbehörden zum Arbeitseinsatz, in der Hoffnung, für jeden Spanier einen Franzosen einsparen zu können. Die Spanier landen so bei der Organisation Todt und arbeiten auf den Baustellen der U-Bootbunker in Cherbourg, Lorient, La Rochelle, St. Nazaire und in Bordeaux.[7]

Die Spanier, die bei Organisation Todt zum Einsatz kommen, werden nach ihrer politischen Haltung in zwei Gruppen teilt: Die mit dem Franco-Regime sympathisierenden Spanier werden bei der OT für den Transport eingesetzt („Transportspanier“) und genießen als reguläre Angestellte eine relativ gute Behandlung. Häufig kommen sie freiwillig zur OT, um dem Elend der Lager zu entgehen. Die republiktreuen Soldaten, Kommunisten und Anarchisten, die sogenannten „Rotspanier“, werden dagegen als Zwangsarbeiter eingestuft und arbeiten kostenlos für die OT.[8]

Im Januar 1943 äußert sich Hitler wohlwollend über den Einsatz der Spanier bei der OT, als die Wehrmacht ihren Einsatz in Italien verlangt, besteht Hitler auf ihren Verbleib in Frankreich. Er wünscht, dass alle „Rotspanier“ bei der OT eingesetzt werden und eine gute Behandlung in den OT-Lagern erfahren. Doch angesichts ihrer republikanischen Haltung im Spanischen Bürgerkrieg fügt er hinzu: „Eine weltanschauliche gute Behandlung kann dabei nicht schaden“.[9]

Wie die weltanschauliche Behandlung aussieht, bekommen die spanischen Arbeiter durch die deutschen Besatzer schnell zu spüren. Eine spanische Arbeitsgruppe in dem Departement Landes z. B. wird von der Wehrmacht auf brutale Weise eingeschüchtert: Jeden Morgen müssen die Männer eine Scheinexekution über sich ergehen lassen, danach folgt die Warnung des deutschen Offiziers, dass für jeden Flüchtigen zehn seiner Kameraden erschossen werden.[10]

Auch die französischen Kolonialtruppen dienen mit dem Beginn der Besatzung als billige Manövriermasse für den Arbeitseinsatz. Sie übernehmen Aufgaben im Straßenbau, um Verkehrsverbindungen an die Küste zu schaffen, oder sie werden in der Landwirtschaft als Erntehelfer eingesetzt. Allein im Nordwesten Frankreich sind über 30.000 französische Kolonialtruppen in Stalags interniert und arbeiten vier Jahre lang für die Bedürfnisse der Besatzungsmacht.[11]

In der ganzen Region entstehen in den vier Jahren zahlreiche Arbeiterlager der Organisation Todt. Direkt an der Baustelle des U-Boobunkers entsteht das OT-Lager „Lindemann“; im Stadtteil Bouscat, in der Nähe der Baustelle des U-Bootbunkers, einsteht ein anderes Arbeiterlager, [12] zwei weitere OT-Arbeiterlager werden in den Vororten Blanquefort und Floirac eingerichtet. Um die rund 3.000 deutschen, französischen und ausländischen Arbeiter zu beherbergen, die mit ihren Firmen zu den Baustellen an die Küste strömen, werden in dem Küstenort Soulac insgesamt vier OT-Arbeiterlager angelegt.[13]

Anfang 1944 entsteht bei Soulac auch ein Zwangsarbeiterlager für Arbeitsverweigerer. Nach einer Besichtigung der Bauarbeiten durch Feldmarschall Rommel beantragt die örtliche Bauleitung bei der Feldkommandantur in Bordeaux die Übergabe zusätzlicher Arbeitskräfte für den Ausbau der Festung „Gironde-Süd“. Rund 120 Mann werden daraufhin in das neue Lager bei Soulac verlegt. Das OT-Lager besteht aus einfachen Holzbaracken ohne Wasser und Strom, die Männer schlafen auf dem Boden und arbeiten 12 Stunden pro Tag. Das Lager erhält den Namen „das Paradies“.[14]

Die Insassen des OT-Zwangsarbeiterlagers „das Paradies“ stammen alle aus einem französischen Internierungslager  bei Bordeaux. Seine Insassen dienen bald darauf auch als Geiseln. Als am 21. Oktober in Bordeaux ein Angehöriger der Militärverwaltung auf offener Strasse erschossen werden, wird der von Hitler erlassene „Geiselkode“ erstmals angewendet. Am 24. Oktober werden die ersten fünfzig Kommunisten aus dem Internierungslager abgeholt und in einem deutschen Militärlager bei dem Ort Souge erschossen.

Das Militärlager in Souge wird so in den folgenden drei Jahren der Schauplatz der deutschen Exekutionen in Bordeaux. Neben der Geiselerschießung im Oktober 1941 erfolgen bis August 1944 rund 30 weitere Exekutionen, am 28. Juli 1942 werden 70, am 11. Januar 1944 weitere 20 Geiseln erschossen. Die Opfer sind vor allem französische Kommunisten, aber auch Polen, Juden und vermutlich auch „Rotspanier. Insgesamt werden von der Wehrmacht allein in Souge mindestens 330 Personen, im Raum Bordeaux insgesamt 806 als „Geiseln“ erschossen.[15]

Zeitweise beherbergt das Lager in Souge nach Aussagen eines Zeitzeugen auch „Rotspanier“, die beim Bau des U-Bootbunkers eingesetzt werden. Der Transport zur Baustelle erfolgt mit Güterwaggons, nach der Arbeit müssen die Arbeiter im Freien auf die Essenausgabe warten, die bis in den späten Abend andauert. Das Leben im Lager ist streng reglementiert, die Ernährung ist schlecht und die Behandlung durch die meist flämischen OT-Schutzkommandos besonders brutal. Der morgendliche Lageralltag beginnt mit brutaler Härte: Die Wächter verabreichen den schlafenden Arbeitern Schläge auf den Bauch, um sie zu wecken. In den zwei Jahren, in denen die „Rotspanier“ von der OT beim Bau des U-Bootbunkers eingesetzt werden, finden 68 von ihnen auf ungeklärte Weise den Tod.[16]

Nach der Fertigstellung des U-Bootbunkers werden die „Rotspanier“ beim Bau des Schleusenbunkers in Bordeaux eingesetzt oder auf die Baustellen des Atlantikwalls in Aquitanien verteilt.


[1]    Übersicht der Flüchtlingswellen  bei G. Dreyfus-Armand / E. Temime: Les camps sur la plage: un exil espagnol. Paris 1995, S. 134

[2] Zu den einzelnen Lagern im unbesetzten Frankreich  M.-L. Cohen/E. Malo: Les Camps du Sud-Quest de la France. 1939-1944. Exclusion, internement et déportation. Toulouse 1994

[3] Vgl. L. Stein: Par-delà l'exil et la mort: Les républicains espagnols en France. Ligugé 1981, S. 185

[4]  Vgl. M.-C. Rafaneau-Boj : Odyssée pour la liberté: les camps de prisonniers espagnols 1939-1945. Paris 1993 , S. 173 f.

[5]  Ein Überblick des Lagersystems und der GTE des Vichy-Regimes bei Ch. Eggers, in: Le Monde Juif,  no. 53, 1995, S. 73-75

[6]  Ebd., S. 21.

[7]  Vgl. M.-L. Cohen/E. Malo : Les Camps du Sud-Quest de la France 1939-1944. Exclusion, internement et déportation. Toulouse 1994, S. 32

[8]  Vgl. "Handbook of the Organization Todt", in: H. Singer, S. 178

[9]   Zitiert nach F. W. Seidler, S. 141

[10]   Vgl. L. Stein , S. 186

[11]   BA/MA Freiburg, Lagebericht vom 20. März 1941. Ende 1944 interessiert sich die Waffen-SS für die afrikanischen Kolonialtruppen, um sie in eine freiwillige "Arabische Legion" zu integrieren oder gegen den Widerstand in Frankreich einzusetzen, doch die Räumung Frankreichs beendet die Pläne. Vgl. E. Jäckel (Anm. 3), S. 302

[12]  Ebd.,  Schreiben des Regionalpräfekten an die die Feldkommandantur 529 vom 19. August 1944

[13]  Vgl. die Publikation der Société historique du Sud-Quest: "La Forteresse Gironde-Sud". Hors série, Januar 1999, S. 125

[14]  Ebd. S. 71

[15]  Zahlen nach Ch. Dabitch : Bordeaux: 50 otages: un assassinat politique. Questions de mémoire 1940-1944. Montreuil-Bellay 1999, S. 34

[16] Angaben des ehemaligen spanischen OT-Zwangsarbeiters P. Sevilla in einem Gespräch mit dem Verfasser im August 1999. Die Einsicht in Akten über das Lager in Souge wurde dem Verfasser von den Archives Départementales de la Gironde mit der Begründung des Personenschutzes leider nicht gestattet.