Peter Gaida

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Magisterarbeit : Zwangsarbeiter für Hitler und Pétain. Der Atlantikwall in  Südwestfrankreich 1940-1944

 

Einführung

1. Frankreich in Hitlers Europa

2. Das besetzte Frankreich

3. Die Kollaboration der französischen Industrie

4. Die « Festung Europa »  

5. Die "Organisation Todt"

6. Aquitanien unter deutscher Besatzung

7. Bordeaux, strategische Stadt des Dritten Reiches

8. Der U-Bootbunker von Bordeaux 

9. Die « Rotspanier » der OT

10. Die Festung "Gironde-Süd"

Bilanz

 

 

Die  Kollaboration der französischen Wirtschaft

 

Mit der Besetzung Frankreichs fällt dem Nazi-Regime eine der bedeutendsten Industriemächte der Welt in die Hände, die über eine hochentwickelte Industrie, ein finanzkräftiges Kapital und eine qualifizierte Arbeiterschaft verfügt. Die französische Wirtschaft wird für das Nazi-Regime die Perle in Hitlers Europa, die neben der finanziellen auch die wirtschaftliche und soziale Hauptlast aller besetzten Westgebiete zur deutschen Kriegswirtschaft trägt.

Zum Zeitpunkt der französischen Niederlage läuft die für den Krieg mobilisierte französische Industrie auf Hochtouren. Mit dem Waffenstillstand, der „Ausräumung“ und der Massenflucht der Bevölkerung aus der besetzten Zone entsteht eine katastrophale Lage, in der die Kollaboration mit dem Reich die einzige Möglichkeit bleibt, um ein wirtschaftliches und soziales Chaos zu vermeiden. Angesichts der deutschen Blitzkriegserfolge setzen die französischen Wirtschaftskapitäne auf einem deutschen Endsieg und versuchen ihre zukünftige Position in der neuen Wirtschaftsordnung Europas vorzubereiten. Das Vichy-Regime wird dabei durch seine Forderung nach deutschen Gegenleistungen im deutsch-französischen Warenverkehr lediglich zum „fünften Rad am Wagen“.[1]

Der Auftakt der deutsch-französischen Wirtschaftskollaboration wird die sogenannte „Auftragsverlagerung“. Im Herbst 1940 veranlasst Reichsmarschall Göring, Beauftragter für den Vierjahresplan, aus Mangel an Rohstoffen und Arbeitskräften im Reich die Verlagerung von Aufträgen in die besetzten Gebiete. Um noch weitere Industrien für die deutsche Kriegswirtschaft zu gewinnen, stellen die Besatzungsbehörden auf einer Industrie- und Technikmesse in Paris von Februar bis Oktober 1941 deutsche Produkte aus, deren Herstellung in Frankreich erwünscht ist. Die wird ein voller Erfolg: Rund 80 Prozent der deutschen Produkte finden einen französischen Produzenten.[2]

Frankreich wird so zum wichtigsten Außenhandelspartner für das deutsche Reich. Die von der ZAST an französische Firmen erteilten Aufträge überschreiten in manchen Branchen sogar den Produktionsstand der Vorkriegszeit. Von Oktober 1940 bis April 1944 vergibt die Wehrmacht Aufträge im Wert von rund 23 Milliarden Reichsmark an rund 3.600 französische Fertigungsstätten.[3] In den vier Jahren der deutschen Besatzung arbeiten die französische Flugzeug- und die Stahlindustrie zu 100 Prozent, die Schiffsbau-, die Automobil- und die Bauindustrie zu 80 Prozent für die deutsche Kriegswirtschaft (siehe Anhang, Tab. 3).[4] Frankreich wird so die verlängerte Werkbank des Dritten Reiches.

Doch das deutsche Interesse an der französischen Wirtschaft beschränkt sich nicht nur auf die Verlagerung der Industrieproduktion, sondern erstreckt sich auch auf die französischen Industriebeteiligungen in ganz Europa. Für die französischen Banken und Großkonzerne wird der Verkauf von Auslandsaktien eine profitable Gelegenheit, die der deutschen Kriegswirtschaft wiederum die Kontrolle wichtiger Rohstoffvorkommen in Europa sichert.

Eine gewisse Brisanz birgt der Fall der Degesch AG, der „Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfungsmittel“. Diese Tochtergesellschaft der IG Farben für die Herstellung von Zyklon B gründet mit der französischen elektrochemischen Firma Ugine ein Gemeinschaftsunternehmen, die Durferrit-Sofumi, um in Frankreich Insektizide herzustellen. Der deutsch-französischen Gesellschaft gelingt es, ihr Stammkapital in nur drei Jahren zu verdreifachen, ohne dass der Bedarf an Insektiziden in Frankreich wesentlich ansteigt. So stellt die französische Historikerin A. Lacroix-Riz zurecht die Frage, inwieweit französische Firmen auch Schädlingsbekämpfungsmittel ins Reich geliefert haben, die für die „Endlösung der Judenfrage“ gedient haben könnten.[5]

In der französischen Bauindustrie dagegen herrscht zu Beginn der deutschen Besatzung die Angst um den Verlust der Eigenständigkeit und des Materials. Die Atlantikküsten Frankreichs werden schnell wichtige strategische Zonen, in denen die Organisation Todt die Errichtung von Küstenstellungen für die Landung in England vorbereitet und dazu die erforderlichen Mittel beschlagnahmt. Die Organisation Todt übernimmt auch die Kontrolle der Zementverteilung im besetzten Frankreich und beansprucht 75 Prozent der Produktion für ihre Zwecke. Um zu überleben, wird die OT der wichtigste Partner die französische Bauindustrie.

Bis 1942 erfolgt die deutsch-französische Zusammenarbeit in der Baubranche jedoch ausschließlich freiwillig. Die Wehrmacht und die Organisation Todt arbeiten zunächst mit deutschen Firmen wie der Straßenbau AG, der Philip Holzmann AG, doch bald beginnen die deutschen Firmen französische Subunternehmer zu beauftragen. Ab Mai 1942 werden schließlich alle Bauvorhaben in der besetzten Zone, die 5.000 Reichsmark übersteigen, durch die Militärverwaltung genehmigungspflichtig. Damit übernimmt die deutsche Besatzungsmacht die Kontrolle über die Bauwirtschaft.

Ein illustres Beispiel der freiwilligen Kollaboration in der französischen Bauindustrie ist die fünftgrößte Baufirma des Landes, das Familienunternehmen Sainrapt + Brice (S + B), das für staatliche Unternehmen wie die französische Eisenbahngesellschaft SNCF arbeitet. Unter der Leitung von P. Brice, einem brillanten Ingenieur mit fundierten Kenntnissen in der Betonverarbeitung, gelingt es dem Unternehmen, sein Kapital in nur vier Jahren zu verdreizehnfachen: Aus 150.000 Reichsmark Stammkapital im Februar 1940 werden bis zum Juni 1944 rund zwei Millionen Reichsmark. Bei einem Umsatz von 45 Millionen erwirtschaftet S + B in vier Jahren durch den Bau von unterirdischen Depots, Geschütz- und Mannschaftsbunkern des Atlantikwalls einen Gewinn von 14 Millionen Reichsmark.[6] Für S + B ist der Atlantikwall ein gutes Geschäft.

Insgesamt sind die Gewinne der französischen Baufirmen erheblich: Nach einer Studie der Gewerkschaft C.G.T. aus dem Jahre 1948 über die Umsätze von 344 Baufirmen während der Besatzungszeit können 153 Firmen ihren Umsatz im Vergleich zur Vorkriegszeit um 50 Prozent, 85 sogar um 100 Prozent steigern, und 36 Firmen vervielfachen ihrem Umsatz um 200 Prozent. Das Gesamtvolumen der Bauarbeiten französischer Firmen am Atlantikwall wird auf 800 Millionen Reichsmark geschätzt.[7]

Der Bau des Atlantikwalls wird aber nicht nur für die etablierten Firmen, sondern auch für windige Profiteure ein gutes Geschäft. Die Bauindustrie erlebt einen wahren Boom mit den meisten Neugründungen von Unternehmen während der gesamten Besatzungszeit. Neben den etablierten Baufirmen schießen kleine Baufirmen wie Pilze aus dem Boden, um von den vielversprechenden Bauaktivitäten der deutschen Besatzungsmacht zu profitieren.[8]

Auch die französischen Arbeiter strömen zu den deutschen Baustellen am Atlantikwall, um dem „Reichseinsatz“ in Deutschland zu entgegen. Ende 1944 beschäftigt allein die Bauindustrie über ein Drittel aller Erwerbstätigen, die für die Besatzungsmacht arbeiten.[9] Bei Engpässen übernimmt der Generalbeauftragte für den Arbeitseinsatz die Zuweisung von Zwangsarbeitern an die OT. In einem Brief an Hitler rühmt sich Sauckel, die Organisation Todt „laufend mit neuen Arbeitskräften versehen zu haben (…), um die Durchführung des Atlantikwalls ermöglichen zu helfen“.[10]

Der Atlantikwall wird laut dem englischen Wirtschaftshistoriker Alan S. Milward das bei weitem „größte Bauvorhaben der französischen Volkswirtschaft“.[11] Allein im Jahre 1943/44 überweist das Reichsministerium 900 Mill. Reichsmark an die OT und weitere 717 Mill. Reichsmark an die Kriegsmarine aus den Besatzungskostenfonds, um die an den Befestigungebauten beteiligten Firmen zu bezahlen.[12] Öffentliche Gelder verschwinden so auf privaten Konten französischer Bauunternehmer und die französische Gesellschaft wird so der Zahlmeister des Atlantikwalls, während die Bauindustrie die einmalige Gelegenheit nutzt, sich durch eine enge Kollaboration mit der Organisation Todt beim Bau der „Festung Europa“ zu bereichern.

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[1]   Vgl. A. Lacroix-Riz: "Les élites françaises et la collaboration économique", in: Le Monde juif, No. 159 Janvier-avril 1997,  S. 17

[2]   Vgl. Ph. Burrin : La France à l'heure allemande 1940-1944. Paris 1995,  S. 252 f.

[3]   Zahlen bei L. Nestler, S. 69 f.

[4]   Zahlen nach IMT: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem internationalen Militärgerichtshof (IMT), 44 Bände, Nürnberg 1949, hier: Bd. 23, Dok. 515-F, S. 255 ff.

[5]   Vgl. A. Lacroix-Riz,, S. 89

[6]   Ebd., S. 158. Umrechnungen zum Kurs von 1 RM : 20 FF

[7]   Zahlen bei R. Desquesnes: Atlantikwall et Südwall.  (Diss.) Caen 1986, Band 2, Dokument Nr. 77, S. 96.

[8]   Vgl. R. Rochebrune/ J.-C. Hazera, S. 149ff.

[9]   Ebda, S. 157

[10]   Zitiert nach IMT,  Bd. 26,  Dok. 556(33)-PS, S. 510

[11]   Zitat von A. Milward: The New Order and the French Economy. 1970, S. 278

[12]   Zahlen bei F. W. Seidler, S. 47