Peter Gaida

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Magisterarbeit : Zwangsarbeiter für Hitler und Pétain. Der Atlantikwall in  Südwestfrankreich 1940-1944

 

Einführung

1. Frankreich in Hitlers Europa

2. Das besetzte Frankreich

3. Die Kollaboration der französischen Industrie

4. Die « Festung Europa »  

5. Die "Organisation Todt"

6. Aquitanien unter deutscher Besatzung

7. Bordeaux, strategische Stadt des Dritten Reiches

8. Der U-Bootbunker von Bordeaux 

9. Die « Rotspanier » der OT

10. Die Festung "Gironde-Süd"

Bilanz

 

 

Die Festung "Gironde-Süd"

Der Atlantikwall an den Küsten Aquitaniens erstreckt sich über rund 260 km von der Mündung der Gironde über kilometerlange Sandstrände bis zur schroffen Felsküste im Baskenland. Da die Küste nur über wenige Häfen verfügt und der größte Teil aus Sanddünen, großen Seen und dichten Waldgebieten besteht, kommt sie für eine alliierte Invasion kaum infrage und wird von der Wehrmacht nur schwach befestigt. Lediglich die Hafenorte Bayonne, Saint Jean-de-Luz, die  Bucht von Arcachon und die Mündung der Gironde werden zu „Verteidigungsbereichen“ ausgebaut.

Zu Beginn der Besatzungszeit erfolgen die Befestigungsarbeiten am Atlantikwall in Aquitanien mit freiwilligen Baufirmen, die über die OT mit der Kriegsmarine, der Luftwaffe und dem Heer eigenständige Bauaufträge abschließen. Allein für den Bau der Bunker an der Mündung der Gironde eröffnen über ein Dutzend deutscher Baufirmen ihre Zweigstellen bei der zuständigen OT-Bauleitung in Soulac. Neben den deutschen eröffnen auch fünf französische und eine belgische Baufirma ihre Zweigstellen in dem Verteidigungsbereich der Gironde.[1]

Und auch bei der Personalbeschaffung bleibt die Besatzungsmacht auf die Hilfe des Vichy-Regimes angewiesen. Ab Oktober 1942 beginnt die Zwangsrekrutierung französischer Arbeitskräfte, da die deutschen OT-Arbeiter an andere Kriegschauplätze versetzt werden. Zunächst betrifft der neu eingeführte Arbeitsdienst (STO) nur Bauarbeiter und Arbeitslose aus Betrieben, die durch die französischen Behörden geschlossen wurden. Die Bürgermeister werden mit der Auswahl der Personen beauftragt und angehalten, kinderreiche Familien zu berücksichtigen und auf die hohen Löhne bei der OT hinzuweisen, zudem werden die anfallenden Reisekosten für die Arbeiter von den französischen Behörden rückerstattet.[2] Die Arbeiter werden so in schweren Kriegszeiten mit Geld zur OT geködert.

Ende 1943 vereinbaren der Generalbeauftragte für den Arbeitseinsatz Sauckel und der französische Arbeitsminister, der OT ein Kontingent von 33.000 Arbeitern aus der besetzten Zone zur Verfügung zu stellen. Im Herbst 1943 wird der Präfekt des Departements Gironde vom französischen Arbeitsministerium aufgefordert, 1.500 Landwirte der OT-Oberbauleitung Bordeaux zur Verfügung zu stellen, weitere 200 Mann sollen aus dem Departement Landes an überführt werden. Das gesamte Kontingent soll aus dem Jahrgang 1923 zusammengestellt werden, und die Präfekten teilen den Bürgermeistern mit, dass alle Männer des Jahrganges namentlich erfasst werden müssen.[3] Die Präfekturen übernehmen so die Verwaltung des Arbeitsdienstes für die Organisation Todt.

Anfang 1944 arbeitet in manchen Kommunen die männliche Bevölkerung zwischen 16 und 60 Jahren zu 90 Prozent am Atlantikwall. Die Belegschaften rekrutieren sich nun ausschließlich aus Einheimischen, in Saint Jean-de-Luz beispielsweise bleiben von fünfzig deutschen OT-Arbeitern nur einer auf der Baustelle, der Rest, rund 250 Mann, sind Franzosen.[4] Die Aufgabe der OT reduziert lediglich auf die Bauleitung, im Departement Gironde übernehmen sogar französische Buchhalter die Verwaltung der OT-Baustellen.[5]

Im August 1944 arbeiten 15.000 Personen auf den Küstenbaustellen des Atlantikwalls in Aquitanien. Mehr als die Hälfte davon sind Ausländer: achttausend spanische Zwangsarbeiter, eintausend nordafrikanische Kriegsgefangene und eine unbekannte Anzahl an senegalesischen Kriegsgefangenen. Der Rest sind dienstverpflichtete Franzosen: Zweitausend französische Arbeiter im Baskenland, viertausend in den Landes und in Gironde.[6] In ganz Aquitanien beschäftigt die OT 35.000, die Kriegsmarine 10.000 und die Luftwaffe 3.000 Arbeiter, weitere 1.000 sind in Bayonne mit Bauarbeiten für die Wehrmacht beschäftigt.[7] Berücksichtigt man die Zulieferbetriebe des Atlantikwalls, arbeiten 49.000 französische Arbeiter in Aquitanien auf Baustellen und in Betrieben der Besatzungsmacht. Insgesamt sind mindestens 60.000 Arbeiter und Gefangene im Einsatz, um für die deutsche Armee an den Stränden Aquitaniens Bunker zu errichten.

Die Bewachung der Baustellen übernimmt die Wehrmacht. Drei Infanteriedivisionen mit älteren und schlecht bewaffneten Reservetruppen besetzen die Küstenorte und die Widerstandsnester am Strand, fünf spezielle Artilleriegruppen der Marine und des Heeres übernehmen die Bedienung der schweren Geschütze. Zwei weitere Artilleriegruppen mit mobilen, meist von Pferden bewegten Geschützbatterien stehen im Hinterland an der wenig ausgebauten Rückzugslinie. Insgesamt steht am Strand eine Truppe mit ca. 14.000 Mann, um den Atlantikwall in Aquitanien zu bewachen.[8]

Mitte 1943 werden die Küstendivisionen mit neuen Truppen verstärkt: Fünf weitere Festungskompanien mit Waffen aus dem Ersten Weltkrieg und ein Regiment der Indischen Legion, die nach ihrer Gefangennahme in Nordafrika in das deutsche Lager übergelaufen sind, übernehmen die Bewachung eines bislang schwach besetzten Küstenabschnitts. Für ein paar Monate sind auch russische Freiwillige der Ostlegion, drei Kosakenbataillone, polnische Freiwillige der Waffen-SS und ein Bataillon Wolgadeutscher im Küstenhinterland stationiert. Häufig sprechen die russischen Söldner kein Wort deutsch, und um die Moral ist es nicht gut bestellt: Im Juni 1944 verzeichnen die Ostbataillone in Aquitanien fünf Selbstmorde. Angesichts einer möglichen Auslieferung an Stalin nach dem Krieg ziehen die Russen den Freitod vor.[9]

Der Feindkontakt dieser „bunten“ Truppe am Atlantikwall in Aquitanien begrenzt sich neben Luftangriffen auf wenige Kampfhandlungen. Im April 1942 starten die Alliierten das Unternehmen „Myrmidon“: Ziel des Unternehmens ist die Zerstörung einiger Fabriken sowie der Hafenanlagen in Bayonne, dessen Hafen einen regen Verkehr mit Spanien betreibt.

Ein englisches Kommando mit 3.000 Mann versucht in der Nacht zum 2. April am Strand von Bayonne zu landen, doch die Aktion muss wegen zu hohem Wellengang abgebrochen werden. Kurz darauf werden die alliierten Begleitschiffe vom deutschem Küstenschutz entdeckt und liefern sich ein kurzes Kanonenduell. Die Küstenartillerie des Atlantikwalls erwidert das Feuer, trifft die englischen Schiffe jedoch nicht ein einziges Mal.. Die Alliierten brechen die Landung ab und kehren ohne Störungen nach England zurück. Nach diesem Landungsversuch werden die Befestigungsbauten in diesem Bereich verdoppelt, und die Kriegsmarine verlegt in den Häfen Fangnetze, um wenigstens die Einfahrt von feindlichen Schiffen zu unterbinden.[10]

Zur Beherbergung der Waffen und Mannschaften baut die OT in Aquitanien eine dichte Kette von Stellungen mit rund 700 Bunkern und über 200 Artilleriewaffen. Im Juni 1944 sind noch 129 Bunker im Bau.[11] Die Struktur des Atlantikwalls in Aquitanien setzt sich aus Widerstandsnestern und aus Stützpunkten zusammen, die zu „Stützpunktgruppen“ zusammengefasst werden. Allein drei der insgesamt vier Stützpunktgruppen in der gesamten Region entstehen an der baskischen Küste.

Das Ende des Atlantikwalls in Aquitanien bildet die mehrere Kilometer breite Mündung der Gironde, deren Ufer zu einem Verteidigungsbereich, der Festung „Gironde-Süd“ ausgebaut wird. In der Führerweisung Nr. 50 befiehlt Hitler, alle Flussmündungen zu starken „Verteidigungsbereichen“ auszubauen, um sie gegen einen alliierte Invasion zu sichern. Im Januar 1944 erklärt Hitler einige Verteidigungsbereiche zu „Festungen“, die „bis zur letzten Patrone“ verteidigt werden müssen.[12] Auf der Landzunge zwischen dem Atlantik und der Gironde entsteht so auf einer Fläche von 170 km² die Festung „Gironde-Süd“.

Die Ausbauarbeiten der Landzunge zu einer Festung beginnen im August 1942. Die Oberbauleitung der OT in Bordeaux eröffnet im Küstenort Soulac eine Zweigstelle in einem Hotel. Zweihundert deutsche OT-Angehörige übernehmen die Leitung der deutschen, französischen und belgischen Firmen, die mit den Bauarbeiten beauftragt werden. In zwei Jahren baut die OT mit Hilfe von 3.000 französischen Arbeitern auf der Landspitze über hundert Stützpunkte und Widerstandsnester mit über hundert Artilleriewaffen.[13]

Der Verteidigungsbereich wird wie eine kleine Stadt mit allen wichtigen Einrichtungen versehen. Die OT baut auf der Landzunge für Mensch und Material insgesamt 172 Bunker, weitere 10 sind im Juni 1944 noch im Bau.[14] Ein Telefonkabelnetz ermöglicht die Kommunikation, und eine Radiostation sorgt für Unterhaltung. Für das leibliche Wohl der Mannschaften sorgen eine eigene Bäckerei, ein Schlachthof und eine Nudelfabrik, eine spezielle Landwirtschaftskompanie betreibt auch drei Bauerhöfe. Die Festung beherbergt ein Lazarett mit einem Operationssaal, eine Waffenschmiede, ein Sägewerk, ein Fuhrpark und sogar ein Chemielabor, um aus Wein reinen Alkohol zu destillieren.[15]

Als die deutsche Wehrmacht im Juni 1944 den Südwesten Frankreichs räumt, ziehen sich am 24. August rund 4.000 deutsche Soldaten mit Vorrat für zwei Monate in die Festung „Gironde-Süd“ zurück. Als die alliierten Truppen im September 1944 die Reichsgrenze erreichen, werden die isolierten Festungen an der Atlantikküste die letzten deutschen Bastionen in Frankreich.[16]

Erst im Frühjahr 1945 starten die französischen Streitkräfte die Operation „Médoc“, den Angriff auf die Festungen an der Mündung der Gironde. Am 18. April erfolgt der Angriff auf die Festung „Gironde-Süd“: Um die starke Verteidigung der deutschen Artillerie zu brechen, wird der Angriff auf den Hauptwiderstandslinie von einer Bombardierung begleitet, bei der die amerikanische Luftwaffe auch Napalm einsetzt. Nach schweren Kämpfen erreichen die französischen Streitkräfte das Zentrum der Festung, und am 19. April 1945 ergeben sich schließlich die deutschen Verteidiger der Festung.

Knapp zwei Wochen vor der deutschen Gesamtkapitulation im Mai 1945 ist der „Kessel von Médoc“ gestürmt, und Aquitanien befreit sich aus eigener Hand von der deutschen Besatzung.

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[1]  Vgl. Société historique du Sud-Quest, S. 126

[2]  Vgl. F. Sallaberry, S. 143, Rundschreiben des Unterpräfekten von Bayonne an die Bürgermeister des Verwaltungsbezirks Basses-Pyrénées vom 9. Oktober 1942.

[3]  AD Gironde, Signatur "VRAC 365", "Requisition pour OT Januar 1944", Schreiben des Militärbefehlshabers an die Generalkommission für den Arbeitseinsatz vom 8. Januar 1944

[4]  Vgl.  F. Sallaberry, S. 68

[5]  AD Gironde,  Signatur "VRAC 333", "Recrutement de la main d'œuvre pour OT"  vom  9. November 1942

[6]  AD Gironde, Signatur "VRAC 444", "Utilisation de la main d'œuvre licenciée par l'OT". Über die deutschen, französischen und wallonischen Freiwilligen bei der OT- Bordeaux / Bayonne sind keine Angaben verfügbar.

[7]  Vgl. IMT, Bd. 23, Dok. 515-F ,  Tabellen II -VI, S.225 ff.;

[8]  Vgl. F. Sallaberry, S. 115 f.

[9]  Vgl. G. Coudry: Les Camps soviétiques en France. Les "Russes" livrés à Staline en 1945. Paris 1997, S. 144 ff.

[10]  Vgl. F. Sallaberry, S.18

[11]  Archives de la Marine nationale

[12]  Zitiert nach S. Neitzel: "Der Kampf um die deutschen Atlantik- und Kanalfestungen und sein Einfluß auf den alliierten Nachschub während der Befreiung Frankreichs 1944/45", in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 55 (1996), herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam, S. 381 – 430, hier: S. 383

[13]  Vgl. Société historique du Sud-Quest, S. 11 f.

[14]  Archives de la Marine nationale

[15]  Vgl. Société historique du Sud-Quest, S. 149

[16]  Zu dem Kampf aller deutschen Festungen: S. Neitzel, S. 381-430