Peter Gaida

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Magisterarbeit : Zwangsarbeiter für Hitler und Pétain. Der Atlantikwall in  Südwestfrankreich 1940-1944

 

Einführung

1. Frankreich in Hitlers Europa

2. Das besetzte Frankreich

3. Die Kollaboration der französischen Industrie

4. Die « Festung Europa »  

5. Die "Organisation Todt"

6. Aquitanien unter deutscher Besatzung

7. Bordeaux, strategische Stadt des Dritten Reiches

8. Der U-Bootbunker von Bordeaux 

9. Die « Rotspanier » der OT

10. Die Festung "Gironde-Süd"

Bilanz

 

 

 Die „Festung Europa“

 

Nach den Erfahrungen der verlustreichen Stellungskämpfe im Ersten Weltkrieg entstehen in den dreißiger Jahren in Europa zahlreiche militärische Befestigungslinien. Zwischen Amsterdam und Rotterdam entsteht die „Festung Holland“, in Frankreich entsteht entlang der deutsch-französischen Grenze die „Maginotlinie“.[1] Beim Bau aller deutschen Befestigungsanlagen ist Hitler selbst federführend beteiligt. Bereits im Juli 1938 verfasst er eine Denkschrift mit detaillierten Bunkerentwürfen, sowohl der Westwall und auch der Atlantikwall sind im wesentlichen seine Ideen.

Anfang 1938 beginnt im Deutschen Reich der Bau des Westwalls. Im Mai wird Todt von Hitler mit dem Bau der so genannten „Siegfriedlinie“ beauftragt, die an der Westgrenze gegenüber der französischen Maginotlinie entsteht. Insgesamt sollen 23.000 Bauwerke sicherstellen, dass ein Angriff Frankreichs abgewehrt werden kann, wenn Hitler in die Tschechoslowakei einmarschiert. Im September 1938 ist der erste Bauabschnitt fertiggestellt, und auf dem Nürnberger Reichsparteitag im Herbst 1938 verkündet Hitler stolz die Fertigstellung von 14.000 Betonbunkern, angeblich zum Schutz des Friedens in Europa: „Ich habe die gewaltigste Anstrengung aller Zeiten gemacht, um dem Frieden zu nutzen“.[2]

Sein Bau führt zu einer Optimierung der herkömmlichen Baumethoden. In zwei Jahren entwickelt das Planungsbüro der Pioniere mehrere Serien standardisierter „Regelbauten“ für den Westwall, die ohne Rücksicht auf die Geländeverhältnisse gebaut werden können. Die „Regelbauten“ ermöglichen so eine schnelle Entwicklung von Bunkerlinien, für die das Material im Voraus berechnet werden kann und bei deren Bau zivile Ingenieure und Arbeiter eingesetzt werden können. Der massive Einsatz der OT beim Bunkerbau wird erst durch diese „Regelbauten“ sinnvoll und möglich.

Die „Regelbauten“ werden die Grundlage für den Bau aller deutschen Verteidigungslinien des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die unbesetzte Zone beginnt im November 1942 an der französischen Mittelmeerküste der Bau des „Südwalls“. An der Ostfront fordert Hitler im Sommer 1943 den Bau eines „Ostwalls“, nach der Landung der Alliierten in Italien im Juni 1943 entsteht in den Apenninen die „Gotenlinie“. Die bei weitem größte von der OT erbaute Verteidigungsstellung wird jedoch der von der spanischen Grenze bis zur Nordspitze Norwegens reichende neue Westwall, der „Atlantikwall“.

Nach dem Westfeldzug erlässt Hitler im September 1940 die Kriegsweisung Nr. 16 über die Vorbereitungen einer Landeoperation gegen England, die Operation „Seelöwe“. Die Kriegsmarine wird von Hitler angewiesen, eine möglichst große Zahl an schwerster Artillerie gegenüber der Straße von Dover so „unter Beton einzubauen, dass sie auch schwersten Luftangriffen widerstehen können“.[3] Obwohl die Landung nach der „Luftschlacht um England“ verschoben wird, fangen die einzelnen Truppenteile an, eine „Perlenschnur aus Beton“ aufzustellen.

Im Dezember 1941 wird Hitler klar, das die Eismeer-, Nordsee- und die Atlantikküste der Gefahr einer alliierten Invasion ausgesetzt sind. Da der Grossteil der deutschen Truppen am Überfall auf die Sowjetunion beteiligt und die Wehrmacht im Westen nur über schwache defensive Positionen verfügt, ordnet er den Ausbau der europäischen Atlantikküste zu einem „neuen Westwall“ an. Den skeptischen Generälen der Wehrmacht gesteht Hitler auf der Konferenz seine Sorge um eine alliierte Invasion, bevor die Eroberung von Lebensraum im Osten abgeschlossen ist: „Ich kann keine Nacht mehr ruhig schlafen, wenn ich daran denke, dass die Amerikaner und Engländer in Frankreich landen, bevor ich die Kriege in Russland und Afrika siegreich beendet habe. (…) Ich werde mich in Frankreich festsetzen wie die Krätze“.[4]

Doch trotz ihrer gewaltigen Anstrengungen schafft es die OT nicht, Hitlers Wunsch einer Fertigstellung des „15.000 Bunkerprogramms“ bis zum Mai 1943 nachzukommen. Obwohl die OT im Frühling 1943 mehr als 600.000 m3 monatlich verarbeitet, eine Menge, die dem Volumen von zwei modernen Kernkraftwerken entspricht, wird das vorgegebene Ziel nicht erreicht. Der Mangel an Treibstoff und die Abschöpfung von Material und Arbeitskräften für andere Projekte führen dazu, dass bis zum Frühjahr 1944 nur 40 Prozent des Bauziels erreicht werden. Hitlers bombastische Vorstellungen sind in so kurzer Zeit nicht realisierbar.

Im November 1943 beruft Hitler den renommierten Feldmarschall Erwin Rommel zum Generalinspekteur der Küstenbefestigungen West. Mit viel Engagement leitet Rommel einen Umschwung im Konzept ein und konzentriert seine Bemühungen auf die nordfranzösische Küste, wo er die alliierte Invasion erwartet. Im Gegensatz zu Hitler und Rundstedt erwartet Rommel die Invasion an offenen Küstengebieten und veranlasst die Befestigung der Strände mit über einer Million Strandhindernissen.[5] Aus der „Perlenschnur aus Beton“ wird nun eine erste Verteidigungslinie, um den Sturm auf die „Festung Europa“ abzuwehren.

Am Vorabend des größten Landungsunternehmens der Kriegsgeschichte, der alliierten Operation „Overlord“ in der Normandie, erwartet die Alliierten an der Atlantikküste trotz aller Schwierigkeiten die wohl umfangreichste Verteidigungsanlage seit dem römischen Limes. Anfang 1944 sind fast 3.000 schwere Geschütze und über 2.000 Panzerabwehrkanonen an der Atlantikküste aufgestellt,[6] von den 15.000 von Hitler geforderten Bunkern sind im April 8.000 benutzbar, weitere 4.000 sind geplant. Insgesamt sind den in vier Jahren zehn Millionen Kubikmetern Beton für den Atlantikwall verarbeitet worden, eine Menge, die dem Betonverbrauch für den Bau von vierzig modernen Kernkraftwerken entspricht.[7]

Doch die von Hitler gepriesene Abwehrwirkung des angeblich „unbezwingbaren“ Atlantikwalls wird selbst von der Wehrmacht bestritten. Während Hitler den Grundsatz der „minimalen Kräfte in dauerhaften Befestigungsbauten“ favorisiert und so mangelnde Truppenstärke durch Bunker auszugleichen versucht, machen die Armeegeneräle in Frankreich mehrfach deutlich, das die Befestigungsbauten keine zahlenmäßige Schwäche ausgleichen können. Der Befehlshaber der 15. Armee in Nordfrankreich bemerkt im Oktober 1943: „Der Atlantikwall ist kein Wall; vielmehr eine dünne, an vielen Stellen brüchige Strippe, die an einzelnen Punkten einige festere Knötchen hat“.[8]

Auch die Taktik der Abwehr einer Invasion ist von Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Befehlshabern Rommel und Rundstedt geprägt. Während Rommel für eine starre Verteidigungslinie an der Küste plädiert und die Verlegung der Panzerdivisionen an die Küste fordert, besteht der OB West Rundstedt auf einer mobilen Panzerreserve im Hinterland, um nach einer Landung mit einer starken Truppe die Entscheidung im Landesinneren herbeiführen zu können. Die daraus resultierende „Panzerkontroverse“ lähmt so die deutsche Abwehr.

Neben der Taktik erweist sich auch die Bewaffnung des Atlantikwalls selbst zum großen Teil als ungeeignet. Die Wehrmacht stellt über hundert verschiedene Geschütztypen auf, und die Versorgung mit passender Munition erweist sich als schwierig.[9] Zudem ist der Grossteil der Küstenartillerie völlig untauglich für die Abwehr von gepanzerten Seefahrzeugen. Von knapp zweitausend Geschützen der Heeres sind nur ganze 39 mit panzerbrechender Munition ausgestattet, um einem Kriegsschiff überhaupt Schaden anfügen zu können, und nur rund die Hälfte verfügt über eine ausreichende Treffwahrscheinlichkeit bei einem alliierten Angriff mit Kriegsschiffen.. Bei einer Invasion sind somit die meisten Artilleriewaffen schutzlos dem feindlichen Seefeuer ausgeliefert. Der Atlantikwall bleibt in artilleristischer Hinsicht ein Papiertiger.

Angesichts der alliierten Materialüberlegenheit mit 600 Kriegsschiffen und fast 12.000 Flugzeugen bleibt die Verteidigung der Küsten eine unmögliche Unternehmung. Der Mangel an Unterstützung durch Panzer führt dazu, dass die deutschen Infanterieeinheiten an der Küste allein die Abwehr der alliierten Landung übernehmen müssen, der sie angesichts des massiven Einsatzes der Luft- und der Seestreitkräfte durch die Alliierten nicht gewachsen sind. Die Landung können sie weder verhindern noch verzögern.[10] Am 7. Juni 1944 ist der Atlantikwall in der Normandie von den Alliierten durchbrochen, die „Festung Europa“ ist gestürmt. Das angeblich unbezwingbare Bollwerk am Atlantik erweist sich als die größte Attrappe des Zweiten Weltkrieges.

In den folgenden vier Monaten befreien die alliierten Streitkräfte ganz Frankreich, lediglich einige deutschen Truppen ziehen sich nach dem Rückzug aus Frankreich im August 1944 in die „Festungen“ zurück und verteidigen weiterhin bedeutungslos gewordenen Häfen und Flussmündungen. Der Krieg am Atlantikwall findet in der Bretagne, im Charente und in Aquitanien findet erst mit der deutschen Kapitulation im Mai 1945 ein Ende.

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[1]   Karten bei P. Young (Hg.):  Der große Atlas zum II. Weltkrieg. 1974, S. 24

[2]   Zitiert nach F. W. Seidler, S. 16

[3]  "Führerweisung Nr. 16 über die Vorbereitungen einer Landungsoperation gegen England" vom 16.7.1940. Zitiert nach P. Virilio: Bunkerarchäologie. München/Wien 1992, S. 181

[4]   Ebd., S. 39

[5]   Detaillierte Übersicht der Strandhindernisse bei  R. Rolf : Der Atlantikwall. Perlenschnur aus Stahlbeton. Beesterzwaag 1983, S. 85

[6]   Zahlen aus IMT, Bd. 12,  Dok. 172-L, S. 650

[7]   Vgl. R. Rolf, S. 84

[8]   Vgl. H. Wegmüller: Die Konzeption der Abwehr einer alliierten Invasion im Bereich des Oberbefehlshabers West 1940-1944. Freiburg im Breisgau 1979 (Einzelschriften zur militärischen Geschichte des Zweiten Weltkrieges Nr. 22, herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt), S.164

[9]   Vgl. A. Molt: Der deutsche Festungsbau von der Memel zum Atlantik 1900-1945. Wiesbaden 1988, S. 99

[10]   Vgl. H. Wegmüller, S. 130 f.