Peter Gaida

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Magisterarbeit : Zwangsarbeiter für Hitler und Pétain. Der Atlantikwall in  Südwestfrankreich 1940-1944

 

Einführung

1. Frankreich in Hitlers Europa

2. Das besetzte Frankreich

3. Die Kollaboration der französischen Industrie

4. Die « Festung Europa »  

5. Die "Organisation Todt"

6. Aquitanien unter deutscher Besatzung

7. Bordeaux, strategische Stadt des Dritten Reiches

8. Der U-Bootbunker von Bordeaux 

9. Die « Rotspanier » der OT

10. Die Festung "Gironde-Süd"

Bilanz

 

 

Einführung

 

Im Juni 1944 wurde die französische Atlantikküste der Schauplatz der wohl größten Militärschlacht der Geschichte, die das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa einleitete. Die Literatur zu der alliierten Invasion in der Normandie ist beträchtlich, und spätestens seit dem Kinoerfolg des Films Der Soldat Ryan des amerikanischen Regisseurs Steven Spielberg sind die Ereignisse einem breiten Publikum zugänglich gemacht worden.

Weniger bekannt dagegen sind die Anstrengungen des Dritten Reichs, eben diese Invasion zu verhindern. Der von Hitler befohlene Bau des Atlantikwalls, einer Kette von Bunkern an den Küsten Westeuropas, entwickelte sich bis 1944 zum größten Verteidigungsbauwerk der Militärgeschichte. Vor allem in Frankreich, dem Land mit der längsten Atlantikküste in Hitlers Europa, erfuhr der Wall seine größte Entfaltung und wurde schließlich auch Schauplatz der alliierten Invasion.

Die folgende Arbeit[1] hat dieses militärische Bauwerk zum Gegenstand, dessen Relikte sich bis heute an vielen Stränden Westeuropas finden und als stumme Zeugen der nationalsozialistischen Herrschaft die Zeit überdauert haben. Diese Themenwahl vereint sowohl persönliche als auch geschichtswissenschaftlich nur selten thematisierte Aspekte. Persönlicher Beweggrund für die Beschäftigung mit diesem Thema ist die Bekanntschaft mit einem ehemaligen Zwangsarbeiter. Mit Bedauern stellt dieser fest, dass die humane Tragödie des Baus des Atlantikwalls in Frankreich mit der Versklavung, Misshandlung und Ermordung zahlreicher Zwangsarbeiter des Naziregimes zunehmend in Vergessenheit gerät.[2]

Tatsächlich weist der wissenschaftliche Forschungsstand zur Zwangsarbeit in Hitlers Europa ein Ungleichgewicht zwischen dem Reich und den besetzten Gebieten auf. Während das Standardwerk zur Zwangsarbeit im Dritten Reich, die Dissertation von Ulrich Herbert über die „Fremdarbeiter“ von 1985 mittlerweile von zahlreichen regionalen und lokalen Studien in Deutschland ergänzt worden ist und auch einzelne Unternehmen wie DAIMLER-BENZ und VOLKSWAGEN renommierte Historiker mit der Aufarbeitung dieses Themas beauftragt haben, wissen wir über die Zwangsarbeit in den besetzten Gebieten - wie auch U. Herbert bemerkt - im deutschsprachigem Raum sehr wenig.

In der französischen Forschung begann die Auseinandersetzung mit der Zwangsarbeit mit quantitativen Regionalstudien im Zusammenhang mit der Kriegsgefangenschaft, den Deportationen und dem Widerstand. Einen weiteren Anstoß erhielt dieses Thema durch eine generelle historische Aufarbeitung der Politik des Vichy-Regimes, die allerdings von ausländischen Historikern (Robert O. Paxton, Eberhard Jäckel, Alan S. Milward)[3] in den siebziger Jahren eingeleitet wurde. Eine monographische Darstellung aller Formen des Zwangseinsatzes der französischen Bevölkerung in Frankreich und im Deutschen Reich, die auch den Einsatz der zahlreichen Ausländer berücksichtigen müsste, steht jedoch bis heute noch aus.[4]

Seit kurzem liegen deutsche Arbeiten vor, die auch die Zwangsarbeit im besetzten Frankreich zum Gegenstand haben. Einen generellen Überblick ermöglicht die achtbändige Dokumentation Europa unterm Hakenkreuz eines Historikerkollegiums der ehemaligen DDR, die sich in Band 8 unter der Leitung von Ludwig Nestler mit der faschistischen Okkupationspolitik in Frankreich beschäftigt. Einen deutsch-französischen Ansatz verfolgt die sozialgeschichtliche Studie von Helga Bories-Sawala, die sich mit dem „Reichseinsatz“ von Franzosen in Bremen beschäftigt. Zur Zwangsarbeit in Frankreich liegt nun auch eine Dissertation von Bernd Zielinski vor, die sich mit der Arbeitseinsatzpolitik des Vichy-Regimes beschäftigt.[5]

Ähnlich verhält es sich mit dem Atlantikwall: Bislang war das Bauwerk nur in Fachkreisen Gegenstand einiger Studien, die sich meist auf die technischen, architektonischen oder organisatorischen Aspekte konzentrieren. Bei der geschichtswissenschaftlichen Betrachtung wurde vor allem die wehrtechnische Bedeutung hervorgehoben, während wirtschaftliche und soziale Aspekte bislang kaum beachtet wurden. Der Atlantikwall wird vielmehr als eine erstaunliche Leistung der deutschen Ingenieurskunst hervorgehoben, ohne dass dabei neben der strategischen Dimension auch eine Diskussion der Kollaboration der besetzten Gebiete und des Einsatzes von Zwangsarbeitern erfolgt. Mit anderen Worten: Eine explizite Verknüpfung der wirtschaftlichen Kollaboration und des Zwangseinsatzes von Arbeitskräften beim Bau des Atlantikwalls fand bislang nicht statt.[6]

Die vorliegende Arbeit versucht deshalb, die militärhistorischen mit den wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Gesichtspunkten zu verknüpfen. Im ersten Teil der Arbeit wird zunächst versucht, die ideologisch-strategischen Hintergründe, die organisatorisch Verantwortlichen, den geographisch-politischen Rahmen, die wirtschaftlichen Träger und die wehrtechnische Bedeutung des Bauwerks zu rekonstruieren. Mit anderen Worten: Die Idee, die Baumeister, der Ort, die Erbauer und das Werk werden in ihrem historischen Kontext dargestellt.

Folgende Fragen sollen dabei im Vordergrund stehen: Warum ist der Atlantikwall gebaut worden und welche Rolle spielte die von Hitler ins Leben gerufene Organisation Todt; wie sah die Situation im besetzten Frankreich aus, und inwieweit war die wirtschaftliche Kollaboration Frankreichs für den Bau von Bedeutung? Schließlich ist zu fragen, ob der Atlantikwall je in der Lage gewesen ist, die alliierte Invasion aufzuhalten.

Der zweite Teil der Arbeit beschränkt sich auf einen bislang noch nicht beachteten Abschnitt des Atlantikwalls, der weit entfernt vom eigentlichen Kriegsgeschehen ein fast beschauliches Dasein fristete: Die Küsten Aquitaniens im Südwesten Frankreichs, eine Region, die mit ihrem Zentrum, der Weinmetropole Bordeaux, zu einem strategischen Außenposten in Hitlers Europa wird. Die Hafenstadt an der Garonne ist in doppelter Hinsicht wichtig für das Dritte Reich: Zum einen dient ihr Hafen für den deutschen Warenverkehr mit Japan, zum anderen beherbergt die Stadt eine deutsche U-Bootflotte, die im Atlantik sechs Jahre lang einen uneingeschränkten U-Bootkrieg führt.

Für die sichere Unterbringung der „U-Bootwaffe“ entsteht in Bordeaux ein gigantischer U-Boot-bunker, der den Größenwahn des Dritten Reiches eindrucksvoll und dauerhaft für die Nachwelt symbolisiert. Der U-Bootbunker führt zwangsläufig einerseits zu seinen Erbauern, die sich in Bordeaux aus spanischen Zwangsarbeitern rekrutieren und deren bislang in der regionalen Forschung unbeachtetes Schicksal hier erstmals zu beleuchten versucht wird, und andererseits zu der Kollaboration der französischen Wirtschaft, die auch in Bordeaux von der nationalsozialistischen Bautätigkeit profitiert.

Schließlich erfolgt die Darstellung des Atlantikwalls in Aquitanien, der noch nach dem deutschen Rückzug aus Frankreich erbittert Widerstand leistet und erst kurz vor Kriegsende in der „Schlacht um die Festung Gironde“ von französischen Befreiungstruppen bezwungen wird. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung und dem Versuch eines Fazits zum Atlantikwall.

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[1] Zusammenfassung einer Magisterarbeit in Geschichte an der Universität Bremen, vorgelegt in Dezember 2000

[2] Vgl. seinen Leserbrief vom 18. Juni 1999 in der regionalen Tageszeitung Sud-Ouest  

[3]   Grundlegend : Robert O. Paxton : La France de Vichy 1940-1944. Paris 1973;  E. Jäckel : La France dans l´Europe d´Hitler. Paris 1968; Alan P. Milward:  The New Order and the French Economy. Oxford 1970

[4]  Ein Überblick zur französischen Forschung bei Y. Durand : La France dans la Deuxième guerre mondiale, 1939-1945 . Paris  1993 ; Y. Durand : La Captivité : histoire des prisonniers de guerre français : 1939-1945 Paris 1981 ; J. Evard : La Déportation des travailleurs français dans le IIIe Reich, Paris 1971 ;  F. Cochet : Les exclus de la victoire : histoire des prisonniers de guerre, déportés et STO., Paris  1992 ; J.-P. Vittori : Eux, les STO,  Paris 1981

[5]   Ein Überblick zur deutschen Forschung seit 1985 mit weiterführenden Literaturhinweisen bei Ulrich Herbert: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches. Neuauflage Bonn 1999, S. 416 - 433,  hier: S. 418. Für die besetzten Gebiete grundlegend der Sammelband von Ulrich Herbert (Hg.): Europa und der „Reichseinsatz“. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland 1938-1945. Essen 1991. Ferner die Dokumentenedition eines Historikerkollegiums der ehemaligen DDR, herausgegeben von W. Schumann und L. Nestler: Europa unterm Hakenkreuz. Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus (1938-1945), hier: Bd. 8, Ludwig Nestler (Hrg.): Die faschistische Okkupationspolitik in Frankreich (1940-1944), Berlin 1990. Zum aktuellen Forschungsstand in Frankreich, siehe Helga Bories-Sawala: Franzosen im „Reichseinsatz“. Deportation, Zwangsarbeit, Alltag. Frankfurt a. M 1996, S. 29 - 42, mit weiterführender Literatur. Ferner Bernd Zielinski: Staatskollaboration. Arbeitseinsatzpolitik in Frankreich unter deutscher Besatzung 1940-1944. Münster 1996

[6]  Ein genereller Überblick bei R. Rolf: Der Atlantikwall. Perlenschnur aus Beton. Beesterzwang 1983; P. Cartridge: Hitlers Atlanticwall. Guernsey 1976; P. Gamelin: Le Mur de l’Atlantique: Les blockhaus de l’illusoire. 1974. Eine historische Studie bei R. Desquesnes: Atlantikwall et Südwall. Caen 1987. Eine wehrwissenschaftliche Analyse bei  H. Wegmüller: Die Konzeption der Abwehr einer alliierten Invasion im Bereich des OB West 1940-1944. Freiburg i. B. 1979. Eine systematische Beschreibung bei A. Chazette: Atlantikwall. Bayeux 1995