Peter Gaida

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Magisterarbeit : Zwangsarbeiter für Hitler und Pétain. Der Atlantikwall in  Südwestfrankreich 1940-1944

 

Einführung

1. Frankreich in Hitlers Europa

2. Das besetzte Frankreich

3. Die Kollaboration der französischen Industrie

4. Die « Festung Europa »  

5. Die "Organisation Todt"

6. Aquitanien unter deutscher Besatzung

7. Bordeaux, strategische Stadt des Dritten Reiches

8. Der U-Bootbunker von Bordeaux 

9. Die « Rotspanier » der OT

10. Die Festung "Gironde-Süd"

Bilanz

 

 
Der U-Bootbunker von Bordeaux

 

Der deutsche Feldzug gegen Frankreich ist nicht nur der Beginn des Landkrieges auf dem europäischen Kontinent, sondern auch der Auftakt eines Seekrieges im Atlantischen Ozean. Die Alliierten liefern sich sechs Jahre lang eine erbitterte Schlacht mit deutschen U-Booten, die nach der Eroberung Frankreichs von neuen Stützpunkten an der Atlantikküste aus operieren. Um die  „U-Bootwaffe“ vor Luftangriffen zu schützen, errichtet die Organisation Todt in allen französischen Häfen in nur vier Jahren ein Dutzend riesige U-Bootbunker und realisiert so das wohl größte Bauprogramm des gesamten Zweiten Weltkrieges.

Die „U-Bootwaffe“ verzeichnet vor den Küsten Englands zunächst spektakuläre Erfolge, bis Dezember 1940 versenkt sie über 500 englische Handelschiffe.[1] Wesentliche Voraussetzung dieser Erfolge ist die Kenntnis der alliierten Handelsrouten im Atlantik. Bereits vor dem Krieg gelingt es dem Nachrichtendienst der Wehrmacht, den britischen Nachrichtencode zu entschlüsseln. So kann die Kriegsmarine die Bewegungen der alliierten Handelkonvois überwachen und gezielte Operationen durchführen, die den Warenverkehr nach England erheblich beeinträchtigen. Die Kenntnis der Routen und eine neue Taktik, die U-Boote nachts in „Rudeln“ von sechs Booten angreifen zu lassen, bringen die britische Wirtschaft in eine ernste Krise: Die Importe nach Großbritannien gehen um 10 % zurück, die Öllieferungen sinken sogar um die Hälfte.

Im März 1941 schließlich kommt für die Alliierten eine erste Wende: Es gelingt den Alliierten, vier deutsche U-Boote mit den fähigsten U-Boot-Kapitänen auszuschalten und auch ein von der Besatzung verlassenes U-Boot zu kapern. Dadurch fällt den Alliierten eine Entschlüsselungsmaschine für den deutschen Funkverkehr in die Hände: Im Mai 1941 ist der britische Nachrichtendienst in der Lage, die Funkmeldungen der deutschen U-Boote zu dekodieren. Die Dechiffriermaschine „Enigma“ wird der deutschen U-Bootflotte zum Verhängnis, die alliierte Kenntnis der deutschen Nachrichtentechnologie entscheidet so den Seekrieg im Atlantik.[2]

Ein weiterer entscheidender Schlag gelingt den Alliierten durch die Zerstörung der „Milchkühe“, die seit der Versenkung der Versorgungsschiffe den Transport von Treibstoff in die deutschen Operationsgebiete im Atlantik übernehmen. Amerikanische Kriegsschiffe beginnen im Sommer 1943 eine Jagd auf die Versorgungs-U-Boote, und in drei Monaten sind neun „Milchkühe“ in der Biskaya versenkt. Damit bricht Dönitz‘ gesamtes Versorgungssystem auf einen Schlag zusammen. Bis Ende 1943 verliert die deutsche Kriegsmarine über die Hälfte ihrer 400 U-Boote.[3] Das Dritte Reich verliert die technologische Aufholjagd im U-Boot-Krieg, die „Seeschlacht im Atlantik“ wird zum Vorspiel für den alliierten Sturm auf die „Festung Europa“.

Durch die Besetzung der Atlantikküste verfügt die deutsche Kriegsmarine über neue Stützpunkte für ihre Operationen im Atlantik, die der U-Bootflotte die Anfahrtswege über die Nordsee ersparen. Für den Befehlshaber der Marine, Karl Dönitz, sind die Marinestützpunkte in Frankreich strategische Positionen von äußerster Bedeutung: Noch bevor der Waffenstillstand unterzeichnet wird, sind Lastwagen der OT unterwegs, um in Lorient den ersten deutschen Marinestützpunkt aufzubauen. Weitere Stützpunkte entstehen in Brest, St. Nazaire, La Pallice und Bordeaux.[4]

Beim ihrem Aufbau wird die deutsche Kriegsmarine auch von der französischen Marine unterstützt. Die gesamte Besatzungszeit hindurch arbeitet die französische Marine mit Offizieren, Soldaten, Beamten und auch 25.000 Arbeitern in den deutschen Stützpunkten in Lorient, Brest und Cherbourg. Sie übernimmt die Bedienung der Hafenanlagen und unterstützt den reibungslosen Betrieb der Stützpunkte mit ihrer Hafenpolizei, Feuerwehr und eigenen Dockarbeitern.[5] Die französische Kriegsmarine stellt der neuen Besatzungsmacht bereitwillig ihre Logistik zur Verfügung.

Binnen vier Jahren werden für die U-Bootstützpunkte in Frankreich über vier Mill. Kubikmeter Beton vergossen, bei jedem U-Bootbunker sind rund 20.000 Mann und 2.000 Lastwagen im Einsatz. Der überwiegende Teil der Arbeiter sind Franzosen, und auch das Material ist französischen Ursprungs: Da die OT-Einsatzgruppe West nicht über genügend Arbeiter verfügt, wendet sie sich an die lokale Bauindustrie. Die OT verteilt die Aufträge per Los an die lokalen Firmen, und ihr scheinbar großes Interesse ist berechtigt: Jeder U-Bootbunker entspricht einem Finanzvolumen von 20 Mill. Reichsmark und verspricht Gewinne bis zu 300 Prozent.[6] 

Nach der Fertigstellung des Bunkers werden in Bordeaux deutsche U-Boote stationiert. Im Oktober 1942 trifft die 12. U-Bootflottille der deutschen Kriegsmarine in Bordeaux ein: Sie besteht aus 22 Kampf- und 21 Versorger-U-Booten, den „Milchkühen“. Die Flotte operiert im Atlantik und im Indischen Ozean, wo sie insgesamt 104 alliierte Schiffe versenkt. Eins ihrer Boote, das Kampf-U-Boot U 196, vollzieht mit 225 Tagen auf See die längste Fahrt eines U-Bootes im gesamten Zweiten Weltkrieg.

Mit ihren „Milchkühen“ ist die 12. U-Bootflotte von strategischer Bedeutung: Sie transportiert den Nachschub an die U-Bootfront und ermöglicht so Operationen in feindlichen Seegewässern, ohne in die Stützpunkte zurückkehren zu müssen. Im April 1943 versorgen die Versorger von Bordeaux die Kampf-U-Boote vor der amerikanischen Nordküste. Zwischen 1943 und 1944 werden fünf weitere U-Boote zu Versorgern umgebaut, um größere Lasten transportieren zu können. Diese für den U-Boot-Krieg wichtigen Umbauarbeiten werden im U-Bootbunker von Bordeaux von einem deutschen Unternehmen durchgeführt, der Hamburger Werft Blohm & Voss.

Die Hamburger Werft Blohm & Voss (B & V) ist neben der Bremer Deschimag AG Weser und der Howaldtswerke AG in Kiel die größte U-Bootwerft im Dritten Reich. Mit ihren zahlreichen Docks und einer Belegschaft von rund 12.000 Arbeitern kann sie 38 U-Boote gleichzeitig bauen, rund 20 %  aller deutschen U-Boote laufen bei der Hamburger Werft vom Stapel. Diese hohe Ablieferungsrate wird durch eine rationelle Fertigung und die Einführung einer zweiten Schicht möglich. Neben dem Schiffsbau produziert B & V auch Flugzeuge für die deutsche Luftwaffe. Das Unternehmen wird so ein Leistungsträger der deutschen Kriegswirtschaft und ein wichtiger Partner der Kriegsmarine.[7]

In dem neuen Marinestützpunkt in Bordeaux übernimmt die Kriegsmarine zunächst selbst die Wartung und die Reparatur der U-Boote, doch bald sucht sie nach einem privaten Betreiber des Werftbetriebes, um seine Werftarbeiter durch Franzosen unter privater deutscher Führung zu ersetzen. Ende 1942 verhandelt die Marine mit der Werft Blohm & Voss, und Im Oktober werden der Hamburger Firma sämtliche U-Bootsreparaturen in eigener Betriebsführung auf der Kriegsmarinewerft in Bordeaux übertragen.[8] B & V erhält den gesamten Betrieb in Bordeaux kostenlos von der Kriegsmarine.[9]

Die Kriegsmarine vor Ort sorgt nun auch für ärztliche Betreuung, Schuhbesohlung, Feldpostnummern, Büromaterial und sogar Seife. Zusätzlich erhält B & V nun noch eine monatliche Pauschale von 3.000 Reichsmark, und die Kriegsmarine übernimmt jetzt auch die Lohnkosten: Für jeden Arbeiter und Angestellten erhält B & V einen Pauschalsatz von 60 Reichsmark pro Tag, auch die Sozialabgaben und Firmensteuern, die an den französischen Staat zu entrichten sind, bezahlt nun ebenfalls die Kriegsmarine.

Die Arbeitszeit wird mit 10 ½ Stunden festgeschrieben, die Kriegsmarine behält sich jedoch das Recht vor, aus militärischen Gründen die Arbeitszeit zu verlängern. Die Arbeitszeiten bestehen jedoch lediglich auf dem Papier: Aus einem vertraulichen, undatierten Schreiben der Militärverwaltung in Paris heißt es wörtlich, „bei B & V sind Arbeitszeiten bis zu 20 Stunden täglich keine Seltenheit. (...) Die Leute würden ausgepumpt und würden bald zusammenbrechen“.[10] Um eine schnelle Reparatur der U-Boote zu gewährleisten, ist B & V jedes Mittel recht.

Neben den normalen Wartungsarbeiten ist B & V der einzige Betrieb in Frankreich, der Kampf-U-Boote zu Versorgern umbaut. Zwischen 1942 und 1944 werden insgesamt neun U-Boote zu Munitions- und Kraftstoffversorgern, den „Milchkühen“ umgebaut.[11] Neben den U-Booten übernimmt das Unternehmen auch die Wartung aller anderen Schiffe, für die kurzerhand eine französische Privatwerft, die Forges et Chantiers de la Gironde konfisziert wird. Im September 1943 schließlich wird der Firma auch die Betreuung der Küstenartillerie übertragen, und deutsch-französische Spezialisten übernehmen die Wartung der Geschütze und der Zieloptiken des Atlantikwalls.[12] Das Hamburger Unternehmen Blohm & Voss wird so der Reparaturbetrieb des Atlantikwalls in Aquitanien.

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[1]  Zahlen ebd., S. 80

[2]   Vgl. J. Costello/T. Hughes: Atlantikschlacht. Der Krieg zur See 1939-1945. Augsburg 1999,  S. 224 f.

[3]   Ebd., S. 428

[4]   Ebd., S. 141 ff.

[5]   Vgl. E. Jäckel 1966,  S. 300

[6]   Ebd., S. 37

[7] Vgl. R. Busch/H.-J. Roell: Der U-Boot-Krieg 1939-1945. Hamburg, /Berlin/Bonn 1997. S. 222. Ferner E. Roessler: Die deutschen U-Boote und ihre Werften. München 1980, Bd. 2, S. 41 ff.

[8] Staatsarchiv der Hansestadt Hamburg (im folgenden: StAHH), Bestand  Blohm & Voss 621.1, Signatur 948, Schreiben B & V an das OK vom 22.10.1942

[9] Ebd., Vereinbarung B & V und der Kriegsmarinewerft Bordeaux vom 25.11.1942

[10] Ebd.,  Aufzeichnung vom 10.04.1943

[11] Vgl. D. Lormier Bordeaux: La base sous-marine. Questions de mémoire 1940-1944. Montreuil-Bellay 1990, S. 65

[12]  StHH (Anm. 258), Protokoll vom 1.10.1943