Peter Gaida

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Magisterarbeit : Zwangsarbeiter für Hitler und Pétain. Der Atlantikwall in  Südwestfrankreich 1940-1944

 

Einführung

1. Frankreich in Hitlers Europa

2. Das besetzte Frankreich

3. Die Kollaboration der französischen Industrie

4. Die « Festung Europa »  

5. Die "Organisation Todt"

6. Aquitanien unter deutscher Besatzung

7. Bordeaux, strategische Stadt des Dritten Reiches

8. Der U-Bootbunker von Bordeaux 

9. Die « Rotspanier » der OT

10. Die Festung "Gironde-Süd"

Bilanz

 

 

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Die Beschäftigung mit Hitlers Ideologie hat gezeigt, dass er bereits vor seiner Machtübernahme ein außenpolitisches Konzept entwickelt, um das Deutsche Reich erneut in einen Krieg an zwei Fronten in Europa zu führen. Doch seine militärische Strategie ist bereits im Westfeldzug 1940 ein Misserfolg: Der Wehrmacht gelingt es nicht, die Gefahr einer zweiten Front durch einen Sieg über England zu beseitigen. Hitler nimmt daraufhin die wohl folgenschwerste Änderung seiner Strategie vor und beginnt einen Zwei-Frontenkrieg: Als Rückendeckung für die Eroberung von Lebensraum im Osten befiehlt er im Westen Europas den Bau des größten Verteidigungswerkes der gesamten europäischen Geschichte, den Atlantikwall.

In Fritz Todt findet der Diktator einen Baumeister, der seinen Aufstieg mit der Realisierung von Großprojekten (Autobahnen, Westwall) begleitet und ein neues Instrument für die Zusammenarbeit der deutschen Wirtschaft mit dem Dritten Reich entwickelt, die „Organisation Todt“. Sein Nachfolger Albert Speer entwickelt die paramilitärische Bauformation schließlich zu einem Grundpfeiler der deutschen Kriegswirtschaft: Die OT wird neben der NSDAP, der SS und der Wehrmacht die vierte Kraft in Hitlers Europa und der Garant für die wirtschaftliche Ausbeutung der besetzten Gebiete. Die in der Literatur zur deutschen Besatzung Frankreichs überhaupt nicht beachtete OT-Einsatzgruppe West wird durch den erstmaligen Einsatz der privaten Bauindustrie für den Krieg zum Architekten des Atlantikwalls.

Der Bau des Atlantikwalls gelingt der OT-Einsatz-gruppe West nur mit Hilfe der deutschen Militärverwaltung in den besetzten Westgebieten. Die deutsche Besatzungsherrschaft in Frankreich ist durch die Ausbeutung der Finanzen und der Ressourcen, die Kollaboration der Wirtschaft und den Zwangseinsatz der Bevölkerung gekennzeichnet. Öffentliche Steuermittel des Vichy-Regimes fließen von den Besatzungskostenfonds über deutsche Schwarzmarktkäufe, Auftragsvergaben und Industriebeteiligungen letztendlich auf private französische Konten: Die französische Gesellschaft wird so zum Zahlmeister für den Atlantikwall.

Mit der Einführung des Arbeitsdienstes durch das Vichy-Regime wird die französische Arbeiterschaft eine tragende Säule des „Reichseinsatzes“: Zusammen mit der deutschen Besatzungsmacht organisiert das Vichy-Regime ihre Massendeportation ins Reich und ihre Ausbeutung in Frankreich. Die französischen Arbeiter werden so die eigentlichen Erbauer des Atlantikwalls. Die französische Wirtschaft versucht mit dem Beginn der deutschen Besatzung ihre Interessen zu wahren und wird durch die deutsche Auftragsverlagerung zur „verlängerten Werkbank“ des Reiches: Die französischen Bauindustriellen werden so die Profiteure des Atlantikwalls. Die Untersuchung der ökonomischen Kollaboration in Frankreich steht ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende jenseits des Rheins vielleicht erst an ihrem Anfang.[1]

Die „Festung Europa“ erweist sich in ihrer Struktur, ihrer Bewaffnung und ihrer Taktik als eine gigantische Vergeudung von Mensch und Material. Im Juni 1944 steht Hitlers improvisierten Atlantikwall das gesamte Militärpotential der westlichen Welt gegenüber, für die das „achte Weltwunder am Atlantik“ kein großes Hindernis darstellt. Die improvisierte Bewaffnung des Atlantikwalls erweist als völlig ungeeignet für die Abwehr von Seestreitkräften, und die Taktik ist nach der Berufung Rommels zum zweiten Befehlshaber von der „Panzerkontroverse“ überschattet. Die Konzentration auf strategische Punkte in Häfen und Flussmündungen führt lediglich dazu, dass die Alliierten an einem schwach besetzten, offenen Küstenstrich landen. Das Konzept einer starren Verteidigungslinie, bereits bei der französischen Maginotlinie wirkungslos, erscheint durch den alliierten Einsatz moderner Technologie im Bewegungskrieg als ein Relikt der Stellungskämpfe des Ersten Weltkrieges. Der General des Atlantikwalls, der Kriegsheld Rommel, wird so zum Befehlshaber des größten strategischen Blendwerkes des Zweiten Weltkrieges.

Die Region Aquitanien wird ein strategischer Außenposten des Dritten Reichs: Ihre Grenze zu Spanien wird das Aufmarschgebiet für eine eventuelle Besetzung der Iberischen Halbinsel, und der Warenverkehr mit dem Franco-Regime führt zu einer „Mini-Invasion“ im Baskenland. Die Pyrenäen werden für Tausende von Juden der letzte Fluchtweg vor dem systematischen Massenmord in Hitlers Europa, die Wälder in den Landes werden eine der Keimzellen des französischen Widerstandes gegen das Nazi-Regime, während der Einsatz der afrikanischen Kolonialtruppen beim Bau des Atlantikwalls bis heute wenig bekannt bleibt.

Die französischen Kolonialtruppen sind die Vergessenen der Geschichte: Noch heute sind die Marokkaner, die nach vier Jahren in deutscher Gefangenschaft für Frankreichs Befreiung gekämpft haben, gezwungen in Bordeaux zu verbleiben, um vom französischen Staat bei einer zentralen Kasse eine Rente von 30 DM pro Monat zu erhalten.[2]

Die Weinmetropole Bordeaux wird die geistige Geburtsstätte des deutsch-französischen Waffenstillstandes und ein regionales Zentrum der politischen und wirtschaftlichen Kollaboration. Der ehemalige Polizeipräfekt von Bordeaux, Maurice Papon, musste sich nach einer langen politischen Karriere erst 1998 wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ vor Gericht verantworten und wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Seitdem hat der mittlerweile 90-Jährige zwei Gnadengesuche an den französischen Präsidenten gestellt, die beide abgelehnt wurden. Ein Greis wird so zum Sündenbock der „schwarzen Jahre“ einer ganzen Nation.

Der Hafen der Stadt, der südwestlichste in Hitlers Europa, wird durch den Handel der „Blockadebrecher“ mit Japan vielleicht auch zum kriegswichtigsten. Seine Zerstörung wird durch einen der ungewöhnlichsten Akte des deutschen Widerstandes im Zweiten Weltkrieg vereitelt: Dem deutschen Offizier Heinz Stahlschmidt gebührt ein Ehrenplatz im kollektiven Gedächtnis der französischen Résistance. Erst ein halbes Jahrhundert nach seiner Tat wurde dem mittlerweile französischen Staatsbürger Heinz Stahlschmidt die höchste französische Auszeichnung zuteil, die Ehrung zum „Ritter der Ehrenlegion“.[3]

Der Zweite Weltkrieg erfährt bereits beim Vorspiel zur Invasion, der „Schlacht im Atlantik“ eine kriegsentscheidende Wende: Durch den generellen Technologievorsprung der Alliierten und die Inbesitznahme einer Dechiffriermaschine werden die U-Boote für die meisten deutschen Matrosen zum stählernen Grab. Die zum Schutz der U-Boote errichteten Betonbunker dagegen werden die organisatorischen Keimzellen des Atlantikwalls. Der Bau des U-Bootbunkers in Bordeaux führt zum sinnlosen Tod der Zivilbevölkerung durch alliierte Bomben, zur rücksichtslosen Ausbeutung der spanischen Flüchtlinge und zum Profitstreben von privaten Unternehmern wie der Hamburger Werft Blohm & Voss. Der gigantische Betonbau in Bordeaux bleibt auch für das nächste Jahrtausend ein dauerhaftes Mahnmal des national-sozialistischen Größenwahns in Europa.

Die Erbauer des U-Bootbunkers in Bordeaux, die „Rotspanier“, erleiden in dreifacher Weise die Unterdrückung durch den Faschismus in Europa: Das Franco-Regime zwingt sie zur Flucht, das Vichy-Regime interniert sie in Konzentrationslagern und beutet sie zusammen mit der Besatzungsmacht wirtschaftlich aus: Die „Rotspanier“, deren Schicksal beim „französischen Arbeitseinsatz“ (GTE) nur wenig erforscht ist, werden die „Sklaven des Atlantikwalls“: Ihr Lager in Souge, synonym für Menschenverachtung und Massenmord, wird zum Symbol der deutschen Terrorherrschaft in Aquitanien. Erst in den sechziger Jahren hat die deutsche Justiz nach einer Klage beim Landgericht Köln die Spanier der Organisation Todt in Bordeaux als Zwangsarbeiter anerkannt. Seitdem erhalten einige von ihnen eine bescheidene monatliche Entschädigung von der Bundesrepublik Deutschland.[4]

Wie an allen Atlantikküsten Westeuropas sind auch in Aquitanien Tausende von Menschen verschiedener Nationalitäten vier Jahre lang im Einsatz, um für Hitler auch am unzugänglichsten Sandstrand einen Bunker zu bauen oder ihn zu bewachen. Für die französische Bevölkerung werden die Baustellen des Atlantikwalls ein Broterwerb im Kriegszeiten und ein Zufluchtsort vor dem „Reichseinsatz“, für die spanischen Zwangsarbeiter und die afrikanischen Kriegsgefangenen ein Ort der Ausbeutung und Misshandlung.

Für die deutsche Wehrmacht und ihre ausländischen Söldner wird die Bewachung der Küste Aquitaniens im Vergleich zu den Kämpfen an der Ostfront ein fast „beschauliches Dasein“. Lediglich die Festungen an der Gironde werden zäh und sinnlos umkämpfte deutschen Bastionen am Atlantik. Fast ein Jahr lang verschanzen sich die letzten Verteidiger des Atlantikwalls in ihren Festungen und kapitulieren zum Teil erst zwei Tage nach der deutschen Gesamtkapitulation am 10. Mai 1945. Die Festung „Gironde-Süd“ wird in doppelter Hinsicht zum Symbol: Zum einen für den sinnlosen Kampf des Dritten Reiches „bis zum letzten Mann“, zum anderen als entgültige Befreiung Frankreichs von der deutschen Besatzung aus eigener Kraft.

Insgesamt hat die Studie gezeigt, dass die Beschäftigung mit dem Atlantikwall nicht einfach wie bisher dem rein militärhistorischen Interesse überlassen werden kann, sondern zwei zentrale Themen der wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Forschung zum Zweiten Weltkrieg berührt: Die ökonomische Kollaboration der besetzten Gebiete und die vielfältige Zwangsarbeit bei der Organisation Todt. Ohne diese beiden Aspekte wäre der Bau des Atlantikwalls nicht möglich gewesen. Die stiefmütterliche Behandlung der Organisation Todt in der deutschen Forschung, der 1989 durch eine erste, wenn auch unzureichende Gesamtdarstellung ein Ende bereitet wurde, bleibt angesichts ihrer strukturellen Bedeutung für das Dritte Reich unverständlich. Und auch der zweite Aspekt, nämlich der deutsche und der französische Zwangseinsatz von Spaniern und Juden im besetzten Frankreich, bleibt sowohl in der deutschen als auch in der französischen Forschung ein Desideratum.

Schließlich sei noch angemerkt, dass die Arbeit zu diesem Thema in Frankreich auf viel Unverständnis und Widerstände stieß. Die Schwierigkeiten, die der Verfasser bei der Akteneinsicht im Archiv in Bordeaux erfahren konnte, sind vielleicht symptomatisch für den Umgang mit den „schwarzen Jahren“ in Frankreich: Einige Akten zum Lager von Souge wurden dem Verfasser auch nach einem Gespräch mit der Archivleitung vorenthalten, von einem Archivleiter im Ruhestand bekam der Verfasser sogar zu hören, dass er sich mit Dingen beschäftigt, die ihn als Ausländer nichts angehen.

Und der staatlichen Gedenkstätte zum lokalen Widerstand, den Centre Jean Moulin in Bordeaux, ist das Lager von Souge gänzlich unbekannt: Die Fixierung der Erinnerung auf den Widerstand, so scheint es, überlagert die Erinnerung an die Kollaboration mit dem Feind. Letztendlich hat die kollektive Verdrängung einer unerfreulichen Vergangenheit, die der französische Historiker Henry Rousso als „Vichy-Syndrom“ bezeichnet, der vorliegenden Arbeit ihre Grenzen aufgezeigt.

Doch auch ein halbes Jahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg verweisen die zahlreichen Bunker des Atlantikwalls, die in Aquitanien teilweise schon im Meer versunken sind und nur noch der maritimen Fauna Schutz bieten, weiterhin auf diese Vergangenheit. Im kommenden Jahrtausend bleiben sie die letzten sichtbaren Spuren einer deutschen Schreckensherrschaft in Europa, der wegen ihrer nationalen Herkunft, ihrer politischen Haltung, ihrem militärischen Einsatz und vor allem wegen ihrem religiösen Glauben Millionen Menschen zum Opfer fielen. Vielleicht werden die Betonruinen eines Tages auch ein Mahnmal für die ausländischen Zwangsarbeiter im Dienste Hitlers. Zumindest hätte der Atlantikwall dann zum ersten Mal einen wirklichen Sinn.

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[1]  Siehe die hier unberücksichtigt gebliebene, in der Presse als "erste Gesamtdarstellung der ökonomischen Kollaboration Frankreichs" angekündigte Arbeit von Annie Lacroix-Riz: Industriels et banquiers francais sous l´occupation. La collaboration économique avec le Reich et Vichy. Paris 1999

[2]  Vgl. Sud-Quest vom 4. Juni 2000

[3]  Vgl. Sud-Quest vom 29. Mai 2000

[4]  Angaben von P. Sevilla