Peter Gaida

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Magisterarbeit : Zwangsarbeiter für Hitler und Pétain. Der Atlantikwall in  Südwestfrankreich 1940-1944

 

Einführung

1. Frankreich in Hitlers Europa

2. Das besetzte Frankreich

3. Die Kollaboration der französischen Industrie

4. Die « Festung Europa »  

5. Die "Organisation Todt"

6. Aquitanien unter deutscher Besatzung

7. Bordeaux, strategische Stadt des Dritten Reiches

8. Der U-Bootbunker von Bordeaux 

9. Die « Rotspanier » der OT

10. Die Festung "Gironde-Süd"

Bilanz

 

 

Frankreich unter deutscher Besatzung 1940-1944   

 

Frankreich nimmt in Hitlers Europa eine Sonderstellung ein, indem es in fünf verschiedene Verwaltungsbereiche geteilt wird: Eine Demarkationslinie teilt das besiegte Frankreich in eine unbesetzte und eine besetzte Zone. Der besetzte Norden wird dem Militärbezirk Belgien angegliedert, der besetzte Osten wird dem Reich einverleibt. Der Rest des Landes wird einer Militärverwaltung unterstellt, ein kleiner Teil des Südostens wird von Italien besetzt. Lediglich der Südosten des Landes bleibt bis November 1942  unter der Kontrolle eines neuen französischen Regimes.

Mit der Besatzung beginnt die organisierte Ausbeutung der französischen Finanzen. Nach Artikel 18 des Waffenstillstandsvertrages verpflichtet sich die französische Regierung zum Unterhalt der deutschen Besatzungstruppen. Die deutsche Seite fixiert die Besatzungskosten auf 20 Millionen Reichsmark täglich, eine Summe, die nach einer französischen Rechnung für den Unterhalt einer Truppe von 18 Millionen Mann ausgereicht hätte. Die an das Reich zu zahlenden Besatzungskosten werden so zur stärksten permanenten Belastung für den französischen Staatshaushalt. Unter den 28 deutschen Verrechungspartnern in Hitlers Europa leistet Frankreich den größten Beitrag zur deutschen Kriegswirtschaft. Frankreich zahlt 31 Milliarden Reichsmark an Besatzungskosten, über drei Milliarden an Quartierleistungen und häuft ein Guthaben von acht Milliarden Reichsmark auf deutschen Verrechungskonten an.[1]

Doch für die Verwaltung des besetzten Frankreich bleibt die deutsche Besatzungsmacht vier Jahre lang auf die Hilfe des französischen Staatsapparates angewiesen, der von einem neuen autoritären Regime in der unbesetzten Zone kontrolliert wird.

Noch während des Westfeldzuges flüchtet die französische Regierung nach Bordeaux. Am am 22. Juni 1940 unterschreibt Marschall Pétain, Kriegsheld des Ersten Weltkrieges, in Compiègne den Waffenstillstandsvertrag. Im Oktober 1940 trifft sich Pétain im französischen Montoire mit Hitler und bietet ihm seine Zusammenarbeit an, die in einem symbolischen Handschlag besiegelt wird. Das Vichy-Regime erhält so die Möglichkeit, außenpolitisch den Weg einer freiwilligen Kollaboration mit dem Dritten Reich zu beschreiten und innenpolitisch eine „nationale Revolution“ einzuleiten.[2]

In keinem anderen Land in Hitlers Europa werden so radikale Reformen unternommen wie durch das Vichy-Regime in Frankreich. Obwohl verschiedene konservative und faschistische Gruppen über die politische Richtung des „neuen Frankreichs“ streiten, werden, die liberale Wirtschaft und Gesellschaft sowie das parlamentarische System ihre gemeinsamen Feinde.[3]

In der Wirtschaft wird eine zentrale Steuerung eingeführt, der freie Markt wird durch die Schaffung von wirtschaftlichen Interessengemeinschaften ersetzt. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände werden aufgelöst, stattdessen entstehen in allen Wirtschaftsbranchen sogenannte „Organisationskomitees“, die sich aus einflussreichen Unternehmern zusammensetzen. Die Lenkung der französischen Wirtschaft gerät so in die Hände einiger weniger Industrieller und Bürokraten.

Das Vichy-Regime schafft auch den gesetzlichen Rahmen für den Masseneinsatz der französischen Arbeiterschaft für die deutsche Kriegswirtschaft diesseits und jenseits des Rheins. Bereits im Juli 1940 beginnen deutsch-französische Verhandlungen über den Verbleib der 1,6 Millionen französischen Kriegsgefangenen im Reich. Um ihre Rückkehr zu erreichen, bricht das Vichy-Regime die Bestimmungen der Genfer Konvention, die eine Überwachung durch eine neutrale Macht vorsieht und ernennt sich selbst zur Schutzmacht der Gefangenen. der besetzten Zone arbeiten, werden mit Zustimmung des Vichy-Regimes ins Reich deportiert.[4]

Erst im Juni 1942 wird die „Relève“, der Austausch von drei freiwilligen Facharbeitern gegen einen Kriegsgefangenen im Reich durch das Vichy-Regime institutionalisiert. Doch da der freiwillige Einsatz wenig Anklang findet und nur wenig Arbeiter freiwillig ins Reich gehen, schafft das Vichy-Regime schließlich eine gesetzliche Zwangsverpflichtung der Bevölkerung: Im September 1942 erlässt das Vichy-Regime ein Gesetz für den Arbeitseinsatz aller Männer zwischen 18 und 50 Jahren, und im Februar 1943 wird schließlich der obligatorische Arbeitsdienst (STO) für ganze Jahrgänge eingeführt. Für die Durchführung des Arbeitsdienstes schafft das Vichy-Regime so seinen eigenen Erfassungs- und Deportationsapparat, der den deutschen Behörden die Organisation einer Massendeportation erspart.

Doch das Vichy-Regime begnügt sich nicht nur mit der Bereitstellung der Arbeitskräfte für Hitlers Europa, sondern fordert auch eine eigene militärische Beteiligung bei seiner Verteidigung. Auf offizieller Seite verhandeln die deutschen und französischen Militärstäbe ab 1940 über eine Zusammenarbeit in den französischen Kolonien. Angesichts englischer Erfolge in Afrika fordert das Vichy-Regime eine eigene Sicherung der Kolonien, um in Westafrika gegen den gemeinsamen Feind England vorzugehen zu können. Während die deutschen Militärs einer militärischen Zusammenarbeit nicht abgeneigt sind, scheitern die Verhandlungen aber an dem Widerstand Hitlers.[5]

Für Marschall Pétain ist der französische Einsatz am Atlantikwall eine Frage der Souveränität seines Regimes. Durch eine französische Beteiligung bei der Abwehr der sich anbahnenden alliierten Invasion könnte das Regime endlich seinen Wert aus echter Partner in Hitlers Europa beweisen. Doch die französische Forderung stößt bei Hitler auf taube Ohren. Hitler erlaubt dem Regime lediglich den Aufbau von Küstenverteidigungen am Mittelmeer in dem französischen Flottenstützpunkt Toulon. Eine von Vichy geforderte Beteiligung am Atlantikwall kommt nicht zustande, die französische Atlantikküste bleibt als militärisches Küstensperrgebiet in deutscher Hand.

Bereits zu Beginn der Besatzung entsteht entlang der gesamten Atlantikküste im Westen Frankreichs die sogenannte „Küstensperrlinie“. Ein Küstenstreifen von 10 bis 20 Kilometer Breite wird zu militärischem Küstensperrgebiet erklärt, die Befehlsgewalt behält der Oberbefehlshaber West. Das Küstensperrgebiet wird zunächst Aufmarschgebiet für die Invasion Englands. Das französische Heer wird ins Hinterland zuruckgeführt, alle Munitionsvorräte, Waffenlager und Produktionsstätten werden der Besatzungsmacht übergeben.[6]

Bereits im Winter 1940 erfolgt im Küstensperrgebiet auch der erste Zwangseinsatz französischer Arbeitskräfte für Befestigungsbauten. Der Militärbefehlshaber des Bezirks Nordfrankreich fordert von den Präfekten der Departements je ein Kontingent von bis zu 500 Facharbeitern den deutschen Behörden zur Verfügung zu stellen. Bei einer Nichtbefolgung droht den Arbeitern ein Verfahren vor dem Kriegsgericht wegen „Sabotage der deutsch-franz-ösischen Zusammenarbeit“.[7]

Im Januar 1944 erhält die Wehrmacht von Hitler das Recht, einen Streifen von 20 bis 30 Kilometern an der Atlantikküste zur „Kampfzone“ erklären zu können, in denen sie die uneingeschränkte Befehlsbefugnis ausübt. Die Norddepartements werden geräumt, und rund 100.000 Einwohner werden zwangsevakuiert. Nach der Invasion in der Normandie müssen weitere 200.000 Einwohner die Departements an der Kanalküste verlassen. Der Plan des Oberkommandos der Wehrmacht, die gesamte evakuierte Bevölkerung Nordwestfrankreichs zur Zwangsarbeit ins Reich zu entsenden, wird nicht mehr ausgeführt.[8]

Auch die wirtschaftlichen Güter im Küstensperrgebiet werden das Ziel von Requisitionen durch militärische und zivile Dienststellen. Die Militärverwaltung erlässt zwar für die Beschlagnahmungen einen gesetzlichen Rahmen, doch die Organisation Todt leitet im Küstensperrgebiet eigene Beschlagnahmungen ein, ohne die Militärverwaltung zu benachrichtigen.[9] Um einer drohenden Beschlagnahmung des Materials zuvorzukommen, sucht die massiv am Atlantik aktive französische Bauwirtschaft schnell eine enge Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden. Als schließlich im Küstensperrgebiet der Bau des Atlantikwalls beginnt, wird der Schutz des Maschinenparks und die Bezahlung der Leistungen die Strategie eines Großteils der französischen Wirtschaft.[10]

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[1]  Ebd., S. 219

[2]  Vgl. Y. Durand: La France dans la deuxième guerre mondiale. Paris 1990, S. 48 f.

[3]  Vgl. R. O. Paxton : La France de Vichy 1940-1944. Paris 1973,  S. 140 f.

[4]  Vgl. Y. Durand:  "Vichy und der "Reichseinsatz", in: U. Herbert (Hg.): Europa und der "Reichseinsatz". Essen 1991, S. 186 f.

[5]  Vgl. K.-V. Neugebauer: Die deutsche Militärkontrolle im unbesetzten Frankreich und Französisch - Nordwestafrika 1940-1942. Boppard am Rhein 1980, S. 108 f.

[6]   Vgl. E. Jäckel 1991, S. 33

[7]   Vgl. L. Nestler: Europa unterm Hakenkreuz: Frankreich. Die faschistische Okkupationspolitik in Frankreich (1940-1944). Berlin (Ost) 1990, Dok 44, S. 152

[8]  Vgl. H. Umbreit: Der Militärbefehlshaber in Frankreich 1940-1944. Boppard am Rhein 1968 (Militärgeschichtliche Studie Nr. 7, herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt), S. 61

[9]  Bundesarchiv/Militärarchiv Freiburg (im folgenden: BA/MA), Signatur RW 35/V 1071, Kriegstagebuch Militärverwaltungsbezirk "Südwest", Lagebericht für den Februar 1942

[10]  Vgl. R. Rochebrune /J.-C. Hazera: Les patrons sous l'occupation. Paris 1995, S. 153 f.