Peter Gaida

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Magisterarbeit : Zwangsarbeiter für Hitler und Pétain. Der Atlantikwall in  Südwestfrankreich 1940-1944

 

Einführung

1. Frankreich in Hitlers Europa

2. Das besetzte Frankreich

3. Die Kollaboration der französischen Industrie

4. Die « Festung Europa »  

5. Die "Organisation Todt"

6. Aquitanien unter deutscher Besatzung

7. Bordeaux, strategische Stadt des Dritten Reiches

8. Der U-Bootbunker von Bordeaux 

9. Die « Rotspanier » der OT

10. Die Festung "Gironde-Süd"

Bilanz

 

 

Aquitanien unter deutscher Besatzung

 

Nach der deutschen Besetzung wird die Region Aquitanien im Südwesten Frankreichs durch ihre Nähe zu Spanien zu einem wichtigen Außenposten in Hitlers Europa. Ihre strategisch wichtigen Küsten zwischen der Gironde und der spanischen Grenze werden jedoch von Hitler nicht erobert, sondern bei den Waffenstillstandsverhandlungen gegen das bereits besetzte Zentralmassiv und das Rhone-Tal eingetauscht.[1] Hitler vergrößert so das „freie“ Vichy-Frankreich und kann im Gegenzug die Atlantikküste in Aquitanien kampflos besetzen.

Der Südwesten Frankreichs wird zunächst von der 7. Armee unter General Dollmann und ab Mai 1942 von der 1. Armee unter General Blaskowitz besetzt. Die Armee besteht aus zwei Armeekorps und umfasst ca. 48.000 Mann (Juni 1944). Zwei Infanteriedivisionen übernehmen die Bewachung Aquitaniens: Die gesamte Armee besteht jedoch meist aus unbeweglichen und schlecht ausgerüsteten Einheiten, die ab 1942 „zur Erholung“ von der Ostfront an die Küste Südwestfrankreichs versetzt und in zahlreichen Soldatenerholungsheimen betreut werden. Sie bleibt von insgesamt vier deutschen Armeen die schwächste in ganz Frankreich.[2]

Für die Verwaltung des besetzten Aquitaniens richtet der Militärbefehlshaber in Frankreich im September 1940 den Militärverwaltungsbezirk „Bordeaux“ ein. Der Bezirk umfasst die Departements Basses-Pyrénées, Landes, Gironde, Charente und Charente-Interieure, der Sitz des Bezirkchefs wird Bordeaux, in Mont-de-Marsan entsteht eine Feldkommandantur, in den größeren Städten entstehen Kreiskommandanturen. Als eigenständige Verwaltungseinheit besteht der Militärbezirk jedoch nur rund 15 Monate lang: Im Januar 1942 wird die Region dem Militärbezirk „Nordwestfrankreich“ angegliedert.[3]

Mit der kampflosen Besetzung durch die Wehrmacht wird Aquitanien ein Teil von Hitlers Europa und somit auch Kriegsschauplatz Im August 1940 erfolgt die erste große Bombardierung der Ölraffinerieanlagen im Norden von Bordeaux. Im Mai 1943 erfolgt die erste Bombardierung des U-Bootbunkers von Bordeaux, der die Zerstörung der Hafenschleusen und den Tod von 250 Zivilisten und Arbeitern zu Folge hat. Im November 1943 erfolgt die erste Bombardierung des Luftwaffenstützpunktes in Bordeaux, bis Juni 1944 wird er weitere 43 Mal bombardiert.[4] Die Menschen in der Region werden so die eigentlichen Leidtragenden einer alliierten Strategie, die ihre Befreiung von der deutschen Herrschaft zum Ziel hat.

Die Region erlebt zudem eine starke Flüchtlingsbewegung. Die Pyrenäen in Süden Aquitaniens werden für die Verfolgten der nationalsozialistischen Herrschaft ein vermeintlich sicherer Fluchtweg aus Hitlers Europa. Doch die spanische Grenze in Aquitanien wird neben den regulären Besatzungstruppen auch von rund zweitausend bayrischen Zollgrenzschützern bewacht, die durch ihre Gebirgserfahrung zum größten Hindernis für die Menschen werden, die nach Spanien oder Portugal flüchten wollen.

In den vier Jahren der Besatzung versuchen Tausende von Widerstandskämpfern, Kommunisten und Juden aus ganz Westeuropa über die Pyrenäen Hitlers Europa zu verlassen. In den vier Jahren schaffen es nur ein Drittel der ca. 120.000 Fluchtversuche, die französisch-spanische Grenze zu passieren. Die meisten enden mit der Festnahme durch die deutschen oder spanischen Grenztruppen, der Übergabe an die Vichy-Behörden oder mit dem Tod in den Bergen, über hundert Flüchtlinge sterben in einem spanischen Internierungslager.[5] Bei der Kontrolle der Flüchtlingsbewegungen über die Pyrenäen arbeiten das neutrale Franco-Regime und das ausländerfeindliche Vichy-Regime eng mit der deutschen Besatzungsmacht zusammen.

Doch das Vichy-Regime hilft nicht nur bei der Kontrolle der Flüchtlingsströme, sondern auch beim Abtransport mehrerer tausend einheimischer Männer und Frauen zum „Reichseinsatz“, zunächst freiwillig, dann im Rahmen der erzwungenen „Relève“ und des Arbeitsdienstes (STO). Der Departement Gironde wird dabei zu einem Modell für einen effizienten „Reichseinsatz“ der französischen Arbeiterschaft: Mit den ersten beiden „Sauckel-Aktionen“ fahren rund zehntausend Arbeiter aus dem Departement ins Reich. Die dritte Sauckel-Aktion erfolgt im Juni 1943 und umfasst rund 8.000 Arbeiter. Auch die OT kann aus dem vollen schöpfen: Von August 1942 bis August 1943 erhält sie rund 8.000 dienstverpflichtete Arbeiter für ihre Baustellen an der Küste.[6]

In dem Departement Landes stößt der freiwillige Arbeitseinsatz im Reich dagegen nur auf wenig Interesse, bis Juni 1942 melden sich nur 239 Freiwillige. Erst mit der Einführung der des Arbeitsdienstes durch das Vichy-Regime erfolgt die massive Verschickung von Arbeitern aus den Landes ins Reich. Vom August 1943 bis zum Mai 1944 werden rund 6.000 Arbeiter ins Reich deportiert, weitere 756 Arbeiter erhält die OT.[7]

Im Baskenland beginnen im März 1943 die ersten Abtransporte ins Reich. Doch nur 650 Personen melden sich freiwillig zum „Reichseinsatz“, der weitaus größere Teil, rund 3.000 Personen, werden im Rahmen des Arbeitsdienstes (STO) ins Reich geschickt. Die OT beschäftigt in dem Departement rund 1.300 Arbeiter, die Wehrmacht beschäftigt weitere 104 Mann beim Bau der „Zweiten Stellung“. Die Resultate der Rekrutierungen bleiben im Baskenland hinter den deutschen Erwartungen.

Um den Dienstverpflichtungen mehr Nachdruck zu verleihen, werden von den deutschen Militärbehörden zusätzlich hohe Geldstrafen verhängt. Beim Nichterscheinen zum Arbeitsdienst wird die betreffende Person zu einer Geldstrafe von 1.000 Reichsmark verurteilt.[8] Der größte Teil der Arbeiter versteckt sich aber mit Hilfe des Widerstandes, der im Baskenland sogar eine „Anti-Deportationsgruppe“ bildet, auf Bauernhöfen in den Wäldern des Departements Landes.[9]

Der Departement Landes wird auch schon früh das Zentrum des Widerstandes in Aquitanien. Bereits Ende 1940 entstehen zahlreiche Widerstandsgruppen, die zunächst nur illegale Druckereien betreiben. Im Juli 1942 hat der erste organisierte Widerstand in dem Departement Landes, die „Bewegung der zivilen und militärischen Organisation“ (O.C.M.) bereits 360 Mitglieder.[10] Ihre ersten Aktionen bestehen aus dem Druck von Flugblättern, der Organisation des illegalen Grenzübergangs nach Spanien und einige Sabotageakte. Im November 1942 beginnt die Zusammenarbeit mit britischen Sabotagegruppen, die mit Fallschirmen Sprengstoff und Waffen abwerfen. Derart bewaffnet begeht der Widerstand in den Landes eine Reihe von Sabotageakten gegen Telefon-, Stromleitungen und Eisenbahnlinien, vereinzelt kommt es auch zu Attentaten gegen die deutschen Besatzungstruppen.[11]

Und auch der Atlantikwall im Norden der Region wird das Ziel von Spionage: Zwei Medizinstudenten aus einem Krankenhaus in Bordeaux spionieren die Bunker an der Mündung der Gironde aus. Zwei Jahre lang dringen sie regelmäßig in das verbotene Küstensperrgebiet ein und sammeln Informationen, die an die Alliierten weitergeleitet werden. Das Krankenhaus St. André wird so eine Schaltstelle des lokalen Widerstandes und auch ein Zufluchtsort für Juden, englische Piloten und flüchtige Kolonialtruppen.[12] Wo der organisierte Widerstand durch Kollaboration und Verrat versagt, trägt die Zivilcourage einer Berufsgruppe dazu bei, den Atlantikwall in Aquitanien auszuspionieren.

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[1]   Vgl. H. Umbreit, S. 53

[2]   Vgl. E. Jäckel 1966, S. 321

[3]   Vgl. H. Umbreit, S. 41

[4]   Vgl. E. Florentin: Quand les Allies bombardaient la France. Paris 1977. S. 118 f.

[5]   Vgl. M. Vivé / R. Vieville: Les Evades de France à travers l'Espagne 1939-1945. Paris 1998, S. 127 f.

[6]   AD Gironde, Signature "SC 50", "Organisation Todt et Relève", Liste der Präfektur der Gironde vom 1. Juli 1943 (Blatt 25 + 26)

[7]   Zahlen nach M. Goubelle: La Résistance dans les Landes. o. Ort 1978, S. 53

[8]   AD Gironde, Signature "VRAC" 365, Schreiben der Feldkommandantur an den Präfekten von Mont-de-Marsan vom 9. 12. 1943 

[9]   Vgl. L. Poullenot (Anm. 189), S. 114 f.

[10]   Ebd., S. 73

[11]   Ebd., S. 84 f.

[12]   Vgl. A. Dartigues: Les hommes en blanc dans la clandestinité. La résistance médicale à Bordeaux et en Gironde. Bordeaux 1996

 

 

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