Ausstellungsplan

« ROTSPANIER »

Vergessene Zwangsarbeiter des Zweiten Weltkrieges

  1. Flüchtlinge aus Spanien
  2. Arbeitssoldaten der Dritten Republik
  3. Sklavenarbeiter im Dritten Reich
  4. Arbeitskommandos des Vichy-Regimes
  5. Sträflinge in Französisch-Nordafrika
  6. Zwangsarbeiter der Organisation Todt
  7. KZ-Häftlinge auf den Kanalinseln
  8. Exilanten in Frankreich

Flüchtlinge aus Spanien

Am Ende des Spanischen Bürgerkrieges im Winter 1939 flüchten fast eine halbe Million Soldaten, Zivilisten, Frauen, Kinder und Alte vor den nationalistischen Truppen Francos über die Pyrenäen. Diese immense Masse antifaschistischer Flüchtlinge beunruhigt die französische Regierung, die sie in improvisierten Lagern an den Stränden von Argelès-sur-Mer, Saint-Cyprien und Barcarès interniert. Über 300.000 Menschen müssen während eines strengen Winters Löcher in den Sand graben, um sich notdürftig zu schützen. 15.000 sterben in den folgenden Monaten durch die katastrophalen sanitären Bedingungen. Um die Auffanglager am Strand zu entlasten, erbaut die Regierung neue Internierungslager in Südfrankreich, in die neben den Rotspaniern auch “Ausländer aus Feindstaaten” und Kommunisten interniert werden. Die größten Lager entstehen in Gurs und Vernet. Die große Mehrheit der spanischen Flüchtlinge kehrt in ihre Heimat zurück, einige emigrieren nach Südamerika. Anfang 1940 befinden sich rund 140.000 spanische Flüchtlinge in Frankreich, darunter 40.000 Frauen und Kinder. Die Rotspanier sind die ersten Internierten in Frankreich.

Arbeitssoldaten der Dritten Republik

Im April 1939 beschließt die französische Regierung, alle ausländischen Flüchtlinge als Arbeiter in der Kriegswirtschaft oder als Soldaten an der Front einzusetzen. Jeder Asylant muss sich schriftlich verpflichten, ein Dekret zur Ausweitung der Dienstpflicht auf Ausländer zu akzeptieren, um in Frankreich bleiben zu dürfen. 6.000 Rotspanier engagieren sich daraufhin in Freiwilligenverbänden und in der Fremdenlegion, die in Narvik hohe Verluste erleidet. Der weit größte Teil der Rotspanier wird jedoch als Dienstpflichtige (“prestataires”) in der Kriegswirtschaft eingesetzt: 40.000 werden individuell von der Wirtschaft angeworben, die verbleibenden 55.000 werden von der französischen Armee in bewachten Arbeitskompagnien (“Compagnies de Travailleurs Étrangers”, CTE) zusammengefasst und als Arbeitssoldaten an der Maginot-Linie und in Nordafrika eingesetzt. Als die Wehrmacht im Mai 1940 Frankreich besetzt, sterben während der Kampfhandlungen 5.000 Rotspanier dieser Kompanien, weitere 7.000 werden von der Wehrmacht gefangen genommen und auf Führerbefehl in deutsche Konzentrationslager deportiert. Die Rotspanier sind die ersten Deportierten aus Frankreich.

Sklavenarbeiter im Dritten Reich

Über 10.000 Rotspanier leisten Zwangsarbeit im Deutschen Reich, die Mehrheit als KZ-Häftlinge in Mauthausen, das einzige KZ mit der Klassifizierung III, was eine „Vernichtung durch Arbeit“ bedeutete. Von den 9.000 aus Frankreich deportierten Rotspaniern sterben 6.000 im KZ Mauthausen. In dem letzten Jahrzehnt hat in Spanien eine intensive Forschung zu den Republikanern in Mauthausen und in anderen Lagern eingesetzt. So gut wie nichts wissen wir dagegen über das Schicksal von rund 2.000 Exilspaniern, die auf verschiedenen Wegen im Deutschen Reich arbeiten mussten. Einige sind Arbeiter der Organisation Todt, die 1944 aus Frankreich nach Deutschland gebracht werden. Andere melden sich freiwillig für den „Reichseinsatz“, wie zum Beispiel Salvador, Koch des Hotels Ritz in Valencia und Angela, Lehrerin in Bilbao, die im KZ Auschwitz II arbeiten. Nach der Befreiung werden beide von der Roten Armee der Kollaboration verdächtigt und in ein Lager in Odessa deportiert. Solche Einzelschicksale sind in Spanien bislang völlig unbekannt.

Arbeitskommandos des Vichy-Regimes

Die Rotspanier in der unbesetzten Zone Frankreichs bleiben zunächst von einer Deportation ins Deutsche Reich verschont, nicht aber von der repressiven Politik des Vichy-Regimes. Die Regierung des Marschall Pétain schafft ihr eigenes System von Internierungs-und Arbeitslagern, in dem Rotspanier, zusammen mit Kommunisten, Juden, Zigeunern und Widerstandskämpfer interniert werden. Ein Gesetz vom September 1940 erlaubt es, diese „überschüssigen Ausländer in der Nationalwirtschaft“ dem Arbeitseinsatz zuzuführen. Alle Exilspanier in den Lagern der Vichy-Zone werden daraufhin in zahlreiche Arbeitskommandos (“Groupements de Travailleurs Étrangers”, GTE) in der Vichy-Zone zwangsrekrutiert. Vier Jahre lang müssen über 30.000 Rotspanier und 10.000 andere Exilanten ohne Lohn und unter schwierigen Bedingungen in der Landwirtschaft und in der Industrie arbeiten. Die Rotspanier sind die ersten Zwangsarbeiter des Vichy-Regimes.

Sträflinge in Französisch-Nordafrika

Auch in Französisch-Nordafrika bauen die Kolonialbehörden des Vichy-Regimes ein System von Internierungs- und Arbeitslagern auf, in denen Franzosen, Nordafrikaner und Ausländer unter extremen Bedingungen leben müssen, darunter mehrere europäische Intellektuelle. Sie alle werden Opfer von Hunger, Seuchen und Misshandlungen. Die große Mehrheit der Zwangsarbeiter in Nordafrika sind Rotspanier. Einige Tausend flüchten im April 1939 per Schiff aus Alicante nach Oran. Weitere tausend werden im Sommer 1941 vom Vichy-Regime deportiert. Das größte französische Internierungslager in Nordafrika mit 800 Rotspaniern entsteht in Djelfa. 3.000 Rotspanier sind beim Bau einer Eisenbahnlinie quer durch die Sahara beschäftigt, die „Transsaharien“, eine 3.000 Kilometer lange Eisenbahn, um Truppen und Rohstoffe aus dem kolonialen Afrika auf dem Landweg transportieren zu können. Bis zur Landung der Alliierten 1943 arbeiten Rotspanier, Exilanten, Franzosen und Nordafrikaner unter extremen Bedingungen an der Bahnstrecke, von der nur 46 Kilometer fertiggestellt werden. Die Rotspanier werden Opfer eines kolonialen Größenwahns des Vichy-Regimes.

Zwangsarbeiter der Organisation Todt

Die nationalsozialistische Baubehörde „Organisation Todt“ (OT) entsteht 1938 für den Bau des “Westwalls” und folgt als paramilitärische Bautruppe der Wehrmacht bei allen Blitzkriegen in Europa. Die OT übernimmt in den besetzten Gebieten sämtliche Arbeiten für die Wehrmacht und wird ein Pfeiler der deutschen Kriegswirtschaft. Die OT entwickelt sich zum größten Arbeitgeber in “Hitlers Europa”. Im Jahr 1944 beschäftigt sie eineinhalb Millionen Freiwillige, Dienstverpflichtete, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Die größten Bauprojekte der “OT-Einsatzgruppe West” im besetzten Frankreich sind fünf U-Bootbunker und der „Atlantikwall“. Die OT betreibt über 70 Arbeitslager an den Küsten Frankreichs, in denen Rot-spanier mit Kolonialsoldaten, Juden und Sowjetbürgern unter strenger Bewachung der SS in Lagern leben. Die OT beschäftigt Anfang 1944 291.000 Arbeiter in Frankreich, die Hälfte davon sind Ausländer. Unter den Zwangsarbeitern der OT befinden sich auch 35.000 Rotspanier. Sie werden vom Vichy-Regime aus den Arbeitskommandos (GTE) den deutschen Behörden zu übergeben, um so französische Arbeiter vor einer Dienstverpflichtung zu schützen. Die Rotspanier sind die größte Gruppe von Zwangsarbeitern bei der Organisation Todt.

KZ-Häftlinge auf den Kanalinseln

Als einziges britisches Territorium, das von der Wehrmacht besetzt wird, erhalten die Kanalinseln hoch symbolische Bedeutung für die NS-Regime und für die Kriegsführung. Auf direkten Befehl des Führers werden diese drei kleinen Inseln zu uneinnehmbaren „Festungen“ des Atlantikwalls ausgebaut. Mit dem Bau zahlreicher Bunker, Tunnel und Geschützstellungen wird die OT beauftragt. 16.000 Freiwillige und Zwangsarbeiter werden auf die Inseln transportiert. Unter ihnen befinden sich deportierte Sowjetgefangene und KZ-Häftlinge („SS-Baubrigade 1“), sowie vom Vichy-Regime übergebene Nordafrikaner, Juden und Rotspanier. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Lagern auf den Kanalinseln sind besonders hart. Auf der Insel Alderney werden vier Arbeitslager eingerichtet, darunter auch das Außenlager „Sylt“ des KZ Neuengamme. In den verschiedenen Lagern der Kanalinseln leben bis zu 2.000 Rotspanier. Nur wenige Hundert überlebten.

Exilanten in Frankreich

Die Rotspanier sind mit 20.000 Kämpfern die größte Gruppe von Ausländern im französischen Widerstand. Sie desertieren reihenweise aus den GTE und den Lagern der OT, um sich der Résistance anzuschließen. 200 Spanier der Division Leclerc „La Nueve“ nehmen auch an der Befreiung von Paris teil. Mehrere Städte in Südfrankreich werden im Sommer 1944 von spanischen Widerstandsgruppen befreit. Nach ihrer Befreiung hoffen viele Rotspanier vergeblich auf eine alliierte Intervention in Franco-Spanien. Die Mehrheit der Rotspanier bleibt dauerhaft im Exil, viele nehmen die französische Staatsangehörigkeit an und bestreiten ihr Leben in Frankreich; andere bleiben staatenlos. Sie schließen sich in Exilvereinen zusammen und versuchen ihre Rechte als Opfer des NS-Regimes einzuklagen. 1960 starten Hunderte Rotspanier eine juristische Initiative gegen die Entschädigungsbehörde der BRD, die sie nicht als politische Verfolgte ansehen will. Diese wenig bekannte Episode endet mit einer positiven Entscheidung des Bundesgerichtshofes im Jahr 1969. Mehrere Tausend Rotspanier werden als Opfer des NS-Regimes nach dem Bundesentschädigungsgesetz anerkannt. Sie gehören zu den ersten Zwangsarbeitern des Dritten Reichs, die von der Bundesrepublik entschädigt werden.

33total visits,1visits today

Auteur : petergaida

Historiker

Laisser un commentaire

Votre adresse de messagerie ne sera pas publiée.